Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Deutschland / Welt Historiker: Entschädigung für die Preußen-Familie wäre moralisch schwer begründbar
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Historiker: Entschädigung für die Preußen-Familie wäre moralisch schwer begründbar
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:22 12.08.2019
Winfried Süß ist Historiker am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und Privatdozent an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Quelle: privat
Anzeige

Herr Süß, sehen Sie die Ansprüche der Hohenzollern als begründet an?

Das kann man nicht mit einem klaren Ja oder einem klaren Nein beantworten. Man muss zwischen rechtlichen und moralischen Ansprüchen unterscheiden. Und dann haben die rechtlichen Ansprüche, die möglicherweise ja auch vor den Gerichten verhandelt werden, unterschiedliche Grundlagen.

Welche denn?

In der Vergangenheit war nicht immer klar getrennt zwischen dem persönlichen Besitz einer regierenden Adelsfamilie und den Gütern, die sie in Wahrnehmung von Staatsfunktionen verwendet hat. Und diese Trennung wurde dann, nachdem in der Novemberrevolution 1918 die Zeit des regierenden Adels zu Ende gegangen war, auch nicht immer ganz sauber durchgeführt. Die Hohenzollern haben mehrere Güterwaggons voll mit Kunstwerken, wertvollen Möbeln und anderem Hausrat mit ins Exil nach Holland genommen. Vieles ist aber auch in den Schlössern geblieben. In den Zwanzigerjahren wurde darüber eine Vermögensauseinandersetzung zwischen Preußen und der Familie Hohenzollern geführt.

Wie ist die ausgegangen?

Man hat sich auf Konditionen geeinigt, die für die Familie Hohenzollern recht komfortabel waren. Etwa 40 Schlösser und andere wertvolle Immobilien sind an die Familie zurückerstattet worden. Etwa 70 Schlösser – darunter waren viele, die teuer im Unterhalt waren – hat das Land Preußen bekommen. Diese den Hohenzollern zurückgegebenen Schlösser sowie Land- und Forstbesitz sind dann, soweit sie auf dem Gebiet der damaligen DDR lagen, wiederum von der Sowjetischen Militäradministration nach dem Zweiten Weltkrieg beschlagnahmt worden. Das geschah vor allem im Zuge der Bodenreform mit ihrem Motto „Junkerland in Bauernhand“, teilweise aber auch mit dem Vorwurf, dass Adelsfamilien wie die Hohenzollern die Nationalsozialisten unterstützt haben. Der Einigungsvertrag sieht vor, dass diese Immobilien nicht restituiert werden, aber in bestimmten Fällen eine finanzielle Entschädigung gezahlt werden kann.

Und was ist mit den Kunstgegenständen?

Die Kunstgegenstände aus diesen Schlössern müssen, soweit sie aus dieser Zeit noch bestehen, zurückgegeben werden. Es gibt allerdings eine Ausnahmebestimmung, die in diesem aktuellen Fall jetzt sehr wichtig wird. Dabei geht es um die Frage, inwieweit die Hohenzollern als Familie den Nationalsozialisten Vorschub geleistet haben. Denn einer der beiden deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts Vorschub geleistet zu haben würde eine Restitution für die beschlagnahmten Wertgegenstände ausschließen. Das ist auch der Grund, warum diese Frage in den vergangenen Jahren eher diskret behandelt wurde.

„Die Hohenzollern versuchen offensichtlich, ein bisschen aufs Gas zu treten“

Und weshalb sie bislang nicht vor Gericht gelandet ist?

Es geht bei den Kunstgegenständen, die in den Schlössern geblieben sind, um erhebliche Werte. Da hatte weder die öffentliche Hand noch die Familie Interesse daran, damit vor die Gerichte zu gehen. Was die Sache gerade jetzt ein wenig brisant gemacht hat, ist, dass die Hohenzollern offensichtlich versucht haben, mit einem sehr weitreichenden Forderungskatalog ein bisschen aufs Gas zu treten.

Was wären das für Gegenstände, die unbestreitbar den Hohenzollern gehören?

Die Sachen, die bis 1945 in den Westen gelangt und dann in öffentlichen Museen gelandet sind, die gehören den Hohenzollern. Es gibt dann eine ganze Reihe von Gegenständen, bei denen der Besitz strittig ist, bei denen auch der Wert strittig ist. Das sind Kunstwerke, bei denen können Sie den Marktpreis erst in dem Moment ermitteln, in dem sie diese Kunstwerke versteigern. Da kann man keinen genauen Wert prognostizieren, weil die Gegenstände oft einmalig sind. Und das macht die Sache für alle Beteiligten sehr kompliziert, weil keine Partei so ganz genau abschätzen kann, was da finanziell herauskommt.

Sie haben die wichtige Frage angesprochen, ob die Hohenzollern den Nationalsozialisten Vorschub geleistet haben. Die Hohenzollern bestreiten das.

