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Deutschland / Welt Ende einer Odyssee am Horn von Afrika
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21:44 04.08.2009
Mit sicherem Geleit: Zwei deutsche Fregatten begleiteten die „Stavanger“ gestern aus dem somalischen Hoheitsgebiet. Quelle: Bundeswehr/ddp
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Dreimal innerhalb von 24 Stunden dürfte der deutsche Kapitän des ContainerschiffesHansa Stavanger“ aufgeatmet haben. Das erste Mal, als ein kleines Flugzeug auftauchte und ein Paket mit 2,75 Millionen Dollar Lösegeld abwarf. Das zweite Mal, als die Piraten nach genau vier Monaten endlich von Bord gingen, er selbst sich wieder auf die Brücke stellen und seinen Frachter kommandieren konnte. Und das dritte Mal schließlich, als hinter dem Heck die Küste Somalias verschwand. Wenn auch der Horror für die 24-köpfige Besatzung – darunter neben dem Kapitän vier weitere Deutsche – nun zu Ende ist und sie alle unversehrt sind, so dürften die Albträume noch lange Zeit bleiben. Auch in Berlin und in Hamburg.

Kaum hat das Drama ein glückliches Ende gefunden, wird Kritik am Schiffseigner, der Hamburger Reederei Leonhardt & Blumberg, laut. Genau 120 Tage lang war die „Stavanger“ in der Hand somalischer Piraten – und nun wird die Frage gestellt, ob die Geiselnahme womöglich viel früher hätte beendet werden können.

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Der Krisenstab im Auswärtigen Amt in Berlin war von Beginn an über die Lage an Bord der „Stavanger“ informiert. Mit mindestens einem Schiff und einem Seefernaufklärer aus Nordholz bei Cuxhaven wurde der Frachter an seinem erzwungenen Liegeplatz in einem somalischen Hafen ständig beschattet. Weil dieser Einsatz immer länger dauerte und hohe Kosten verursachte, schaltete sich Ende Juli Verteidigungsstaatssekretär Thomas Kossendey ein und legte dem Reeder nahe, den Forderungen der Geiselnehmer endlich entgegenzukommen.

Wollte die Reederei, wie alle anderen auch ohnehin hart getroffen von der Rezession, sich das Geld sparen? Wollte sie das Drama aussitzen? Hat sie darauf gehofft, dass die deutschen, russischen, ukrainischen und philippinischen Seeleute wie durch ein Wunder einfach so wieder freigelassen würden? Von den Angehörigen werden erste entsprechende Vorwürfe laut.

An der Hamburger Elbchaussee, wo die Reederei ihren Sitz hat, sieht man die Geschichte etwas anders. Man habe sich einem „unberechenbaren Verhandlungspartner gegenüber“ gesehen, fast täglich habe es neue Forderungen gegeben. Die Piraten sollen dem Reeder Frank Leonhardt gesagt haben, dass er mehr zahlen müsse als andere Schiffsbesitzer, da es ein deutsches Schiff sei und fünf Geiseln aus Deutschland kämen. „Einem solchen Gegner muss mit besonnenem statt mit übereiltem Handeln begegnet werden“, sagte Leonhardt am Dienstag.

Am 4. April war der 20 000-Tonner rund 400 Seemeilen vor der Küste Somalias auf dem Weg nach Kenia von somalischen Piraten aufgebracht worden. Eine deutsche Fregatte, die im Golf von Aden im Rahmen der EU-Operation „Atalanta“ patrouillierte, fing den Notruf auf. Doch als sich das Kriegsschiff der „Stavanger“ näherte, drohten die Piraten, die Besatzung zu erschießen. Die Fregatte drehte ab. Schließlich erwog die Bundesregierung den Einsatz der GSG-9, um die Seeleute zu befreien und flog 200 Elitepolizisten nach Mombasa im benachbarten Kenia. Von dort aus brachte das US-Schiff „Boxer“ die Einsatztruppe einschließlich Ausrüstung und Hubschrauber in die Nähe der „Stavanger“. Aber dann warnten die Amerikaner, dass ein Eingreifen zu gefährlich sei und mit dem Tod der Geiseln enden könne. Nun blieb dem Schiffseigner nur noch die Verhandlung mit den Piraten über das geforderte Lösegeld.

An Bord der „Stavanger“ war die Lage anfangs relativ ruhig. Die Piraten seien „bekifft, aber freundlich“ hieß es in einer E-Mail von Bord des Schiffes. Doch die Reederei wollte die geforderten drei Millionen Dollar nicht zahlen. Sie verhandelte. Die Freischärler verloren die Geduld. Sie verbanden den Seeleuten die Augen und schossen über ihre Köpfe, quälten sie mit Scheinhinrichtungen. Im Juli erreichte eine weitere E-Mail Deutschland: „Wir haben kaum noch Wasser, keine Medikamente, viele sind krank.“ Schließlich brachten die Piraten vier Seeleute an Land und entführten sie in ein kleines Dorf, etwa eine Stunde von der Hafenstadt Haradhere entfernt, wo die „Stavanger“ vor Anker lag. Die Situation wurde immer dramatischer. Da lenkte die Reederei schließlich ein und zahlte fast so viel, wie die Gangster am Anfang verlangt hatten.

Nahezu zeitgleich mit der Freilassung der „Stavanger“ gaben die Piraten am Dienstag ein malaysisches Schiff frei – acht Monate nach der Kaperung und nach Zahlung von 1,3 Millionen Dollar. Aber noch immer sind etwa ein Dutzend internationaler Schiffe mit rund 200 Mann Besatzung in ihrer Gewalt, machen Ähnliches durch wie die Seeleute der „Stavanger“. Wenn auch gegenwärtig durch Monsun und schwere See die Freibeuterei etwas nachgelassen hat, so wurden allein 2009 schon über 100 Schiffe angegriffen und 31 davon gekapert. Im gesamten Jahr 2008 waren es 42. Wirklich bekämpfen lasse sich die Piraterie vor Somalia nur durch einen massiven Landeinsatz, sagen Anti-Terror-Spezialisten. Doch dazu gibt es bisher keine internationale Bereitschaft. Lediglich die Franzosen schickten einmal nach der Zahlung von Lösegeld eine Eliteeinheit mit dem Hubschrauber hinterher – die dann von den Gangstern gefangen genommen wurde.

von Helmut Schneider

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