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Deutschland / Welt Ein Schnappschuss wird zum Politikum
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Ein Schnappschuss wird zum Politikum
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00:19 01.05.2014
Umarmung unter Freunden: Gerhard Schröder empfängt Wladimir Putin. Quelle: dpa
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Sankt Petersburg

Das Foto ist unterbelichtet und das ist wirklich das erste, was dem Betrachter auffällt. Dennoch hat es dieser Schnappschuss geschafft, für mindestens einen halben Tag zum Gesprächsthema im Berliner Regierungsviertel zu werden, umständehalber auch im fernen Königswinter am Rhein. Der Schnappschuss hat rasch den Titel „Umarmungsfoto“ abbekommen – und das ist zum Politikum geworden. Darauf zu sehen ist die innige Weise, in der sich der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder und der russische Präsident Wladimir Putin am Montagabend in St. Petersburg begrüßt haben.

Entstanden ist das Bild vor dem Jussupow-Palais in der einstigen Zarenhauptstadt. Gerade war die Fahrzeugflotte des Präsidenten vorgefahren, Schröder hatte seinen Ehrengast offensichtlich erwartet. Bei der Feier handelte es sich demnach um einen Empfang der Nord Stream AG aus Anlass des 70. Geburtstages von Schröder, der bekanntlich Vorsitzender des Auktionärsausschusses des Unternehmens ist. Nord Stream betreibt die gleichnamige Ostsee-Pipeline und wird vom russischen Staatskonzern Gazprom dominiert. Gazprom-Chef Alexej Miller war Berichten zufolge ebenfalls unter den Gästen. Außerdem gesehen wurden Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD), der außenpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Philipp Mißfelder (CDU), der deutsche Botschafter in Moskau, Rüdiger Freiherr von Fritsch, sowie Manager der Nord-Stream-Anteilseigner BASF/Wintershall und Eon.

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Kaum war das Bild auf dem Markt, lief in Berlin die Kommentarmaschinerie an. Aus dem Kanzleramt verlautete, Schröder habe keinen Auftrag der Bundesregierung, bei Treffen mit Putin über die Ukraine-Krise zu beraten. Die Union ging deutlich auf Distanz. Von der SPD wurde er aber auch in Schutz genommen. Für CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer kam das nicht infrage: „Unsere Jungs leiden bei Wasser und Brot im Verlies, Schröder feiert mit Schampus und Kaviar im Festsaal“, sagte er und spielte damit auf die festgesetzten deutschen Soldaten und ihre Begleiter in der Ukraine an.

Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Christoph Strässer, ließ kein gutes Haar an Schröder. „Der gewollte Schulterschluss mit Putin gerade jetzt ist eine Provokation“, sagte der SPD-Politiker. Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt kritisierte, Schröder torpediere „auf gefährliche Art und Weise die schwierigen Bemühungen von SPD-Außenminister Frank-Walter Steinmeier zur Eindämmung der Krise“.  

SPD-Vize-Fraktionschef Rolf Mützenich bewertete das Treffen weit freundlicher. Schröder bekleide kein öffentliches Amt mehr. „Wichtig scheint mir hingegen, dass deutsche Gesprächspartner Präsident Putin die Sorgen und Ängste der Menschen in Bezug auf die Sicherheit in Europa erläutern“, sagte Mützenich.  Zu einer völlig anderen Bewertung kam der Vize-Fraktionschef der Unionsfraktion Andreas Schockenhoff.  Für einen Staatsmann, der nicht mehr politisch aktiv ist, sei dieses Verhalten völlig unverantwortlich. Der Spitzenkandidat der FDP für die Europawahl, Alexander Graf Lambsdorff, meinte, der Altkanzler sei „nur noch peinlich“.

Es dauerte ein wenig, bis sich die politischen Schwergewichte aus der Deckung trauten. Die Koalitionsfraktionen waren am Vormittag noch gefangen in ihrer Klausur auf dem Petersberg bei Bonn. Danach aber gab es kein Entkommen. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann gab die Tonart vor: „Ich weiß nicht, was der Bundeskanzler bei seiner privaten Begegnung mit Putin besprochen hat“, sagte Oppermann. „Aber ich bin ganz sicher, dass er dem russischen Präsidenten klargemacht hat, dass er aktiv etwas dafür tun muss, dass die Geiseln freigelassen werden.“ 

CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder widersprach zunächst: „Nach dem jetzigen Stand kann ich es nicht als hilfreich betrachten“, legte dann aber mit gespitzten Mund nach: Wenn er sich die Ausführungen des Kollegen Oppermann zu eigen mache und in den nächsten Tagen ein Erfolg zu verzeichnen sei, dann wolle er sich dem anschließen. Die Vorsitzende der CSU-Landesgruppe, Gerda Hasselfeldt, ließ sich von dem Männer-Gesäusel nicht beeindrucken: „Ich war befremdet über das Umarmungsfoto.“

Von Reinhard Urschel und Frank Lindscheid

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