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Deutschland / Welt Konkurrenz der Uber-Fahrer in Porto: „Ich arbeite sieben Tage die Woche“
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Konkurrenz der Uber-Fahrer in Porto: „Ich arbeite sieben Tage die Woche“
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10:20 26.05.2019
Fahrer José fährt die Kunden mit einem Elektroauto durch Porto fährt Quelle: Tom Sundermann
Porto

Fast lautlos surrt das hellblaue Elektroauto an den Straßenrand. Der Fahrer schaut durchs Fenster: „Tom?“ Jawoll. Wir haben ihn herbestellt, mit der App Uber – einem Dienst, der Fahrten für beliebige Strecken vermittelt. Wie ein Taxi. Aber mit einigen Unterschieden.

Einsteigen. Lossurren. Vorbei am Strand von Matosinhos, einem der westlichsten Punkte der Europäischen Union. Wir, die Reporter der Expedition EU, machen Station in der portugiesischen Hafenstadt Porto. Und jetzt müssen wir zum nächsten Geldautomaten, immerhin knapp vier Kilometer entfernt. Gute Gelegenheit, mit Uber-Fahrern über ihren Job zu sprechen.

„Früher bin ich immer Nachtschichten gefahren, jetzt bin ich in den Tagdienst gewechselt“, erzählt José. Er habe Glück, seine Passagiere seien „good people“, gute Leute, sagt er auf Englisch.

Auf unserer zweiwöchigen Reise haben wir viele Fahrten mit Uber absolviert, außerdem mit der Konkurrenz-App Bolt. Warum? Vor allem, weil die Dienste in der Regel deutlich günstiger sind als das Taxi. Und sie sind bequem: Egal, wo wir sind – in Orten, an denen der Service angeboten wird, brauchen wir nur die gewohnten Apps auf unseren Smartphones aufzurufen. Standort und Ziel durchgeben und in kurzer Zeit holt uns ein Fahrer ab. In weiten Teilen der Welt hat Uber den herkömmlichen Taxis große Marktanteile abgenommen.

Das ist die Expedition EU

Die Expedition EU ist ein crossmediales Projekt der Zeitungsgruppe Neue Westfälische, des Redaktionsnetzwerks Deutschland, dem europäischen Radionetzwerk Euranet plus, Podcastfabrik und den OWL Lokalradios. Drei Reporter berichten in den 15 Tagen vor der Europawahl täglich aus 15 Ländern. Die Recherchereise wird unterstützt von der Bertelsmann Stiftung.

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Keine Konkurrenz zum Taxi?

In den USA, wo Uber vor zehn Jahren gegründet wurde, können Privatleute Fahrgäste in ihren Autos herumkutschieren. In Europa ist das nicht erlaubt. José arbeitet bei einer Firma, der das Auto gehört. Er hat eine Lizenz für die Personenbeförderung, stolz zeigt er sie uns, als wir an einer roten Ampel stehen.

Die Regularien in der EU kommen auch durch Druck aus der Taxibranche. In Deutschland etwa vermittelt Uber die Fahrten nur an Eigentümer von Autos, die festangestellte Fahrer beschäftigen – ein Modell, das so fast überall auf dem Kontinent gilt. Von Konkurrenz will der deutsche Uber-Sprecher Tobias Fröhlich aber nicht sprechen: „Wir wollen nicht dem Taxi die Kunden abluchsen, sondern neue gewinnen“, sagt er. Denn das Prinzip ist ein anderes: Uber-Autos dürfen nicht am Taxistand halten, sondern sind häufig in Bewegung, um schnell zum nächsten Fahrgast zu kommen.

Dennoch gelten dieselben Regeln wie für Taxis; Zankapfel in der Causa Uber ist in Deutschland vor allem die sogenannte Rückkehrpflicht. Taxis müssen nach einer Fahrt zurück in die Zentrale. Dieser Pflicht sind auch Uber-Autos unterworfen – was das Geschäftsmodell empfindlich stört. Fröhlich argumentiert: Autos, die ständig neue Kunden annehmen können, seien unterm Strich ökologischer, weil sie weniger Leerfahrten machen.

Jeden Tag auf der Straße

Für Umwelt und Passagiere ein Gewinn. Doch was ist mit den Fahrern? „Ich mache das, weil ich gerne fahre“, sagt José. Früher war er Konditor. Einen Taxischein hat er nicht, für den müsse man eine teure Prüfung ablegen. Also Uber. Und zwar viel. „Gestern habe ich elf Stunden gearbeitet“, sagt er. Nicht die ganze Zeit auf der Straße, sondern mehrere Stunden an der Ladesäule, um den Akku aufzuladen. Sieben Tage pro Woche arbeite er, nur manchmal nehme er einen Tag frei. Er hat ja auch seine Kosten, muss ein Haus abbezahlen.

Offenbar kein Einzelfall. Zuvor haben wir mit einem anderen Fahrer gesprochen. Carlos erzählte, er arbeite zehn Stunden täglich, sechs Tage die Woche. Zugleich sagte er: „Das Geld stimmt.“ José ist da zurückhaltender. Das Problem sei, dass es mittlerweile zu viele Uber-Autos in Porto gebe, sagt er. Ein hohes Angebot bedeutet niedrige Preise. Wir fragen nach seinem Gehalt. „Da spreche ich lieber nicht drüber.“ Es sei „nicht allzu viel, aber es reicht“.

Uber-Sprecher Fröhlich betont, dass Fahrer zumindest in Deutschland in der Regel mehr als den Mindestlohn verdienen. Wiewohl auch gelte: „Das ist kein Job, bei dem man reich wird.“ Was in der Taxibranche nicht anders ist.

Uber jedenfalls ist nicht zu stoppen. Vor Kurzem ist das Unternehmen an die Börse gegangen. 2017 vermittelte der Dienst weltweit zehn Millionen Fahrten, generierte einen Umsatz von 37 Milliarden Dollar. In Deutschland will Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) bis im kommenden Jahr unter anderem die Rückkehrpflicht aus dem Personenbeförderungsgesetz streichen. Eine nötige Novelle, findet Uber-Sprecher Fröhlich, denn die Lex sei „nicht auf das digitale Zeitalter ausgelegt“. Damit würde das Fahrten-Geschäft erheblich profitabler – und Uber und vergleichbare Dienste in der Bundesrepublik wohl einen großen Schub erhalten.

José stoppt vor der Bankfiliale. Auf seinem Smartphone drückt er einen Knopf. Die Fahrt ist offiziell beendet. Der Preis, etwas mehr als fünf Euro wird abgebucht. Leise surrt das hellblaue Auto davon. Der nächste Fahrgast wartet schon.

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