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Deutschland / Welt Jugendliche werden von Islamisten subtiler verführt
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16:29 02.04.2019
Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) bei der Vorstellung des Lageberichts „Islamismus im Netz 2018“ in Berlin. Quelle: dpa/Jörg Carstensen
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Berlin

Mitmachkampagnen auf Twitter, Dschihad-Lifestyle auf Instagram: Das Instrumentarium islamistischer Online-Propaganda passt sich zunehmend der Lebenswelt von Jugendlichen an. Das ist das Ergebnis des LageberichtsIslamismus im Netz 2018“, den das Bundesfamilienministerium am Dienstag in Berlin vorstellte. Die jährliche Bestandsaufnahme wird vom Verbund „Jugendschutz.net“ erstellt, einer gemeinsamen Plattform von Bund und Ländern zum Schutz von Kindern und Jugendlichen im Internet.

Die Jugendschützer sichteten rund 19.000 Angebote mit islamistischen Inhalten, darunter vor allem Beiträge in sozialen Medien und Messenger-Diensten. Dabei wurden insgesamt 872 Verstöße gegen das Jugendrecht festgestellt – das sind fast halb so viele wie 2017. Analog zum militärischen Niedergang des IS ist seine deutschsprachige Propaganda insgesamt zurückgegangen, stellen die Autoren fest. Der Anteil von drastischen Bildern, die Hinrichtungen oder Folterungen zeigen, ist im Vergleich zum Vorjahr um 75 Prozent gesunken.

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#NichtOhneMeinKopftuch landet in den Twitter-Trends

Statt in extremen Gewaltdarstellungen kommt die Propaganda zusehends in niedrigschwelligen Kampagnen daher. „Die Werbung ist subtiler als in den Jahren zuvor – das ist eine neue Entwicklung“, sagte Stefan Glaser, Leiter von Jugendschutz.net.

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So sorgte etwa der von der islamistischen Gruppierung „Generation Islam“ initiierte Hashtag #NichtOhneMeinKopftuch“ auf Twitter im vergangenen Jahr für Furore. Insbesondere Jugendliche sollten sich mittels des Hashtags gegen ein angeblich in Nordrhein-Westfalen geplantes Kopftuchverbot positionieren. Weil sich an der Debatte auch reichweitenstarke Politiker und Akteure aus der Hip-Hop-Szene beteiligten, landete der Hashtag an einem Sonntagabend in den Twitter-Trends auf Platz drei – direkt hinter #Tatort und #AnneWill.

Dschihad als „cooler Lifestyle“

Auch Instagram wird von Extremisten inzwischen rege zur Mobilisierung genutzt. Gemäß der Funktionslogik der Foto-Plattform sollen Jugendliche mittels schick inszenierter Alltagsbilder aus der muslimischen Welt auf islamistische Profile gelockt werden. Dort finden sich neben dem harmlos wirkenden Material Bilder von Dschihadisten, die als heroische Kämpfer inszeniert werden. Der Mix aus Alltagsdarstellungen und militantem Dschihad solle einen „coolen Lifestyle“ vermitteln, heißt es in der Studie.

Daneben versuchen Islamisten öffentliche Debatten, etwa die öffentliche Rassismus-Diskussion um Fußball-Nationalspieler Mesut Özil, durch emotionale Kommentare zu befeuern und zu vereinnahmen. Ziel ist es, an Diskriminierungserfahrungen von muslimischen Jugendliche anzuknüpfen und ein „simples Freund-Feind-Schema“ zu bedienen, so Glaser.

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Giffey will Jugendschutz anpassen

Familienministerin Franziska Giffey (SPD) will aufgrund der Risiken durch die Online-Kommunikation einen Gesetzesvorschlag zur Novellierung des Jugendmedienschutzes vorlegen. Ziel sei es, die Betreiber stärker in die Pflicht zu nehmen – beispielsweise durch sichere Voreinstellungen in Online-Chats, leicht zugängliche Melde- und Hilfesysteme oder klare Alterskennzeichnungen. Die Anbieter von Plattformen und Diensten müssten sicherstellen, dass Kinder und Jugendliche nicht mit extremistischen Inhalten konfrontiert und radikalisiert werden, sagte Giffey bei der Präsentation der Ergebnisse in Berlin. „Es geht darum, den Jugendschutz in digitale Zeitalter zu bringen.“

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Um die identifizierten Inhalte aus den sozialen Medien entfernen zu lassen, kontaktiert Jugenschutz.net die Plattform-Betreiber und Provider im In- und Ausland. Die meisten rechtswidrigen Fälle identifizierten die Jugendschützer bei YouTube, Instagram und dem Messenger-Dienst Telegram. 82 Prozent der angezeigten Fälle wurden von den Betreibern entfernt. Im letzten Jahr hatte die Quote noch bei 91 Prozent gelegen.

Telegram als Negativ-Beispiel

Das liegt vorwiegend an Telegram. Nur etwas mehr als die Hälfte der von Jugendschutz.net gemeldeten Verstöße wurden von dem Dienst beseitigt (58 Prozent). 2017 hatte Telegrams Löschquote noch bei 85 Prozent gelegen. Die Jugendschützer führen die hohe Quote auf die Diskussionen im Vorfeld des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes zurück – eventuell habe das russische Unternehmen seinerzeit versucht, eine gute Figur abzugeben. Die mangelhafte Kooperation mit der Jugendschutz-Organisation ist besonders problematisch, da über Telegram verstärkt Aufrufe zu Attentaten in der westlichen Welt verbreitet werden.

„Für die Extremisten ist Telegram eine Ausweichplattform, weil die Verbreitung dschihadistischer Propaganda dort immer noch funktioniert“, sagte Stefan Glaser. Im Gegensatz zu Plattformen wie YouTube oder Facebook, bestehe zu den Telegram-Betreibern kein direkter Kontakt. „Mal funktioniert es, mal funktioniert es nicht“, sagte Glaser zu den Löschbemühungen bei dem Messenger-Dienst und kritisierte: „Die Situation ist ungenügend.“

Von RND/Maximilian König

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