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Deutschland / Welt Helfen in Haiti ist ein logistischer Albtraum
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Helfen in Haiti ist ein logistischer Albtraum
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22:45 18.01.2010
Menschenmengen drängen sich vor einer Lebensmittelausgabe oder erwarten die Ankunft von Hilfe aus der Luft.
Menschenmengen drängen sich vor einer Lebensmittelausgabe oder erwarten die Ankunft von Hilfe aus der Luft. Quelle: afp
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Als UN-Generalsekretär Ban Ki-moon am Wochenende Haiti besuchte, da sprach er von Geduld. Von der Geduld, die die verzweifelt auf Hilfe wartenden Menschen jetzt unbedingt aufbringen müssten. Damit hat der oberste Krisenmanager der Welt den Haitianern fast Übermenschliches abverlangt. Aber umgekehrt fordert das schiere Ausmaß der Katastrophe auch den Helfern ein fast übermenschliches Maß an Können ab. Im Folgenden ein Überblick über die logistischen Herausforderungen bei der Bewältigung der Krise, die die Organisation der Vereinten Nationen als „die größte unserer Geschichte“ bezeichnet.

Transport

Der internationale Flughafen von Port-au-Prince ist funktionsfähig – aber er ist viel zu klein, um die enorme Zahl von Hilfsflugzeugen abzufertigen, die jetzt hier landen. Es gibt nur eine Landebahn und Platz für 18 parkende Maschinen. Bis voraussichtlich Mittwochmittag können nach Angaben des UN-Koordinationsbüros für humanitäre Hilfe keine neuen Hilfslieferungen nach Haiti geflogen werden. Der Airport ist überlastet, für neue Güter gibt es keine Lagerungsmöglichkeiten mehr.

Die Regierung Haitis hat den Betrieb des Flughafens an die Amerikaner abgetreten. Das führte bereits zu diplomatischen Irritationen vor allem von französischer Seite; Hilfslieferungen aus Paris seien nicht durchgelassen worden – dieser Vorwurf wurde gestern zurückgenommen –, und in der Gegenrichtung seien bevorzugt US-Bürger aus dem Katastrophengebiet ausgeflogen worden.

Seit gestern ist auch der wichtigste Flughafen im Nachbarland Dominikanische Republik überlastet. Hierhin und auf benachbarte Inseln waren Flüge mit Ausrüstung und Nahrungsmitteln aus Lateinamerika umgeleitet worden.

Der Weitertransport auf dem Landweg ist ebenfalls schwierig: Die rund 300 Kilometer lange Fahrt aus der Dominikanischen Republik nach Port-au-Prince dauert jetzt mehr als 18 Stunden. Einige Strecken sind unpassierbar; das Beben hat die Straßen zu sehr beschädigt, Geröll, kaputte Fahrzeuge oder auch Flüchtlingsströme blockieren wichtige Verbindungen. Viele Hilfsorganisationen können ihre Lagerhäuser mit Notvorräten nicht erreichen. Inzwischen geht zudem das Benzin für die Transporte vom Flughafen in die Stadt zur Neige, ein Verteilersystem existiert nicht. Benzin wurde rationiert.

Medizinische Versorgung

Alle Krankenhäuser in Port-au-Prince sind bei dem Beben in einem Maße zerstört worden, dass Patienten nicht mehr angemessen behandelt werden können. Es fehlt an medizinischer Grundausstattung und Personal. Es gibt keine Stromversorgung und keinen Treibstoff für Generatoren. Amputationen werden auf offener Straße vollzogen. Nach Schätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO warten rund 250 000 Menschen auf medizinische Hilfe. Um die Seuchengefahr zu verringern, müssen die noch immer in den Straßen liegenden Leichen so schnell wie möglich bestattet werden. Bisher sollen 70 000 Tote in Massengräbern beigesetzt worden sein. Die Regierung rechnet inzwischen mit 200 000 Toten. Außerhalb der Hauptstadt, vor allem in den noch weitgehend unzugänglichen Städten Leogane und Jacmel, werden Tausende weitere Opfer befürchtet.

