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Deutschland / Welt Gewalt überschattet Proteste gegen den Castor-Transport
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Gewalt überschattet Proteste gegen den Castor-Transport
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16:34 09.11.2010
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Gleisblockaden, massive Proteste und gewaltsame Ausschreitungen haben den Castor-Transport ins Zwischenlager Gorleben deutlich verzögert. Krawalle überschatteten am Sonntag im niedersächsischen Wendland die friedlich verlaufene Anti-Atom-Demonstration mit bis zu 50 000 Teilnehmern vom Vortag. Die Polizei setzte immer wieder Schlagstöcke, Pfefferspray und auch Wasserwerfer gegen Demonstranten ein, die auf die Gleise stürmten. Mehrere Menschen wurden verletzt. Der Castor wurde unterdessen mehrfach gestoppt und näherte sich nur langsam dem Ziel: Mit fast elf Stunden Verspätung erreichte er das rund 50 Kilometer entfernte Lüneburg.

Über die Zahl der Verletzten konnte die Polizei zunächst nichts sagen. Beide Seiten bezichtigen sich gegenseitig, eine neue Stufe der Eskalation herbeigeführt zu haben. Atomkraftgegner versuchten im Wendland nahe Dannenberg ein gepanzertes Räumfahrzeug der Polizei anzuzünden. Das Feuer wurde aber rasch gelöscht. Bauern blockierten mit ihren Traktoren wichtige Zufahrtstraßen zum Castor-Verladebahnhof Dannenberg. Durch die Traktor-Blockaden sollte ein schnelles Verlegen von Polizeieinheiten verhindert werden.

Von Dannenberg werden die Castor-Behälter die letzten 20 Kilometer auf dem Straßenweg zum Zwischenlager Gorleben transportiert. Hier sitzen nach Angaben von Aktivisten bereits mehr als 1600 Demonstranten, um mit Sitzblockaden den Castor zu stoppen. Sie wollen auch in der Nacht zum Montag dort ausharren. Auch Grünen-Chefin Claudia Roth setzte sich auf die Straße.

Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Konrad Freiberg, sprach mit Blick auf die versuchte Zerstörung eines Räumfahrzeugs von einer „neuen Stufe der Gewalt“. Es sei kaum zu begreifen, dass Menschen Polizeifahrzeuge mit brennbarer Flüssigkeit übergössen und anzündeten, während die Beamten darin säßen. „Das muss geplant und vorbereitet worden sein“, sagte Freiberg der „Rheinischen Post“ (Montag). Augenzeugen berichteten aber auch, dass die Polizei rüde gegen Demonstranten an den Gleisen vorgegangen sei.

Entgegen der Befürchtungen gelang es Demonstranten kaum, beim „Castor schottern“ massenhaft Steine aus dem Gleisbett zu räumen und so die Zugstrecke nach Dannenberg unpassierbar zu machen. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte dies als Straftat scharf verurteilt. Mindestens 16 500 Polizisten waren im Einsatz.

Allerdings gab es auch immer wieder entspannte Szenen. Als Demonstranten bei einer Gleisbesetzung anfingen, „Highway to Hell“ zu spielen, wippten auch Polizisten zur Musik.

Der am Freitag nahe der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague gestartete zwölfte Atommüll-Transport mit elf Castor-Behältern für Gorleben erlebte auf seiner Fahrt eine wahre Odyssee. Umleitungen wegen Blockaden, von einer Brücke bei Kassel abgeseilte Greenpeace- Aktivisten und zuletzt drei an Gleise gekettete Atomkraftgegner bei Celle ließen den Zug am Sonntagnachmittag viel später in Lüneburg eintreffen als geplant.

Die Castor-Demonstranten begründen ihren Protest auch mit der Laufzeitverlängerung für die 17 deutschen Atomkraftwerke. Dadurch fällt weiterer Atommüll an. Zum Protest-Auftakt am Samstag hatten in Dannenberg zehntausende Menschen aus ganz Deutschland friedlich auf einem Maisacker gegen die schwarz-gelbe Atompolitik demonstriert - so groß war der Protest im Wendland noch nie. Die Veranstalter sprachen von 50 000, die Polizei zählte rund 25 000 Teilnehmer.

Die Menschen im Wendland fürchten, dass nahe des oberirdischen Zwischenlagers in einem Salzstock ein Endlager für hoch radioaktiven Atommüll entstehen wird. Mit immer weiteren Castor-Transporten würden Fakten geschaffen, wird befürchtet. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace forderte, den Müll nicht nach Gorleben, sondern zu den deutschen Atommeilern zurückzubringen, wo er produziert wurde. Die Opposition dringt auf eine deutschlandweite Suche nach einem Atomendlager - vor allem in Bayern und Baden-Württemberg.

dpa

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