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Deutschland / Welt „Fühlt sich an wie eine Belagerung“: Briten leiden unter Brexit-Ungewissheit
Nachrichten Politik Deutschland / Welt „Fühlt sich an wie eine Belagerung“: Briten leiden unter Brexit-Ungewissheit
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17:56 14.04.2019
Viele Briten haben die Debatte um den EU-Austritt satt. Quelle: AP Photo/Francisco Seco
London

Elly Wright kann kaum noch durchschlafen. Seit 51 Jahren lebt die gebürtige Niederländerin in Großbritannien. Sie hatte sich dort „zu Hause“ gefühlt. „Das wird mir gerade genommen“, sagt sie. Der Streit über den Brexit habe das Gefühl der Zugehörigkeit zerstört. Wegen der Spaltung der Gesellschaft und der neuen Vorbehalte gegenüber Ausländern fühle sie sich nachts oft sogar wieder an die Besetzung ihrer einstigen Heimat durch die Nazis erinnert.

Die 77-Jährige ist nicht die einzige, die derzeit große Ängste durchmacht. Dass die Politiker in London keinen klaren Kurs finden, wird für viele Menschen zwischen Belfast und Brighton immer mehr zur persönlichen Belastung. Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel, neue Visa-Regeln könnten Aufenthaltsgenehmigungen gefährden und selbst unter Freunden oder innerhalb von Familien wird beim Thema Brexit inzwischen oft erbittert gestritten.

Mehr zum Thema: Fragen und Antworten zum Brexit-Drama

Die niederländische Künstlerin Elly Wright lebt seit 51 Jahren in Großbritannien. Quelle: AP Photo/Matt Dunham

Der Ton wird rauer. Das beobachtet auch Cary Cooper, Professor für Organisationspsychologie an der Manchester Business School. „Was das Land durchmacht, ist nicht ein Kampf gegen Europa“, sagt er. „Es ist kein ‚wir gegen sie’. Es ist eine interne Sache.“ Und der gerade vereinbarte Aufschub macht es kaum besser – im Gegenteil: Alles deutet darauf hin, dass er den Streit bloß in die Länge zieht und nun weitere aufreibende Monate bevorstehen, für Gegner und Befürworter gleichermaßen.

Längst gibt es auch Angebote zur Behandlung des „Brexit-Stresses“. Das Unternehmen Headspace, das im Internet Meditationskurse anbietet, hat entsprechende Module ins Programm genommen. Sie sollen dabei helfen, mit kontroversen Gesprächen oder dem Gefühl der Überforderung umzugehen. Der auf Angstzustände spezialisierte Londoner Therapeut Mike Ward sagt, etwa 40 Prozent seiner Patienten würden jetzt Dinge ansprechen, die mit dem Brexit zu tun hätten. Die Hypnotherapeutin Becca Teers hat eigenen Angaben zufolge viele Kunden, denen es zu schaffen macht, dass sie keine Kontrolle darüber haben, wie der EU-Austritt das eigene Leben beeinflussen könnte.

Wohlbefinden der Briten sinkt seit Referendum

Forscher an der London School of Economics haben ermittelt, dass das „subjektive Wohlbefinden“ der Briten seit dem Referendum im Jahr 2016 abgenommen hat – und zwar unabhängig von der Haltung zum Thema. Während diejenigen, die für einen Verbleib in der EU gestimmt hätten, wohl mit dem Ergebnis unzufrieden seien, würden sich die Austrittsbefürworter wohl über den Umgang der Politiker mit dem Prozess ärgern, heißt es in ihrer Studie.

Das Beratungsunternehmen Britain Thinks bat in einer Umfrage um die Nennung eines zu den Emotionen bezüglich des Brexits passenden Songs.

Als Antwort wurde oft die Titelmelodie des Horrorfilm-Klassikers „Der Exorzist“ angegeben. Die Menschen hätten fast durchweg gesagt, dass ihnen der Brexit große Sorgen bereite, sagt Tom Clarkson, Forschungsleiter bei Britain Thinks. „Es ist wie eine pessimistische Stimmungsmusik im Hintergrund.“

Hitzige Wortgefechte und Überdruss

In den Medien ist der EU-Austritt ohnehin das dominierende Thema. Und seit Dezember, als das Parlament ursprünglich über den von Premierministerin Theresa May mit Brüssel ausgehandelten Vertrag abstimmen sollte, sind die Wortgefechte auch dort deutlich hitziger geworden. Im Fernsehen schimpfen Experten über aktuelle Entwicklungen, während sich Politiker gegenseitig beleidigen.

Manche Briten haben es allmählich satt und hören kaum noch hin. Andere verfolgen die Debatten im Parlament mit einer Aufmerksamkeit, die sonst nur Fußballspiele erfahren. Eine von ihnen ist die 77-jährige Wright. „Ich möchte verstehen“, sagt sie. Denn sie sei sich darüber im Klaren, dass die Vorgänge im Parlament großen Einfluss auf ihr Leben haben könnten.

Morddrohungen gegen Abgeordnete

Die Abgeordneten sind derweil auch nicht immun gegen den Stress. Einige erhalten laut eigenen Angaben sogar regelmäßig Morddrohungen, einige sind öffentlich in Tränen ausgebrochen. Andrew Percy, der für die konservative Regierungspartei im Parlament sitzt, berichtete kürzlich, er habe in den Räumen des House of Commons einen Schrank entdeckt, in den er sich manchmal zwischen den Debatten zurückziehe, um für ein paar kurze Momente zur Ruhe zu kommen.

„Es fühlt sich an, als stünden wir unter Belagerung“, sagte Chris Bryant von der Labour-Partei der Zeitung „The Times“. „Ich kenne drei Abgeordnete, deren Partner im Sterben liegen. Sie müssen täglich entscheiden, ob sie nach Hause gehen, um bei ihnen zu sein, oder ob sie eine Abstimmung abwarten, die womöglich nie zustande kommt.“

Viele Unternehmen haben bereits Entscheidungen getroffen – etwa in der Automobilbranche: Hersteller wie Honda und Nissan konzentrieren sich bei ihren Investitionen künftig lieber auf Länder, in denen die Unsicherheit weniger groß ist. Kaum eine Berufsgruppe bleibt von den Unwägbarkeiten des geplanten EU-Austritts verschont. Britische Banker und Landwirte müssen ebenso um ihre Zukunft fürchten wie britische Ärzte und Krankenschwestern.

Elena Remigi betreibt das Facebook-Forum „In Limbo Project“, das sich mit den erwarteten Auswirkungen des Brexits auf die in Großbritannien lebenden Bürger von anderen EU-Staaten beschäftigt. „Die menschlichen Kosten sind enorm und werden stark unterschätzt“, sagt sie. „Mein Eindruck ist der, dass je mehr Zeit vergeht, desto gestresster werden die Leute.“

Von RND/AP

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