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Deutschland / Welt Kommentar: Der Wahnsinn am Bahnsteig
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Kommentar: Der Wahnsinn am Bahnsteig
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20:18 30.07.2019
Trauer am Frankfurter Hauptbahnhof: Ein achtjähriger Junge ist von einem Mann vor einen einfahrenden ICE gestoßen und getötet worden. Quelle: Frank Rumpenhorst/dpa
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Berlin

Es ist eine unglaublich schwierige Aufgabe für Eltern, mit ihren Kindern über die Schreckenstat von Frankfurt zu sprechen. Wie erklären sie einem Dritt- oder Viertklässler, dass es Menschen gibt, die einen Achtjährigen vor einen einfahrenden Zug stoßen? Wie mahnen sie ihre Kinder zur Vorsicht – ohne ihnen zu viel Angst zu machen?

Es ist auch keine leichte Aufgabe für die Politik, mit solchen Gewalttaten angemessen umzugehen. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hat richtig reagiert, indem er seinen Urlaub unterbrochen hat, um sich den Fragen der Öffentlichkeit zu stellen. Die Tat trifft, wie er sagt, „uns alle mitten ins Herz“. Es ist aber auch gut, dass Seehofer klargestellt hat, es werde in der Beurteilung politischer Folgen eine sorgfältige Analyse und keine übereilten Entscheidungen geben.

Nichts totschweigen

Die Tat muss lückenlos aufgeklärt werden. Eine Spekulation über Motive ist sinnlos, es kommt auf die Ermittlungsergebnisse an. Es war richtig, offen zu kommunizieren, dass es sich bei dem Festgenommenen um einen Eritreer handelt. Alles andere hätte nur den Eindruck erweckt, es solle etwas totgeschwiegen werden.

Volle Transparenz ist so richtig wie jeder Generalverdacht falsch ist. Die AfD indessen hat schon kurz nach der Tat versucht, sie für Wahlkampfzwecke zu instrumentalisieren. Das ist schäbig. Korrekt ist dagegen Seehofers Hinweis, dass diese Tat keinen Anlass gibt, über das Aufenthaltsrecht zu diskutieren. Der mutmaßliche Täter hat seit langer Zeit legal in der Schweiz gelebt und galt offenbar sogar mal als Vorzeigebeispiel gelungener Integration.

Neben lückenloser Aufklärung geht es jetzt auch darum, seriös zu prüfen, wie sich die Sicherheit an Bahnhöfen erhöhen ließe. Mehr Polizeipräsenz, wie von Seehofer in Aussicht gestellt, kann sinnvoll sein. Der Innenminister muss sich dann aber auch fragen lassen, warum er hier nicht in der Vergangenheit schon mehr getan hat.

Hände weg von Placebo-Maßnahmen

Die Vor- und Nachteile von Videoüberwachung müssen genau abgewogen werden. Taten lassen sich so jedenfalls nicht verhindern. Generell gilt: Hände weg von Placebo-Maßnahmen. Denn sie würden nur Politikverdrossenheit auslösen. Glaubt irgendjemand, ein Täter, der Menschen vor Züge schubsen will, ließe sich von der Wahnsinnstat abhalten, wenn er nur durch den Erwerb eines Tickets auf den Bahnsteig dürfte?

Für das Gespräch mit Kindern raten einige kluge Eltern übrigens einfach zu Ehrlichkeit. Dazu kann auch das Eingeständnis eigener Ratlosigkeit gehören. Es ist schwer zu ergründen, wie ein Mensch zu einer solchen Tat fähig sein kann. Aber es gibt ja viele überzeugende Gründe, sich an einem Bahnsteig nicht ganz nah an die Gleise zu stellen.

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Von Tobias Peter/RND

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