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Deutschland / Welt Grüne wählen neue Doppelspitze
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21:52 08.10.2013
Die neuen Fraktionsvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen, Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter. Quelle: dpa
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Berlin

Sie sieht dann doch erleichtert aus: Als Katrin Göring-Eckardt gegen 16.30 Uhr im Bundestag vor die Mikrofone tritt, spricht sie als frisch gewählte Fraktionschefin zu den Journalisten. Gerade haben 41 von 63 Abgeordneten in der konstituierenden Fraktionssitzung für sie votiert. Zwei Enthaltungen gab es und nur 21 Stimmen für ihre Gegenkandidatin Kerstin Andreae. Das Ergebnis ist viel klarer, als vor der sogenannten Kampfkandidatur erwartet worden war. Und klar ist auch: Die Spitzenkandidatin „KGE“ hat das blamable Wahlergebnis für die Partei in einen persönlichen Triumph verwandelt.

„Ich freue mich sehr“, sagt die 47-Jährige in ihrer bekannt zurückhaltenden Art. Neben ihr hat sich da schon Anton Hofreiter positioniert, der Vertreter des linken Flügels, der in der zweiten Abstimmung satte 49 Stimmen bekam und nun die Fraktion gemeinsam mit Göring-Eckardt führen wird. Das neue Spitzenduo der Grünen blickt noch ein wenig verunsichert in die Kameras. Es ist wohl der für alle Anwesenden greifbare Moment, im dem politische Ambition in reale Verantwortung umschlägt.

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Jürgen Trittin, der eher unsanft zur Verantwortung gezogene Spitzenkandidat und Ex-Fraktionschef, hatte das vor der Sitzung noch angesprochen. „Jetzt müssen den Karren in den nächsten vier Jahren andere ziehen“, sagte er.

Während der linke Flügel derzeit geschlossen daherkommt und mit Hofreiter einen Konsens-Kandidaten präsentierte, reibt sich der Realo-Flügel in internen Scharmützeln auf. Die Freiburger Finanzexpertin Andreae galt als Kandidatin der „Südwest-Connection“ um den baden-württembergischen ­Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann. Für zahlreiche Realo-Vertreter waren ihre inhaltlichen Positionen jedoch zu „wirtschaftsfreundlich“, weshalb das Kreuz in der Abstimmung eher bei Göring-Eckardt gemacht wurde. Die wiederum zog auch zahlreiche Stimmen des linken Lagers an, weil sie sich als linksgewandelt präsentierte.

Sowohl Hofreiter als auch Göring-Eckardt machten in ihren Reden vor der Fraktion deutlich, dass sie die Frage nach dem Verhältnis zur Wirtschaft weiter differenziert diskutieren wollen. „Wir können die ökologische Erneuerung nur gemeinsam mit den Unternehmen vorantreiben“, hieß es.

Die Fraktion trage diesen Kurs, sagt die Grünen-Abgeordnete Bärbel Höhn: Und sogar Hans-Christian Ströbele, der gefühlt schon ewig dabei ist und in der Fraktion nahezu alles erlebt hat, gibt sich lässig: „Das ist kein Machtkampf hier. Das ist ein guter Neuanfang.“

Die neue grüne Fraktionsspitze

Zweieinhalb Wochen nach der Bundestagswahl haben die Grünen eine neue Fraktionsspitze gewählt. Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter folgen auf das bisherige Führungsduo Renate Künast und Jürgen Trittin. 

Katrin Göring-Eckardt
Die 47-jährige Thüringerin stand bereits von 2002 bis 2005 an der Spitze der Bundestagsfraktion. Dennoch galt sie neben Jürgen Trittin als neues Gesicht, als sie im November 2012 überraschend per Urwahl zum weiblichen Teil des Spitzenduos im Wahlkampf wurde. Seit 1998 sitzt sie für die Grünen im Bundestag. Nach dem Gang in die Opposition 2005 wurde sie Vizepräsidentin des Parlaments.

In der Partei begrüßten viele im vergangenen Jahr das Aufrücken Göring-Eckardts in die erste Reihe, wurde ihr doch zugetraut, verstärkt auch bürgerliche Wähler anzusprechen. Im Wahlkampf zeigte die Realo-Frau mit dem eher sanften und nachdenklichen Auftreten, dass sie hart attackieren und spitz formulieren kann.

Sie besetzte dabei auch eher linke Themen wie die soziale Gerechtigkeit und grenzte sich damit zugleich von der Agenda-Politik ab, die sie in der früheren rot-grünen Regierungszeit mitverantwortet hatte. Manche kreideten ihr an, neben dem eher linken Frontmann Trittin nicht genug in die Mitte gegenzusteuern.

Nach der Wahlniederlage der Grünen zeigte sich Göring-Eckardt lernfähig. „Wir haben total übersteuert in unserem Wahlkampf“, sagte sie auf einem kleinen Parteitag. Zugleich setzte sie alles auf eine Karte: Sie kündigte an, ihr Leitungsamt bei der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) niederzulegen und als Bundestags-Fraktionschefin zu kandidieren. Bereits während des Wahlkampfes hatte sie ihr Amt als Präsidentin des EKD-Kirchenparlaments, das sie seit 2009 innehatte, ruhen lassen.

Noch am Abend vor der konstituierenden Fraktionssitzung setzte Göring-Eckardt bei einem Treffen von Realos der Fraktion dem Vernehmen nach Akzente und machte deutlich, dass sie die Attraktivität der Grünen für die Mitte und die Wirtschaft erhöhen wolle. 

Anton Hofreiter
In den vergangenen Jahren machte sichder 43-Jährige als Verkehrsexperte seiner Fraktion einen Namen. Im Wirbel um das Bahnprojekt Stuttgart 21 und den neuen Berliner Großflughafen ging er heftig mit Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) ins Gericht. Sein Rezept:
markiges Auftreten und mit bayerischem Akzent vorgetragene scharfe Attacken. Fachkenntnisse verhalfen dem Politiker, der selbst viel Zeit im Zug verbringt, dabei zu Ansehen.

Rein optisch erinnert der Parteilinke eher an frühere Zeiten. Sein blondes Haar trägt er so lang wie viele Grünen-Abgeordnete der ersten Stunde. Hofreiter kann sich auch darüber aufregen, wenn Konservative ihn wegen seiner Frisur schon mal schräg angucken. Dass er Anzug statt Pullover trägt, hat er einmal damit begründet, dass Gesprächspartner sonst seine Argumente leider weniger ernst nähmen.

Bei den linken Grünen in der Fraktion war er für den Fall des Abtretens von Trittin früh als Nachfolger gesetzt. Als er dann in der Woche nach der Bundestagswahl seine Kandidatur ankündigte, war ihm Nervosität anzumerken. Im normalen Gespräch zeigt er sich schlagfertig, witzig und als Freund klarer Worte.

„Für mich ist einer der zentralen Markenkerne der Grünen die Ökologie, ist die Umweltfrage, ist die Rettung unseres Planeten“, sagt Hofreiter. Das passt zu seiner Biografie. Promoviert hat er über die Artenvielfalt in den südamerikanischen Anden. Er kennt sich aus mit Pflanzen und Tieren und engagiert sich seit langem im Naturschutz. Wichtig ist ihm sein Augenmerk für Ökologie und soziale Rechte in ärmeren Ländern.

Im Bundestag sitzt Hofreiter seit 2005. Künftig will er mehr Machtoptionen für die Grünen, auch Rot-Rot-Grün schließt er nicht aus.

Patrick Tiede

08.10.2013
08.10.2013
Klaus Wallbaum 08.10.2013