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Deutschland / Welt Hambacher Forst oder Wald – Sprache entlarvt die Denkweise
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19:02 13.09.2018
Ein Baumhaus steht im Hambacher Wald. In dem Braunkohlerevier haben die Behörden mit der Räumung der Baumhäuser von Aktivisten begonnen. Quelle: Christoph Reichwein/dpa
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Hambach

Ein uralter Wald bei Köln hat bundesweite Berühmtheit erlangt. 90 Prozent von ihm mussten bereits durch den Braunkohleabbau weichen, nun steht die Rodung der letzten Bäume kurz bevor. Wenn über das Tagebau-Gebiet geredet wird, heißt es stets „Hambacher Forst“ – dabei war das Gebiet ursprünglich ein Wald.

Bis zur bergbaulichen Erschließung des Tagebaus Hambach taucht der Wald in Karten als Bürgewald auf. Erst nach 1972 schlich sich für das Projekt der Rheinischen Braunkohlewerke und der Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke (RWE) der Name „Hambacher Forst“ ein. 1974 sagte der damalige RWE-Vorstand Helmut Meysenburg in einer Pressekonferenz, man werde den Hambacher Forst aufschließen.

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Wie etwas genannt wird, löst Assoziierungen in uns aus. Elisabeth Wehling, promovierte Linguistin, forscht seit vielen Jahren an der Universität in Berkeley zum Thema politisches Framing. Frames stellen Begriffe dar, die bewusst eingesetzt werden und allmählich den sprachlichen Diskurs übernehmen.

Wald oder Forst – das verbirgt sich hinter den Begriffen

Wehling erklärt: „Beim Begriff Wald denken Sie an Natur, an Herbstluft und Sonnenstrahlen. Es wird aktiviert, was aus Sicht des Umweltschutzes schützenswert ist: Die Natur, die uns umgibt und in der wir leben. Forst hingegen ist ein Begriff, der die Landwirtschaft und die Natur als Ressource zum Verbrauch durch Menschen in den Vordergrund stellt“, sagt Wehling.

Nach jahrelanger Duldung hat das NRW-Bauministerium die Räumung der Baumhäuser im Braunkohlerevier Hambacher Forst angeordnet. Die Polizei ist mit einem Großaufgebot und schwerem Gerät im Einsatz.

„Unter anderem aus der beruflichen Beratung weiß ich erstens, dass Begriffe oft dezidiert gewählt werden, um bestimmte Assoziationen zu aktivieren. Zweitens sprechen Menschen oft unbewusst genau innerhalb solcher Denkrahmen, die sie tagtäglich nutzen: Wenn ich Natur als Ressource sehe, sage ich eher einmal „Forst“ als „Wald“.“

Nicht die Sprachkontrolle abgeben

Manchmal also, so die Expertin, übernimmt man fast unbewusst ein bestimmtes Vokabular: „Einerseits kann es Strategie sein. Andererseits ergibt sich Sprache aus der eigenen Denke: Natur erhalten oder Geld verdienen.

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Das zumindest sei die salomonisch-wissenschaftliche Antwort des sowohl als auch. Daher solle auch in der objektiven Berichterstattung Wald und Forst nebeneinander stehen. Oder besser noch als neutraleres Wort „bewaldete Zone“ verwendet werden.

Ob nun Wald oder Forst oder bewaldete Zone: „Keine Sichtweise ist dabei objektiv. Daher ist es für die Akteure wichtig, nicht die Sprachkontrolle abzugeben. Umweltschützer sollten also zum Beispiel nicht den Begriff Forst nutzen“, rät die Wissenschaftlerin.

Von RND/Gunnar Müller

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