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Deutschland / Welt Kassen-Vorständin: Die Ärzteschaft muss mit der Zeit gehen
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09:10 07.10.2019
Stefanie Stoff-Ahnis, Mitglied im Vorstand des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen. Quelle: GKV-Spitzenverband
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Berlin

Stefanie Stoff-Ahnis ist seit Juli im Vorstand des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen. Zuvor war die Juristin bei der AOK-Nordost tätig. Die 43-Jährige spricht im RND-Interview über schlampig gemachte Gesetze, unflexible Ärzte und Wald- und Wiesenkrankenhäuser.

Frau Stoff-Ahnis, es wird oft beklagt, die Bundespolitik sei mit ihrer hohen Geschwindigkeit und heftigen Auseinandersetzungen ein hartes Pflaster. Wie haben Sie ihren Wechsel nach Berlin erlebt?

Die Schlagzahl ist tatsächlich enorm, was nicht zuletzt mit einem sehr aktiven Gesundheitsminister zu tun hat. Jens Spahn geht auch bei schwierigen Themen mutig zu Werk, was ich sehr schätze. Aber da hat er dann natürlich sehr viele Bälle gleichzeitig in der Luft. Das führt sogar dazu, dass Gesetze an manchen Stellen nicht bis zu Ende gedacht sind.

Die Gesetze sind schlampig gemacht?

Nun ja, da wird dann zum Beispiel vergessen, dass Änderungen bei ärztlichen Leistungen zum Quartalsanfang in Kraft treten sollten, da die Ärzte immer quartalsweise abrechnen. Oder es fehlen gesetzliche Bestimmungen, um die geplanten Reformen sauber umzusetzen. Das müssen wir dann in Verhandlungen mit der Ärzteschaft ausgleichen. Umso schlimmer, dass die Politik unsere Handlungsfähigkeit immer weiter einschränkt.

Spahn begründet das mit zu langen Entscheidungsprozessen im Gesundheitswesen - siehe die unendliche Geschichte der elektronischen Gesundheitskarte. Da ist was dran, oder?

Also bei der Gesundheitskarte beispielsweise hat in den letzten Jahren die Industrie auf der Bremse gestanden, das waren weder die Ärzte noch die Krankenkassen. Und wir müssen stets besonders sorgfältig arbeiten, denn schließlich geht es bei vielen Entscheidungen auch um den Patientenschutz, etwa bei neuen Behandlungsmethoden oder Medikamenten. Aber natürlich wollen und müssen wir uns immer wieder fragen, wo wir schneller sein können.

Wo sitzen die Bremser?

Leider haben die Akteure oft nur ihre eigenen Interessen im Blick und vergessen dabei die Patienten. Das zeigt die Debatte über die Notfallversorgung. Die Kliniken loben ihre Notaufnahmen und behaupten, sie könnten das alles allein stemmen. Die niedergelassenen Ärzte halten mit ihren Notdienst-Ambulanzen dagegen. Und die Länder verteidigen mit Händen und Füßen ihre Rettungsdienste. Fakt ist: Die Notaufnahmen sind häufig überfüllt, die Patienten müssen dann stundenlang warten. Die Versicherten haben Anspruch darauf, dass die Notfallversorgung besser organisiert wird – und zwar von allen zusammen.

Spahn will zentrale Anlaufstellen an den Krankenhäusern schaffen, die von Kliniken und Kassenärzten gemeinsam betrieben werden. Ist das der richtige Weg?

Die Zielrichtung ist absolut richtig. Aber auch die Rettungsdienste müssen einbezogen werden. Es ist doch absurd, dass hier heute an Länder- und sogar Kreisgrenzen Schluss ist. Außerdem müssen Notarztwagen, Leitstellen und Krankenhäuser digital vernetzt werden. Dann kann die Leitstelle viel besser entscheiden, welches Fahrzeug in welche Klinik fährt. Und schon aus dem Rettungswagen müssen die wichtigsten Vitaldaten des Patienten an das Krankenhaus gesendet werden, damit dort alles vorbereitet werden kann. Heute können wir jedes Paket online verfolgen und lenken, aber wenn es um Leben und Tod geht, geht es vielfach noch zu wie vor 50 Jahren.

