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Deutschland / Welt Franz Müntefering: „Es gibt in jedem Alter Vernünftige und Bekloppte“
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05:00 27.06.2019
Ein Bild aus anderen Zeiten: Franz Müntefering (r.) mit dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder im Jahr 2005. Quelle: dpa

Herr Müntefering, der SPD-Vorstand hat beschlossen, dass die Partei künftig auch von einer Doppelspitze geführt werden kann. Ist das sinnvoll?

Es gibt in der Gesellschaft den Wunsch nach Führungsformen, in denen nicht einer allein das Sagen hat. Ich finde es gut, wenn der SPD-Parteivorstand jetzt den Weg dazu eröffnet, dass die Partei von einer Doppelspitze geführt werden kann – ohne dass es gleich einen Zwang gibt, das immer und auf jeden Fall zu machen. Die Partei kehrt damit eigentlich zu ihren Wurzeln zurück – mit einem entscheidenden Unterschied.

Das müssen Sie genauer erläutern.

Die SPD ist über 150 Jahre alt – und, auch wenn viele das nicht mehr wissen, gab es die doppelte Verantwortung an ihrer Spitze immer mal wieder. Das war im Aufbau der Partei durchaus üblich. Es waren aber immer nur Männer, die Macht und Verantwortung geteilt haben. Heute ist klar: Wenn es eine Doppelspitze gibt, dann müssen das Frau und Mann sein. Das ist zeitgemäß. Es ist ein wirklicher Fortschritt.

Waren der damalige Kanzler Gerhard Schröder und Sie nicht in Wirklichkeit auch eine informelle Doppelspitze, als Sie 2004 den SPD-Vorsitz von ihm übernahmen?

Wir waren nie eine Doppelspitze. Gerhard Schröder hat auf meinen Vorschlag hin im Jahr 1999 die Funktion des Generalsekretärs eingeführt, mit der ich ihn als Kanzler und Parteichef von organisatorischen Aufgaben entlasten konnte. Es war im Nachhinein gesehen ein Fehler, dass ich den SPD-Vorsitz angenommen habe. Denn es hat seine Autorität in der Partei relativiert. Manche Mitglieder wollten, dass ich dem Kanzler ins Regierungshandwerk pfusche. Das wollte ich aber nie.

Müssen sich die beiden Teile einer Doppelspitze gut verstehen?

Alle Menschen sind Unikate. Willy Brandt, Herbert Wehner und Helmut Schmidt haben auch nicht jeden Tag zusammengesessen und Händchen gehalten. Heftiger Streit gehört in einer Parteiführung dazu. Wichtig ist aber eine Kompromissfähigkeit, die in Teilen der SPD leider verlernt worden ist.

Finden Sie wirklich? Man hat den Eindruck, in der SPD werden ständig neue Kompromisse gesucht…

Genau das meine ich ja. Die SPD – nicht nur die Spitze, sondern auch die Mitglieder – müssen sich an eins wieder gewöhnen: Man muss um den richtigen Kompromiss streiten. Wenn man sich aber geeinigt hat, muss das auch gelten – und zwar für alle. Dazu waren in den vergangenen Jahren zu viele in der Partei nicht bereit. Man kann nicht jeden Tag alles wieder neu verhandeln.

Wer eine Doppelspitze bilden will, soll jetzt gleich als Team antreten. Können Reibereien so von vorneherein ausgeschlossen werden?

Das wird man sehen. Ich finde es eine pfiffige Idee, dass Bewerber für eine Doppelspitze gleich als Team antreten können. Wir probieren etwas Neues. Aber ich denke: Auch gewichtige Unikate können gute Vorsitzende sein.

Kritiker einer Mitgliederbefragung sagen: „So ist damals Rudolf Scharping Parteichef geworden – und er ist als Vorsitzender gescheitert.“

Wir haben als SPD bei der Mitgliederbefragung einen entscheidenden Fehler gemacht, den die jetzige Parteiführung nicht wiederholen will und wird: Es gab keine Stichwahl. Rudolf Scharping hatte zwar die meisten Stimmen, aber im ersten und einzigen Wahlgang keine Mehrheit. Das hat später immer seine Autorität belastet, obwohl der Parteitag ihn ja gewählt hatte.

Fänden Sie ein Duo aus einem jüngeren und einem älteren Menschen gut?

Das Alter spielt keine Rolle. Ich habe nicht Recht oder Unrecht, weil ich 79 bin. Das gilt ganz genauso für den 29-Jährigen. Als Bebel 1869 mit Liebknecht die Sozialdemokratische Arbeiterpartei gründete, war Bebel 29 Jahre alt. Es gibt in jedem Alter Vernünftige und Bekloppte. Die Vernünftigen müssen sich unterhaken.

Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht die Frage, ob ein Kandidat oder ein Team sich für oder gegen die große Koalition positioniert?

Ich persönlich habe da eine ganz klare Position. Es gibt viel zu tun in Deutschland und wir müssen regieren. Die SPD darf sich nicht unglaubwürdig machen, indem sie die Verantwortung wegwirft. Keine Mannschaft gewinnt ein Spiel, indem Sie sagt: Wir gehen vorzeitig vom Platz und konzentrieren uns auf das nächste Spiel.

In der SPD denken einige, dass solche Durchhalteparolen und auch Sie persönlich – etwa mit der Rente mit 67 – für den Absturz der Partei verantwortlich sind?

Die SPD hätte viel früher Probleme bekommen, wenn wir nicht 1998 mit Gerhard Schröder die Regierung übernommen und dann auch mit der Agenda 2010 das Land reformiert hätten. Dann wären wir einfach nicht relevant gewesen. Die SPD hat viel für das Land geleistet, aber nie gelernt sich selbst dafür zu loben. Nicht alles war perfekt, aber das allermeiste gut für unser Land.

Haben Sie Angst, dass die SPD sterben könnte?

Nein. Angst ist auch ein schlechter Ratgeber. Die SPD darf nur einen Fehler nicht machen: Sich selbst kleinzumachen und zu verengen, indem sie sich als reine Klientelpartei sieht. Wir müssen eine Volkspartei bleiben. Wir dürfen nie vergessen, dass wir Gerechtigkeit am besten erreichen, indem wir Wohlstand für alle schaffen. Und das berührt Soziales, Ökologie und Ökonomie in gleicher Weise.

Lesen Sie auch einen Kommentar zur SPD: Großes Kino für die Politik

Von Tobias Peter/RND

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