Die EU schickt jetzt fünf Krankenhäuser, sieben Ambulanzen und fast 1000 Zelte für Notunterkünfte. Aus den USA kommt ein großes Lazarettschiff, das am Freitag eintreffen soll. Helfer aus Russland, Israel, Jordanien und Brasilien behandeln in Port-au-Prince Patienten in mobilen Kliniken. In Deutschland startete gestern ein Flugzeug mit 33 Tonnen medizinischem Material. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) schickt nach einer mobilen Gesundheitsstation in dieser Woche auch ein großes mobiles Krankenhaus mit Kapazitäten für bis zu 700 ambulante Patienten und 120 Betten. Die „Ärzte ohne Grenzen“ wollen in Kürze ein aufblasbares Krankenhaus mit zwei Operationssälen und Platz für 100 Betten aus Paris nach Haiti fliegen.

Medizinische Hilfe erhalten die Erdbebenopfer auch in der Dominikanischen Republik. Immer mehr Verletzte aus Haiti hoffen darauf, jenseits der Grenze behandelt zu werden. Auch hier sind die Kliniken jetzt aber überfüllt, es fehlt an Ärzten und Material.

Wasser und Nahrung

Das drängendste Problem ist aus UN-Sicht die Trinkwasserversorgung. Schon vor dem Beben hatten nur etwa 50 Prozent der Haitianer Zugang zu sauberem Wasser, nach der Katastrophe ist die Wasserversorgung weitgehend zusammengebrochen. Als Erstes sollen jetzt Kranken- und Waisenhäuser sowie Stadtteile versorgt werden, in denen sich die meisten Obdachlosen sammeln. Zudem sollen hier schnellstmöglich Latrinen gebaut werden, um die Seuchengefahr einzudämmen. Nach massiven Anlaufschwierigkeiten begann am Montag die koordinierte Verteilung von Lebensmitteln und Trinkwasser. Die UN haben 17 große Wassertanks für jeweils 5000 bis 10 000 Liter Trinkwasser inner- und außerhalb von Port-au-Prince aufgestellt. Weitere neun Tanks sollen demnächst installiert werden. 120 000 große Flaschen Trinkwasser wurden an 52 Verteilstationen ausgegeben.

Auch das Welternährungsprogramm (WFP) richtete Ausgabestellen für Lebensmittel ein. In den kommenden Wochen sollen zehn Millionen Portionen Notration verteilt werden. Benötigt werden allerdings mehr als 100 Millionen. Das Welternährungsprogramm braucht 279 Millionen Dollar (194 Millionen Euro), um zwei Millionen Menschen zu ernähren.

Sicherheit

Haiti verfügt kaum über eigene Kräfte, um die täglich zunehmenden Plünderungen und gewaltsamen Ausschreitungen einzudämmen. Transportwege für Hilfslieferungen können nicht oder nur notdürftig gesichert werden. Aus Angst vor Tumulten haben sich die Hilfsorganisationen bisher ­gescheut, mit großen Nahrungsmittelverteilungen zu beginnen. Ein eigenes Militär hat der Karibikstaat seit 1995 nicht mehr. Der damalige Präsident Jean-Bertrand Aristide hat die Armee eigenmächtig aufgelöst – aus Furcht vor einem Putsch. Ganze 9000 Polizisten sollen zu normalen Zeiten die Sicherheit von rund zehn Millionen Haitianern gewährleisten. Seit 2004 werden sie von 7031 Blauhelmsoldaten und 2034 Polizisten der UN-Friedensmission Minustah unterstützt. Sie soll jetzt um 1500 Polizisten und 2000 Soldaten aufgestockt werden. Die EU will 150 französischsprachige Polizisten mit Sonderausbildung entsenden. Zudem unterstützen rund 10 000 US-Soldaten die UN-Blauhelme. Sie sind unter anderem für die Kontrolle, Koordinierung und Sicherung der Hilfslieferungen zuständig.

von Katharina Grimpe, Susanne Iden und Marina Kormbaki

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