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Deutschland / Welt Kameras allein bringen keine zusätzliche Sicherheit
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Kameras allein bringen keine zusätzliche Sicherheit
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13:53 17.09.2009
Am S-Bahnhof Solln in München wurde ein Mann am Samstag (12.09.09) von zwei jungen Männer brutal zusammengeschlagen und erlag seinen Verletzungen.
Am S-Bahnhof Solln in München wurde ein Mann am Samstag (12.09.09) von zwei jungen Männer brutal zusammengeschlagen und erlag seinen Verletzungen. Quelle: ddp (Archiv)
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Bayerns Innenminister Joachim Herrmann sagte im Berliner RBB-Inforadio: „Ich fordere von der Deutschen Bahn klipp und klar, dass alle S-Bahn-Stationen ebenso wie die U-Bahnhöfe mit Video-Überwachungseinrichtungen ausgestattet werden.“ Bisher hat die Deutsche Bahn auf Bahnhöfen 3200 Kameras im Einsatz.

Forderungen nach umfassenderen Überwachungen sind als Reaktion auf Gewaltexzesse immer wieder erhoben worden. Es wird vermutet, dass Gewalttäter sich zurückhalten, wenn sie wissen, dass sie gefilmt werden. Genährt werden solche Hoffnungen von Meldungen, wie sie das Brandenburger Innenministerium im Jahr 2005 verbreitete: „Videoüberwachung hat sich bewährt“ hieß es da unter Bezug auf ein Gutachten.

Der Erfolg bei diesem auf vier Standorte begrenzten Versuch bezog sich nach Angaben eines beteiligten Wissenschaftlers vor allem auf Eigentumsdelikte. „Zurückgegangen sind besonders Diebstähle“, sagte Manfred Bornewasser (Universität Greifswald). Gewaltdelikte habe es an den ausgewählten Standorten ohnehin nur sehr wenige gegeben.

Ein anderes Beispiel ist die Hamburger U-Bahn. Dort sind seit 2004 alle Bahnhöfe und Züge mit Videokameras ausgestattet. Nach Angaben einer Hochbahnsprecherin ist die Zahl der Schäden seitdem um bis zu 50 Prozent zurückgegangen, die der Angriffe auf Fahrgäste um 30 Prozent. Der Kameraeinsatz war in Hamburg jedoch nur Teil eines veränderten Gesamtkonzepts. „Was zählt, ist die Aufstockung der Mitarbeiter“, sagt die Sprecherin. Ende der 90er Jahre sei die Zahl der Sicherheitskräfte auf etwa 190 verdoppelt worden. Seit 2007 seien weitere 40 dazugekommen.

Was der reine Einsatz von Videokameras bringt, haben in den vergangenen Jahren verschiedene Untersuchungen für das britische Innenministerium gezeigt. England ist mit etwa vier Millionen installierten Videokameras eines der am stärksten derart kontrollierten Länder der Welt. Um festzustellen, wie sich dieser Einsatz auswirkt, haben Experten Dutzende Studien in Metaanalysen ausgewertet. Sie stellten vor allem einen deutlichen Kriminalitätsrückgang an überwachten Parkplätzen fest. Im öffentlichen Nahverkehr zeigte sich keine klare Veränderung.

Das „Australische Institut für Kriminologie“ stellte bereits vor einigen Jahren fest: „Die besten verfügbaren Forschungsergebnisse deuten durchgehend darauf hin, dass Videoüberwachung keinen Einfluss auf Gewaltverbrechen hat.“ Der Kriminologe Thomas Feltes (Ruhr-Universität Bochum) ist überzeugt: „Der reine Einsatz von Videokameras an Bahnhöfen bringt nichts. Wenn die Täter so aggressiv oder betrunken sind, dass sie zuschlagen, denken sie weder an Videokameras noch an höhere Strafen.“

Fachleute sind sich weitgehend einig, dass Videokameras nur innerhalb eines Gesamtpakets, das auch einen stärkeren Personaleinsatz umfasst, sinnvoll sein können.

Ob der Einsatz von Videokameras alleine dennoch sinnvoll sein kann, etwa mit Blick auf verhinderte Eigentumsdelikte oder höhere Aufklärungsquoten, ist umstritten. Nach einem internen Bericht der Londoner Polizei aus dem Jahr 2007 ist auf jeweils 1000 Kameras im Stadtgebiet pro Jahr weniger als eine gelöste Straftat gekommen.

ddp

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