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Deutschland / Welt "Spahns Reformen gefährden die Bevölkerung“
Nachrichten Politik Deutschland / Welt "Spahns Reformen gefährden die Bevölkerung“
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05:00 25.05.2019
Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer Quelle: Monika Skolimowska/ZB/dpa
Berlin

Schon in wenigen Tagen wird ein anderer in seinem Büro im Haus der Bundesärztekammer am Berliner Tiergarten sitzen.

Frank Ulrich Montgomery will beim Ärztetag aus Altersgründen nicht mehr für das Amt des Präsidenten kandidieren. Im Interview spricht er über die Entwicklungen im Gesundheitswesen, die seiner Meinung nach in die falsche Richtung laufen.

Herr Montgomery, bei Ihrem Amtsantritt 2011 haben Sie als Ziel genannt, es solle wieder Spaß machen, als Arzt zu arbeiten. Haben Sie das erreicht?

Zu Beginn einer Amtszeit gibt man die Richtung vor, in die man gehen will. Niemand kann dieses Ziel zu 100 Prozent erreichen, weil es immer Unzufriedene geben wird. Aber es lässt sich ganz objektiv feststellen, dass die Einkommen aller Mediziner trotz unbezahlter Überstunden gestiegen sind und sich auch die Arbeitsbedingungen spürbar verbessert haben – wenn auch nicht ausreichend.

Sie scheinen milde gestimmt. Schließlich wurde zuletzt das Termingesetz von Gesundheitsminister Spahn von der Ärzteschaft als beispiellose Gängelung der Mediziner kritisiert.

Der Vorwurf bleibt richtig. Die Anhebung der wöchentlichen Sprechzeiten auf 25 Stunden ist angesichts der Tatsache, dass die Ärzte im Schnitt über 50 Stunden pro Woche arbeiten, eine Lachnummer. Damit wird sich für die Patienten gar nichts ändern. Aber das Gesetz enthält auch viel Vernünftiges. Spahn geht zum Beispiel endlich das Problem der überfüllten Notaufnahmen an.

Spahn ist also doch ein guter Minister?

Wir arbeiten gut mit ihm zusammen, auch wenn wir natürlich in der Sache nicht immer einer Meinung sind. Zum Beispiel treibt er eine Entwicklung voran, die für uns inakzeptabel ist: Ärztliche Kernaufgaben sollen schrittweise an Berufe ausgelagert werden, die dafür nur unzureichend ausgebildet sind.

Nennen Sie ein Beispiel!

Apotheker sollen gegen Grippe impfen dürfen. Aber das ist eben nicht nur: Arm frei, Spitze rein. Es gibt, wenn auch nur sehr selten, Komplikationen direkt bei der Impfung. Und zuvor muss abgeklärt werden, ob eine Impfung aufgrund des Gesundheitszustandes überhaupt in Frage kommt. Nein, Impfen ist und bleibt eine ärztliche Aufgabe. Alles andere gefährdet die Bevölkerung.

Was stört sie noch?

Die völlig verkorkste Reform der Psychotherapeuten-Ausbildung. Absolventen der neuen Studiengänge dürfen psychisch Kranke behandeln, obwohl sie in der Ausbildung kaum praktische Erfahrungen gesammelt haben. Das ist unverantwortlich. Es fehlt ein Praktisches Jahr, wie es das im Medizinstudium gibt, oder zumindest ein Praxissemester. Mit dieser Schrumpf-Ausbildung darf niemand auf Patienten los gelassen werden. Unzufrieden sind wir auch mit der Reform der Hebammen-Ausbildung.

Was passt Ihnen hier nicht?

Sicherlich ist es sinnvoll, deren Ausbildung weiter zu entwickeln. Aber wir befürchten, dass die Akademisierung den akuten Mangel an Hebammen vor allem in den Kreißsälen noch verstärken wird. Wir brauchen die Hebammen am Bett und nicht in der Verwaltung. Das ist ein klassischer praktischer Beruf. Hinzu kommt, dass es bei einer absurden Regelung im Hebammengesetz bleiben soll

Von welcher Regelung sprechen Sie?