Die ambulant tätigen Mediziner hat die große Koalition durch das Terminservicegesetz gezwungen, die Zahl der Sprechstunden anzuheben. Reicht Ihnen das?

Nein. Die niedergelassenen Ärzte verdienen mit den Versicherten gutes Geld - und sie sind wahrscheinlich die einzige Berufsgruppe, die aufgrund gesetzlicher Regelungen faktisch jedes Jahr steigende Honorare bekommt. Die Versicherten dürfen zu Recht erwarten, dass sich die Öffnungszeiten der Praxen nach ihren Bedürfnissen richten.

Das heißt für Sie?

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Lebenswirklichkeit vieler Menschen komplett geändert: Sie kaufen online ein, arbeiten mobil und 24/7 ist in vielen Branchen selbstverständlicher Servicestandard geworden. Und die niedergelassenen Ärzte? Die Praxen sind Mittwoch- und Freitagnachmittag oder am frühen Abend fast alle gleichzeitig geschlossen, am Samstag sowieso. Die Ärzteschaft ist dringend gefordert, mit der Zeit zu gehen und über mehr Flexibilität und Koordination untereinander die Versorgung der Patienten zu verbessern.

Welche Rolle kann hier die Telemedizin spielen?

Im Zeitalter der Online-Kommunikation erwarten die Versicherten, dass ihnen auch online per Videosprechstunde geholfen wird. Derzeit betrachten die Ärzte das eher als Zusatzleistung, als Sonderservice. Die Videosprechstunde muss Alltag werden. Wir brauchen einen Modernisierungsschub in den Praxen. Alle Ärzte sind gefordert, unseren Versicherten eine ambulante Behandlung per Videosprechstunde zu ermöglichen. Ich gehe davon aus , dass in fünf Jahren jede fünfte ambulante Behandlung per Videosprechstunde erfolgt.

Was muss sich bei den Krankenhäusern ändern?

Deutschland verfügt pro 100.000 Einwohner über 813 Betten. Das ist die höchste Quote in Europa, sie liegt fast 60 Prozent über dem EU-Durchschnitt. Durch diese Überkapazitäten haben wir ein massives Personalproblem. Eigentlich gibt es genug Pflegekräfte in Deutschland, aber sie sind auf zu viele Krankenhäuser verteilt. Es herrscht ein ständiger Mangel, weil sich die Kliniken das Personal gegenseitig abwerben.

Stimmt wenigstens die Qualität der Behandlung?

Sie muss besser werden. Bei uns machen letztlich zu viele Kliniken alles. Dabei gibt es klare Belege dafür, dass Routine bei Eingriffen zu besseren Behandlungsergebnissen führt. Ein Beispiel: In Deutschland operieren über 900 Kliniken Brustkrebs, was ein sehr komplexer Eingriff ist. Da sind Häuser dabei, die machen das weniger als 20 Mal pro Jahr. Ich kann niemandem empfehlen, so eine Operation in einem Wald- und Wiesenkrankenhaus machen zu lassen.

Was ist die Lösung?

Wir brauchen neben der flächendeckenden Grundversorgung unbedingt eine Konzentration, kombiniert mit einer starken Spezialisierung. Nordrhein-Westfalen hat hier den richtigen Weg angekündigt. Dort soll bei der Krankenhausplanung nicht nur wie bisher die Zahl der Betten eine Rolle spielen, sondern auch die Frage, auf welche Eingriffe das Krankenhaus spezialisiert ist. Dadurch könnte es gelingen, die Überkapazitäten gerade in den Ballungsräumen abzubauen. Wer als Patient weiß, dass ihn eine Klinik hervorragend medizinisch versorgt, wird auch bereit sein, dafür etwas weitere Wege in Kauf zu nehmen.

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Von Tim Szent-Ivanyi/RND

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