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Deutschland / Welt Grass kritisiert israelische Iran-Politik
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Grass kritisiert israelische Iran-Politik
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14:38 04.04.2012
Günter Grass attackiert in einem Gedicht Israels Politik gegenüber dem Iran. Quelle: dpa
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Berlin

Mit heftiger Kritik an Israels Atompolitik hat sich Literaturnobelpreisträger Günter Grass öffentlich zu Wort gemeldet und damit eine Welle der Empörung ausgelöst. „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden“, schrieb der Literaturnobelpreisträger in dem Gedicht „Was gesagt werden muss“, das am Mittwoch in der „Süddeutschen Zeitung“ und anderen internationalen Blättern erschien. Sich selbst wirft er vor, zu lange dazu geschwiegen zu haben.

In seinem Prosagedicht kritisiert der 84-Jährige auch die geplante Lieferung eines weiteren U-Boots „aus meinem Land“ nach Israel. Gleichzeitig bekundet er seine Verbundenheit zum jüdischen Staat.

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Politiker, jüdische Organisationen und Intellektuelle reagierten empört und warfen Grass vor, die Verhältnisse auf den Kopf zu stellen. Nicht Israel, sondern das iranische Mullah-Regime bedrohe den Weltfrieden. Der Zentralrat der Juden in Deutschland nannte den Text „ein aggressives Pamphlet der Agitation“. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe äußerte sich über Tonlage und Ausrichtung des Gedichts entsetzt. Der Publizist Ralph Giordano (89) nannte es einen „Anschlag auf Israels Existenz“.

Dagegen sagte Regierungssprecher Steffen Seibert vor Journalisten in Berlin, es gebe eine Freiheit der Kunst und eine Freiheit der Bundesregierung, sich nicht zu jeder Äußerung äußern zu müssen.

Grass fragt in dem Text, warum er es sich bisher untersagt habe, „jenes andere Land beim Namen zu nennen, in dem seit Jahren - wenn auch geheimgehalten - ein wachsend nukleares Potential verfügbar aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung zugänglich ist?“. Er fühle es als „belastende Lüge und Zwang“, dass er bisher dazu geschwiegen habe. Wer dieses Schweigen breche, dem stehe eine „Strafe“ in Aussicht: „das Verdikt „Antisemitismus“ ist geläufig“.

Grass hatte sich 2006 dazu bekannt, dass er als 17-Jähriger am Ende des Zweiten Weltkriegs Mitglied der Waffen-SS war. Kritiker warfen ihm vor, seine SS-Zugehörigkeit jahrzehntelang verschwiegen zu haben, während er andere immer wieder wegen ihrer NS-Vergangenheit öffentlich kritisierte. Manch einer sprach ihm die moralische Integrität ab.

Der Nobelpreisträger spricht in dem Gedicht von einem behaupteten Recht auf den Erstschlag gegen „das von einem Maulhelden unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk“, nur weil in dessen Machtbereich der Bau einer Atombombe vermutet werde. Er sei der „Heuchelei des Westens“ überdrüssig und hoffe, dass sich viele von dem Schweigen befreien. Er fordert, „daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle des israelischen atomaren Potentials und der iranischen Atomanlagen durch eine internationale Instanz von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.“

„Warum aber schwieg ich bislang?“, fragt sich Grass und nennt als Grund: „Weil ich meinte, meine Herkunft, die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist, verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit dem Land Israel, dem ich verbunden bin und bleiben will, zuzumuten.“

Die israelische Botschaft stellte das Gedicht in die Reihe anderer antisemitischer Vorurteile. „Was gesagt werden muss ist, dass es zur europäischen Tradition gehört, die Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmords anzuklagen“, erklärte der Gesandte Emmanuel Nahshon. Israel sei nicht bereit, „die Rolle zu übernehmen, die Günter Grass uns bei der Vergangenheitsbewältigung des deutschen Volkes zuweist.“

Der Publizist Henryk M. Broder nannte Grass in einem Artikel in der „Welt“ den „Prototypen des gepflegten Antisemiten, der es mit den Juden gut meint“, aber von Schuld- und Schamgefühlen verfolgt und vom dem Wunsch getrieben werde, „Geschichte zu verrechnen.“ Dagegen unterstützte der Präsident des deutschen Pen-Zentrums, Johano Strasser, Grass’ Meinung. Er warne dringend vor Waffenexporten Deutschlands an eine israelische Regierung, die den Anschein erwecke, ein Krieg gegen den Iran sei unausweichlich, sagte Strasser dem Radiosender NDR Kultur.

Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik sagte im SWR, er finde es unsäglich und außerordentlich traurig, dass Grass „seine dichterischen Künste dazu missbraucht, ein ziemlich dummes Agitprop-Gedicht zu publizieren“. In Deutschland bestehe kein Tabu, Israel zu kritisieren, sagte Brumlik.

dpa

Dieser Artikel wurde aktualisiert.