Im Gesetz wird ausdrücklich vorgeschrieben, dass Ärztinnen und Ärzte bei einer Geburt immer eine Hebamme hinzuziehen müssen. Diese Vorgabe stammt übrigens aus der NS-Zeit und gehört dringend abgeschafft.

Sie wollen doch nicht wirklich mit diesem Hinweis gegen die Regelung argumentieren?

Ich wollte lediglich an den historischen Ursprung erinnern. Wenn man das heute so will, dann muss auch ausdrücklich festgelegt werden, dass eine Hebamme immer einen Arzt hinzuziehen muss. Nur so wird die Sicherheit der Patientinnen gewährleistet.

Noch hat die Koalition darüber nicht endgültig entschieden. Was würden Sie als Erfolg Ihrer Arbeit als Ärztepräsident verbuchen?

Die Bundesärztekammer hat in der Politik einen immer wichtigeren Stellenwert bekommen. Wir werden gehört, auch und vor allem als ethisch-moralischen Instanz. Ich freue mich zum Beispiel, dass Spahn das Plädoyer der Ärzteschaft für eine Widerspruchslösung in der Organspende aufgegriffen hat.

Sie selbst haben sich allerdings vor einigen Jahren noch dagegen ausgesprochen.

Ich war nicht dagegen, sondern habe sie für nicht durchsetzbar gehalten und deshalb geraten, die Finger davon zu lassen. Damals war klar, dass die Abgeordneten bei frei gegebenen Abstimmungen nicht gegen die Interessen der großen Kirchen stimmen, die eine Widerspruchslösung nach wie vor ablehnen. Mittlerweile ist die gesellschaftliche Stimmung eine ganz andere, das zeigen auch viele Umfragen. Allerdings bin ich derzeit wieder skeptisch, was die Debattenführung angeht.

Warum?

Eigentlich ist es üblich, dass ethische Debatten im Bundestag ruhig und besonnen geführt werden und die Vertreter unterschiedlicher Positionen respektvoll miteinander umgehen. Die Debatte um die Organspende wird aber inzwischen von einigen mit harten Bandagen und viel Ideologie geführt. Statt die eigenen Vorschläge gut zu begründen und dafür zu werben, werden die Ideen anderer diffamiert. Das schadet der Sache. Denn egal, wie die Abstimmung ausgeht: Ein Streit auf diesem Niveau wird sich negativ auf die Spendenbereitschaft auswirken. Ich appelliere an alle Abgeordneten, wieder zu einer sachlichen Debatte zurück zu kehren.

Was sind für Sie die größten Herausforderungen, vor denen das Gesundheitswesen steht?

Genannt wird immer der Ärztemangel. Aber ich glaube inzwischen, dass wir das mit klugen Ideen und dem Enthusiasmus der jungen Generation hinbekommen. Angesichts des sich abzeichnenden wirtschaftlichen Abschwungs sorgt mich vielmehr, dass sich die Politik auf der boomenden Konjunktur der vergangenen Jahre ausgeruht und nichts unternommen hat, unser Gesundheitswesen zukunftsfest zu machen. Das betrifft die Finanzierung, denn es gibt keinerlei Rücklagen für die zunehmende Alterung der Gesellschaft. Es betrifft aber auch die Strukturen.

Was meinen Sie konkret?

Wir haben in einigen Regionen sicherlich zu viele Kliniken. Die Lösung kann aber nicht heißen, unwirtschaftliche Häuser einfach ersatzlos zu schließen. Die Idee, diese Häuser mit Fördermitteln zum Beispiel in geriatrische Häuser umzuwandeln, ist richtig. Oft haben Klinik-Kollegen das Gefühl, dass sie ältere Patienten nach einer Operation nicht einfach nach Hause schicken können, weil sie dort allein sind. Aber sie haben dann keine andere Möglichkeit. Wir brauchen hier Lösungen, die sicherlich auch unpopuläre Entscheidungen erfordern. Aber dafür fehlt den Verantwortlichen bisher der Mut. Das wird sich bald rächen.

Lesen Sie auch: CSU kritisiert Hebammen-Gesetz von Spahn

Von Timot Szent-Ivanyi/RND

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