Das müssen sie ja auch. Sonst können sie ja nicht entschädigt werden. Man kann die Sache von zwei Seiten her denken. Christopher Clark, ein ausgewiesener Preußenexperte, der in England lehrt, denkt die Sache vom Ende her. Er sagt, man muss anerkennen: Es gibt keinen Hohenzollern-Prinzen, der ein führendes Amt in der NS-Diktatur innegehabt hat. Das stimmt, das wollten die Nationalsozialisten auch gar nicht, weil sie dem Adel, der ja zum Teil international verschwägert war, misstraut haben.

Und welche Möglichkeit der historischen Bewertung gibt es noch?

Man kann die Sache auch vom Anfang her denken – das macht zum Beispiel der Historiker Stephan Malinowski. Und da stellt man schon fest, dass schon eine ganze Reihe von führenden Vertretern des Hauses Hohenzollern eng mit dem Nationalsozialismus paktiert hat. Der Kronprinz Wilhelm, ältester Sohn von Wilhelm II., hat 1932 einen Wahlaufruf zugunsten Adolf Hitlers unterschrieben – einen Wahlaufruf, den Hitler durchaus geschätzt hat und von dem Hitler selbst annahm, dass er ihm eine ganze Menge Stimmen eingebracht hat. Ein anderer Hohenzollern-Prinz, Prinz August Wilhelm, war SA-Mitglied im Generalsrang und trat in den Dreißigerjahren als Propagandaredner der NSDAP auf. Er war auch schon lange vor der Machteroberung der Nationalsozialisten Parteimitglied der NSDAP. Wenn man jetzt sagt, der historische Anteil der Hohenzollern liegt auch darin, dass sie die Legitimität, die mit dieser Familie verbunden war, und die historische Tradition, in der sie stand, dem Nationalsozialismus zur Verfügung gestellt hat, wirft das ein anderes Licht auf die Rolle der Hohenzollern als die Interpretation von Christopher Clark. Und wenn man es von dieser Seite her betrachtet, kann man schon so argumentieren, dass die Hohenzollern den Nationalsozialisten starken Vorschub geleistet haben.

„Wer Wahlaufrufe zugunsten der NSDAP unterzeichnet, der ist nicht ganz ohne Schuld“

Wie lautet ihre persönliche Bewertung?

Ich tendiere zur zweiten Einschätzung. Wer Wahlaufrufe zugunsten der NSDAP unterzeichnet, wer Hitler empfängt, nachdem er gerade als Hochverräter aus der Festungshaft entlassen ist, wer auch andere Repräsentanten dieser Partei wie Hermann Göring empfängt, der ist nicht ganz ohne Schuld. Und deshalb würde ich die Frage des erheblichen Vorschubs bejahen.

Warum wollen die Hohenzollern denn jetzt ihre Besitztümer zurück?

Das wüsste ich auch gern. Ich bin ja Wissenschaftler und kein Augur in Sachen deutsche Adelshäuser. Ich war sehr überrascht, dass das jetzt so hochgekocht wurde. Denn eigentlich können beide Parteien in einer solchen öffentlichen Debatte nur verlieren. Da sind jetzt Forderungen gestellt worden, bei denen klar war, dass die öffentliche Hand sie nicht erfüllen kann. Und der Vorstoß der Hohenzollern kommt auch deswegen ein bisschen überraschend, weil der jetzige Hausherr Georg Friedrich in den vergangenen Jahren ja sehr darum bemüht war, das angekratzte Image seiner Familie wieder aufzubessern. Er ist ja im Raum Berlin-Brandenburg als Kulturmäzen durchaus in einem positiven Sinne aktiv. Diese Debatte, die wir jetzt erleben, hat dem Ansehen der Familie bestimmt nicht genutzt.

Was bedeutet die Angelegenheit also für das Image der Hohenzollern?

Man kann ja mal den Vergleich zu einem anderen ehemals regierenden Adelshaus ziehen. Die Wittelsbacher in Bayern agieren in solchen Fragen viel zurückhaltender, und dass sie als eine sehr populäre Familie gelten, hängt sicherlich auch mit dieser Zurückhaltung zusammen.

Wäre es nicht ein merkwürdiges Zeichen, wenn es jetzt, mehr als 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, zu einer Restitution des Hohenzollern-Eigentums käme?

Wenn Sie sich ein Familienunternehmen anschauen, und dieses Familienunternehmen ist in der Weltwirtschaftskrise der Dreißigerjahre bankrottgegangen, würde kein Mensch auf die Idee kommen, dass der Staat hier für eine Kontinuität der Vermögen sorgen und entschädigen muss. Man muss schon sagen, dass die Hohenzollern an der Entfesselung des Ersten Weltkriegs in Gestalt des damaligen Kaisers Wilhelm II. nicht ganz unbeteiligt waren und trotzdem große Teile ihres Familienvermögens über den politischen Umbruch 1918 retten konnten. Das war zeitgenössisch übrigens ein großer Skandal. Denn man darf ja nicht vergessen, dass dieser Krieg nicht nur fast zwei Millionen Tote allein auf deutscher Seite gekostet hat, sondern auch sehr viele Vermögen zerstört hat.

Das heißt, die „Normalbürger“ sind nach dem Ersten Weltkrieg anders behandelt worden als das Haus Hohenzollern?

