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Deutschland / Welt Geheimdienste befürchten „Welle von Anschlägen“
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10:54 25.07.2009
Die Geheimdienste befürchten bei der afghanischen Präsidentenwahl eine „Welle von Anschlägen“ der Taliban.
Die Geheimdienste befürchten bei der afghanischen Präsidentenwahl eine „Welle von Anschlägen“ der Taliban. Quelle: afp
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„Wir haben große Sorgen beim Wahltermin, weil die Taliban angekündigt haben, Wähler beim Gang an die Urnen zu erschießen“, erklärte ein Angehöriger des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes CIA am Wochenende in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Der heftig umstrittene Präsident Hamid Karsai möchte in dreieinhalb Wochen in seinem Amt bestätigt werden.

Unterdessen machen amerikanische Soldaten im Süden Afghanistans sowie die afghanische Armee mit Unterstützung deutscher Soldaten im Norden bei ihren Offensiven zur Stabilisierung der Lage und Absicherung der Wahl „beachtliche Fortschritte“, war aus Kreisen der internationalen ISAF-Truppen zu erfahren. Der Polizeichef der nördlichen Provinz Kundus, Abdul Rasak Jakubi, betonte, die rund 1000 afghanischen und 300 deutschen Soldaten würden ihre Operationen fortsetzen, um „die feindlichen Aktivitäten der Taliban abzustellen.“ Alle Afghanen sollten an der Wahl teilnehmen können.

Die Einsätze im Großraum des deutschen Lagers Kundus werden von der US-Armee mit starken Luftangriffen auf die Taliban unterstützt. Die Aufständischen seien von der „Wucht“ der Attacken „offensichtlich überrascht worden“, berichtete ein CIA-Mann. Viele islamistische Kämpfer seien ins benachbarte Pakistan geflüchtet. Mit ihren afghanischen Kameraden sollen die Bundeswehrsoldaten den besonders unsicheren nördlichen Distrikt Chahar Darreh unter ihre Kontrolle gebracht haben.

Die Wiederwahl von Karsai gilt nach Einschätzung von Vertretern westlicher Geheimdienste „trotz allem als so gut wie sicher“. Es gibt 43 Bewerber für das Präsidentenamt. 17 Millionen Afghanen haben sich für die Wahl registrieren lassen. Zu Karsai gebe es keine „echte Alternative“, weil seine Kontrahenten noch nicht einmal eigene Programme hätten. Darüber hinaus habe Karsai die für ihn gefährlichsten Bewerber aus den Kreisen der Warlords und Provinzgouverneure sowie Stammesfürsten nach Darstellung der Geheimdienste „mit erheblichen Summen für sich gewonnen“.

„Korruption und Vetternwirtschaft ist in Afghanistan überall in großem Umfang an der Tagesordnung“, erläuterte ein CIA-Experte. Die Vereinten Nationen äußerten sich „bestürzt“, dass Karsai dem vor Jahren geschassten Vereidigungsminister Mohammed Fahim, der im Verdacht steht, mit der Unterwelt zusammen zu arbeiten, den Posten des ersten Vizepräsidenten angeboten hat. Einen der unberechenbarsten und brutalsten Warlords, Abdul Raschid Dostum, setzte Karsai im Juni als Stabschef des Oberkommandierenden der afghanischen Armee ein. Damit habe Karsai einen weiteren Widersacher „eingefangen“, unterstrich ein Geheimdienstler. Der frühere Außenminister Abdullah Abdullah ist der fast einzige „seriöse“ Gegner Karsais bei der Präsidentenwahl.

Nach einer Umfrage des „National Center for Policy Research“ (NCPR) der Universität in Kabul meinten 70 Prozent aller befragten Afghanen, die zweite Präsidentschaftswahl seit Vertreibung der Taliban werde „auf keinen Fall frei, fair und transparent“ verlaufen. Wahlbeobachter weisen darauf hin, dass in 25 der 34 Provinzen Afghanistans Krieg mit den Taliban herrsche. Unter der Bevölkerung gebe es wegen der zu erwartenden gezielten Anschläge der Taliban auf die Wahllokale „erhebliche Angst, zur Wahlurne zu gehen“.

Der Chef der EU-Mission zur Beobachtung der Präsidentschaftswahl, der Franzose Philippe Morillon, hofft trotz aller Schwierigkeiten, dass die neutrale Beobachtung der 250 EU-Abgesandten dazu beiträgt, dem „demokratischen Prozess in Afghanistan Legitimität und Glaubwürdigkeit zu verleihen.“

Selbst mit seiner Kleidung versucht Karsai, der dem Stamm der Paschtunen angehört, auf den Wahlplakaten ein Zeichen für die nationale Einheit zu setzen. Sein Umhang ist ein „Chapan“, das traditionelle Gewand der usbekischen Minderheit. Die Lammfellmütze, „Karkul“ genannt, ist die Kopfbedeckung der Tadschiken aus dem Panschirtal. Das lange Hemd und die weiten Hosen sind die Kleidung der Paschtunen. Karai versucht mit allen Mitteln, jede Kritik an ihm zu unterbinden. So ließ er vier Webseiten im Internet schließen, die für ihn unangenehm waren. Auf einer der Seiten war zu lesen: „Ist Hamid Karsai mehr als nur eine Marionette der Amerikaner?“

ddp