Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Deutschland / Welt Erster Osteuropäer an der Spitze des EU-Parlaments
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Erster Osteuropäer an der Spitze des EU-Parlaments
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:05 14.07.2009
Jerzy Buzek setzt sich an die Spitze des Europaparlaments
Jerzy Buzek setzt sich an die Spitze des Europaparlaments Quelle: Johanna Leguerre/afp
Anzeige

Jahrelang kämpfte er an der Seite des Solidarnosc-Gründers Lech Walesa für Freiheit und Demokratie, für das Ende der Teilung Europas in Ost und West. 20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hat sich für Jerzy Buzek ein Traum erfüllt: Als erster Osteruropäer wurde der 69-jährige am Dienstag an die Spitze des Europaparlaments gewählt.

Vor vielen Jahren hätte er dies „nicht Mal zu träumen gewagt“, gestand Buzek. Seine Wahl zeige, wie sehr sich Europa verändert habe. Der 69-Jährige weiß freilich, dass die Teilung Europas in Ost und West noch immer nicht ganz überwunden ist. Seine Wahl sei aber ein Signal an die Menschen in Ost- und Mitteleuropa. Sie zeige, dass die Teilung ganz verschwinden werden, sagte er der polnischen Zeitung „Polska“.
Seine politische Karriere begann Buzek, ein ehemaliger Chemieprofessor, nach der Gründung der Gewerkschaft Solidarnosc 1980. Er rief eine Solidarnosc-Sektion am Institut für Chemie in Schlesien ins Leben, wo er damals lehrte. Als der bis dahin wenig bekannte Wissenschaftler 1997 Regierungschef wurde - als erster Protestant im überwiegend katholischen Polen - wurde ihm zunächst wenig politisches Profil zugetraut. Doch gelang es Buzek, Risse innerhalb der Solidarnosc zu kitten und vier Jahre lang im Amt zu bleiben - nach der „Wende“ von 1989 in Polen ein Rekord. Als Ministerpräsident lernte Buzek auch die EU gründlich kennen: Unter seiner Amstzeit begannen die Beitrittsverhandlungen Polens mit der EU-Kommission.
Dem Europaparlament gehört Buzek seit der Osterweiterung der EU 2004 an. Er engagierte sich besonders im Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie, etwa mit Berichten zur Energieversorgung. Außerdem war er als Berichterstatter des Parlaments maßgeblich an den Verhandlungen mit dem Rat über das 7. Rahmenforschungsprogramm der EU beteiligt - mit einem Volumen von 50 Milliarden Euro eines der wichtigsten Vorhaben der letzten Legislaturperiode.
Während seines ersten Mandats hat Buzek sich Respekt und Anerkennung auch bei politischen Gegnern verschafft. Er sei ein „sehr engagierter“ und zudem dialogbereiter Politiker, lobt etwa die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen, Rebecca Harms. Der SPD-Abgeordnete und frühere Vorsitzende des Verfassungsausschusses, Jo Leinen (SPD), bescheinigt dem Polen gründliche Kenntnis über das Funktionieren des Europaparlaments. Fraktionsübergreifend gelobt wird auch Buzeks Fairness gegenüber politischen Gegnern. So fand sich am Dienstag auch kaum ein Abgeordneter, der seine Wahl nicht begrüßte. Immer wieder spendeten die Abgeordneten ihrem neuen Präsidenten großzügig Applaus.
Der Politiker mit den weißen Haaren und dem korrekten Scheitel ist mit einer Chemieprofessorin verheiratet und Vater der Schauspielerin Agata Buzek, die unter anderem im Tatort-Krimi „Fettkiller“ und dem ZDF-Zweiteiler „Paparazzo“ hervortrat. Seine knapp bemessene Freizeit verbringt Buzek gerne auf dem Tennisplatz oder beim Kajak-Fahren im Gebiet der Masuren. Sein neues Amt dürfte ihm dazu wohl nicht mehr viel Zeit lassen.
afp