Wenn Sie als Mittelständler in Kriegsanleihen investiert hatten – was viele Menschen für ihre Altersversorgung damals gemacht haben –, dann waren sie nach dem Krieg Sozialrentner. Die Hohenzollern hingegen sind aus dieser Sache ganz gut herausgekommen. Insofern ist das moralisch sehr schwer begründbar, sie heute zu entschädigen. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob Richter heute in diesen Fragen noch einmal so milde urteilen werden, wie sie es das in den Zwanzigerjahren gemacht haben.

„Der Staat hat die Möglichkeit, den Verkauf der Kunstwerke einzuschränken“

Können denn Kunstwerke überhaupt einfach so aus Museen, also aus der öffentlichen Hand, zurückgegeben werden?

Rechtlich ja. Was bei Kriegsende in den Westen verlagert wurde, sich unbestritten im Besitz der Hohenzollern befindet und an Museen der öffentlichen Hand verliehen ist, können sie natürlich zurückverlangen. Moralisch ist es für mich ein Problem: Viele dieser Kunstwerke sind durch den Krieg mit Mitteln der öffentlichen Hand getragen und mit Mitteln der öffentlichen Hand erhalten worden, teilweise unter sehr schwierigen Umständen. Wenn da jetzt Kunstwerke zurückgegeben werden und so die Kapitalisierung einer problematischen Familiengeschichte ermöglicht wird, ist das nur sehr schwer zu rechtfertigen.

Könnte man den Verkauf von solchen Kunstwerken dann nicht verhindern?

Doch. Der Staat hat hier die Möglichkeit, dies einzuschränken. Es gibt ja verschiedene Möglichkeiten, Kunstwerke zumindest mit einem Verbot, sie außer Landes zu bringen, zu belegen. Dann würde eine Veräußerung schon sehr schwierig werden.

Können Sie benennen, auf welche Summe man die Kunstwerke schätzt?

Nein, das ist ganz schwierig. Ich kann Ihnen die ungefähre finanzielle Dimension nur grob andeuten. Das ist aber eine Zahl, die mit hohen Ungenauigkeiten verbunden ist. Die Hohenzollern waren eine der reichsten deutschen Adelsfamilien. Pi mal Daumen hatten sie vor dem Ersten Weltkrieg ein Familienvermögen von umgerechnet etwa 700 Millionen Euro. Die Umrechnung in heutige Werte ist aus vielen Gründen fehlerbehaftet, aber das ist mal eine ungefähre Größe.

Und wie sieht es heute aus?

Durch Veräußerungen und durch Kriegsverluste sind natürlich viele Werte verloren gegangen. Aber man kann schon davon ausgehen, dass die Kunstwerke, um die es geht, einen erheblichen Wert haben. Das Problem bei den Werken ist, dass nur für einen sehr kleinen Teil die Verkaufserlöse geschätzt werden können. Man müsste im Prinzip alles versteigern, und dann könnte man, das war der Vorschlag der Hohenzollern, fifty-fifty teilen. Auf diese Lösung darf sich die öffentliche Hand natürlich auf gar keinen Fall einlassen – denn dann wären ja die Museen geplündert.

Wagen Sie eine Prognose, wie das Verfahren ausgehen könnte?

Da bin ich aus dem Zustand des Interpreten der Vergangenheit in den Bereich der Spekulation gedrängt. Ich vermute, dass man versuchen wird, sich außergerichtlich zu einigen, weil ich das Prozessrisiko für die Familie schon als erheblich einschätzen würde.

Wenn es überhaupt noch zu einer außergerichtlichen Einigung kommen kann.

In der Tat. Die Frage ist, ob die Familie das noch selbst in der Hand hat. Denn das Land Brandenburg hat ja schon die Wiederaufnahme des Prozesses beantragt. Und ich bin sicher, die Vertreter des Landes haben das mit Überlegung getan. Das heißt, sie gehen davon aus, dass es eine Gutachtenlage gibt, die die Position der öffentlichen Hand stärkt, wegen erheblicher Zuarbeit zum Nationalsozialismus nicht restituieren zu müssen.

Von Kristian Teetz

Nachdem sich Kanzlerin Angela Merkel in der Klimaschutz-Debatte für ein Festhalten der schwarzen Null ausgesprochen hat, hält Grünen-Chef Robert Habeck dagegen. Der Klimaschutz habe Vorrang vor einem jederzeit ausgeglichenen Haushalt.

12.08.2019

Eben noch schien es so, als habe Innenminister Matteo Salvini seinen Königsweg zur Neuwahl gefunden. Doch sein Plan könnte durchkreuzt werden. Ausgerechnet von zwei Parteien, die sich spinnefeind sind.

12.08.2019

Die nächste Panne bei einem Flieger der Bundeswehr: Wegen eines Defekts am geplanten Flugzeug musste Bundesaußenminister Heiko Maas vor seiner Nordamerikareise am Montag kurzerhand umdisponieren und eine kleinere Ersatzmaschine nehmen.

12.08.2019