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Deutschland / Welt Gazas gruselige Unterwelt
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22:39 28.07.2014
„Wir haben die Zahl der Tunnel in Gaza eindeutig unterschätzt“, gibt ein hochrangiger Berater des Anti-Terror-Stabs im Amt des Premiers zu. Quelle: dpa
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Jerusalem

Der Weltsicherheitsrat hat’s gefordert, der US-Präsident, der Papst, das Nahost-Quartett: Hört auf! Nach ­einer „sofortigen und bedingungslosen humanitären Waffenruhe“ zwischen Israel und der im Gazastreifen herrschenden Hamas rufen sie alle. Vergeblich: Am Montag wurde wieder geschossen.

Im endlosen Kreislauf von Attacke und Gegenattacke geht es um eine lange unterschätzte Gefahr für Israel: Gazas Unterwelt, das Geflecht der Schmuggeltunnel zwischen dem palästinensischen Gazastreifen, Israel und Ägypten. Es ist das erklärte Kriegsziel Israels, dieses System zu zerstören.

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Erst jetzt, eine gute Woche nach Beginn der Bodenoffensive, wird Israel sich des ganzen Ausmaßes der Tunneloperationen der Hamas bewusst: Verhöre gefangener Hamas-Aktivisten sollen einen tödlichen Plan offenbart haben. Demnach planten die Islamisten zum jüdischen Neujahrsfest im September ein Massenattentat. Hunderte Kämpfer sollten gleichzeitig durch Tunnel ins Grenzgebiet rund um Gaza eindringen, dort sechs Ortschaften angreifen, so viele Menschen wie möglich töten und Zivilisten in den Gazastreifen verschleppen – so wie 2006 den Soldaten Gilad Schalit, der erst 2011 gegen 1027 palästinensische Häftlinge ausgetauscht wurde. Das teilten israelische Militärs der Website „nrg“ mit.

„Es gibt mindestens 60 Tunnel, die unter der Grenze von Gaza nach Israel führen“, sagt Steven Emerson, Direktor der Denkfabrik „Investigative Project on Terrorism“ in Washington der „Jerusalem Post“. Das zeigten spezielle Satellitenaufnahmen, die Unterschiede in der Bodendichte untersuchen. Soldaten vor Ort entdeckten in akribischen Suchaktionen bislang nur 31 dieser „Angriffstunnel“, teilweise ausgestattet mit Strom- und Telefonleitungen sowie Toiletten.

Die Tunnelwelt hat eine Geschichte

„Wir haben die Zahl der Tunnel in Gaza eindeutig unterschätzt“, gibt ein hochrangiger Berater des Anti-Terror-Stabs im Amt des Premiers zu. Man habe sie nur im Süden des Landstrichs vermutet, doch inzwischen entdecke man sie „überall“.

Die Tunnelwelt hat eine Geschichte. Gaza ist auf dem Globus ohne Beispiel. 1,8 Millionen Menschen sind hier zusammengepfercht, abgeschnürt vom Rest der Welt durch Betonmauern und unüberwindliche Zäune. Die Enklave hat keinen Hafen und keinen Flughafen. Alle Grenzübergänge sind seit Jahren fest verriegelt. Freizügigkeit und Reisefreiheit existieren nicht im Leben der Eingeschlossenen. So hat sich mit den Jahren eine bizarre Unterwelt entwickelt aus nahezu zweitausend Tunneln: Die Wirtschaftstunnel liegen an der Grenze zu Ägypten, die Militärtunnel überwiegend an der Grenze zu Israel.

Die 1800 Schmuggelröhren mit Ägypten verlaufen überwiegend unter Rafah, der geteilten Grenzstadt. Selbst Schafe, Kühe und komplette Autos fanden unter Tage den Weg in den Küstenstreifen, durch Tunnel, die aus aneinander geschweißten Frachtcontainern bestanden. Der neue starke Mann am Nil, Präsident Abdel Fattah al-Sissi, ließ sämtliche Stollen sprengen. Der unterirdische Warenverkehr brach zusammen, das einträgliche Schmuggelgeschäft, von dem nicht nur die Beduinenclans auf dem Sinai, sondern auch die Hamas-Regierung über Tunnelsteuern profitierte, existiert nicht mehr. Gleichzeitig gelangten durch sie enorme Mengen an Waffen in die Küstenenklave – vor allem aus Libyen. Die tonnenschweren, weitreichenden Raketen, über die die Hamas inzwischen verfügt, sollen auf Tiefladern in mehreren Teilen herangeschafft worden sein.

„Das bringt Prestige“

Parallel dazu begannen Hamas-Kämpfer nach dem Krieg vom Januar 2009 entlang der Grenze zu Israel aufwendige, mit Betonelementen ausgekleidete Militärtunnel zu bauen, die teilweise in 30 Metern Tiefe bis zu zwei Kilometer in israelisches Gebiet hineinragen. Zudem entstand ein ausgefeiltes System unterirdischer Raketenabschussrampen mit Bunkern zur Produktion und Lagerung dieser Waffen. „Die Hamas hat Gaza in mehrere Abschnitte unterteilt“, erklärt ein ehemaliger israelischer General. „Jeder Abschnitt wird von einem Brigadegeneral befehligt, der 400 bis 600 Kämpfer führt.“ Dafür erhalte er ein Budget, um seinen Bereich auf den Krieg vorzubereiten – Hinterhalte legen, Kommandobunker und Depots bauen. Doch am meisten wollten die Hamas-Kommandeure Angriffstunnel nach Israel: „Das bringt Prestige“, sagt der General. Sie würden jedoch nicht von Kämpfern selbst gegraben. „Das ist ein Beruf, sogar ziemlich gut bezahlt“, sagt der Experte. Ganze Familien lebten davon, Gaza für die Hamas zu untertunneln. Israelischen Schätzungen zufolge sollen die Islamisten dafür Hunderte Millionen US-Dollar ausgegeben haben.

Die meisten Angriffstunnel wurden erst nach dem Waffenstillstandsabkommen vom November 2012 gebaut, nachdem Israel die Einfuhrbeschränkungen für Beton und Stahl aufgehoben hatte. Mehr als 60 000 Tonnen Beton wurden in der Erde verbaut. Um nicht von israelischen Geofonen, also Mikrofonen, die in die Erde hineinhören, entdeckt zu werden, werden sie leise von Hand gebuddelt, ein bis zwei Meter am Tag. Die Tunnel werden nur zu 98 Prozent fertiggestellt. Die letzten Meter bleiben versiegelt. Erst wenn die Kämpfer der Hamas am anderen Ende hinauswollen, gräbt man sich vollends durch.

Forscher arbeiten seit drei Jahren an einem neuen System, das die Tunnel entdecken soll. Die Details sind geheim, doch ist zu erfahren, dass neuartige Sensoren unter anderem den Sauerstoffgehalt in der Erde messen sollen, der sich ändert, sobald man in ihr gräbt. „Das Projekt wird schneller fertig sein, als die Hamas benötigen wird, um neue Tunnel zu graben. Ich hoffe, wir haben das im Griff“, sagt der Ex-General und Berater. Denn Israel will sich erst aus Gaza zurückziehen, wenn es alle Tunnel unter der Grenze zerstört hat.

Gil Yaron und 
Martin Gehlen