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Deutschland / Welt Gabriel und Koch: „Die Maulhelden sind nicht ganz ausgestorben“
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Gabriel und Koch: „Die Maulhelden sind nicht ganz ausgestorben“
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07:51 09.05.2019
Sandra Maischberger mit Sigmar Gabriel (links) und Roland Koch Quelle: WDR/Max Kohr
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Berlin

Wenn zwei zusammenkommen, die über viele Jahr prägende Alphatiere der deutschen Politik waren, liegt eine Idee nahe: sich ein besonders eindrucksvolles vergangenes Treffen in Erinnerung zu rufen. So hat die Redaktion von „Maischberger“ für die Sendung mit Sigmar Gabriel und Roland Koch aus den Archiven eine Fernsehaufnahme aus dem Jahr 2002 herausgekramt. „Sie sind ein wirklicher Maulheld“, warf der Sozialdemokrat Gabriel damals dem CDU-Politiker Koch an den Kopf.

Und heute? Gabriel nimmt den Ausdruck von damals sogleich „mit dem Ausdruck des Bedauerns“ zurück. Koch hätte das gar nicht von Gabriel verlangt. „Raufbolderei“, wie er es nennt, habe ja im politischen Betrieb auch eine Funktion, sagt er. Nämlich die, dass die großen Parteien auch unterscheidbar voneinander seien.

Roland Koch war einmal einer der mächtigsten Männer in der Union. Quelle: Boris Roessler/dpa

Maischberger fragt: „Wohin steuert Deutschland?“

„Wohin steuert Deutschland?“ heißt der Titel dieser Maischberger-Sendung. Er ist ein bisschen groß gewählt – geht es in diesem Gespräch doch auch viel um Persönliches. Und natürlich um manche Spekulation zu den Entwicklungen in den Parteien der Protagonisten. Spannend genug ist das aber allemal.

Gabriel und Koch, das sind Figuren mit großen politischen Karrieren. Kein Nachfolger Willy Brandts war solange SPD-Vorsitzender wie Sigmar Gabriel. Der heute 59-Jährige aus Goslar war Vize-Kanzler, Wirtschaftsminister und – nach Jahren teils schauderhafter Umfragewerte – als Außenminister sogar der beliebteste Politiker Deutschlands. Der heute 61 Jahre alte Koch war als hessischer Ministerpräsident und profilierter Konservativer einmal einer der wichtigsten Männer in der Union. Mit seiner Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft hat er polarisiert wie wenige andere.

Wollten die beiden Kanzler werden? Das fragt Sandra Maischberger. „Ach, bestimmt mal zwischendurch“, lautet Gabriels Antwort. Das sei einmal „sicherlich auch in meinem Kopf“ herumgespukt, erwidert Koch.

Vielleicht liegt es auch an diesem gemeinsamen Erfahrungshorizont, dass Gabriel und Koch in der Sendung größtenteils sehr umsichtig miteinander umgehen. Die beiden politischen Kämpfer schlagen nicht aufeinander ein, sondern tippen gewissermaßen die Boxhandschuhe gegeneinander – um sich gegenseitig Respekt zu erweisen.

Kevin Kühnert und die Frage nach dem Kapitalismus

So kommt zwangsläufig der Moderatorin die Aufgabe zu, die beiden – jeweils getrennt voneinander – ein wenig in Bedrängnis zu bringen. Maischberger konfrontiert Gabriel mit eigenen Äußerungen aus dem Jahr 1985, in denen er den Kapitalismus als menschenfeindlich brandmarkte. Sie will wissen, ob er – bei aller Kritik – nicht doch zumindest ein wenig Sympathie für den Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert hat, der kürzlich in einem Interview über die Kollektivierung von BMW sinniert hat. Gabriel entgegnet, er habe Sympathie für die Betriebsräte des Unternehmens: also für jene, die sagen, bei solchen Sprüchen sei die SPD für Arbeiter nicht mehr wählbar.

Roland Koch wiederum – der für die Bundestagswahl 2002 Edmund Stoiber und nicht Angela Merkel in Sachen Kanzlerkandidatur unterstützte – muss sich von Maischberger die Frage gefallen lassen, ob er Merkel unterschätzt habe. Koch überlegt kurz und gibt zurück: „Das würde ich historisch sagen und jemanden suchen, der das nicht getan hat.“ Anders ausgedrückt: Wer hätte Angela Merkel in ihren politischen Anfängen schon 16 Jahre Kanzlerschaft zugetraut?

Der frühere hessische Ministerpräsident argumentiert heute listig, im Grunde sei er mit schuld an Merkels Kanzlerschaft. Denn wenn sie 2002 als Kanzlerkandidatin angetreten wäre und gegen Schröder verloren hätte, wäre ihre politische Karriere beendet gewesen. So verlor, wenn auch knapp, Edmund Stoiber gegen Schröder. Im Jahr 2005, als Schröders Macht durch den Streit über Hartz IV erodierte, wurde Angela Merkel Bundeskanzlerin.

Ist ein Kanzlerinnen-Wechsel eine Selbstverständlichkeit?

Auf Merkel, das ist hinlänglich bekannt, soll im Kanzleramt nach den jetzigen Plänen der Union einmal Annegret Kramp-Karrenbauer folgen. Bei der Frage, ob so etwas in der laufenden Legislaturperiode mit dem Koalitionspartner SPD möglich sein sollte, liefern sich Gabriel und Koch dann tatsächlich noch einen richtigen Schlagabtausch.

Koch sagt, in einer Koalition sei es nun einmal so, dass der größere Partner über die Kanzlerin oder den Kanzler bestimme – und dass diese Person im Lauf der Legislaturperiode auch gewechselt werden könne. „Eigentlich wäre der Wechsel des Kanzlers eine Selbstverständlichkeit“, befindet er. Es sei „ein starkes Stück“, dass aus der SPD verlaute, man werde im Fall eines Rückzugs von Angela Merkel Annegret Kramp-Karrenbauer nicht zur Regierungschefin wählen, redet er sich in Rage.

Gabriel kontert, er könne Kramp-Karrenbauers offensichtliche Wechselambitionen gut verstehen. „Annegret Kramp-Karrenbauer ist de facto weiter Generalsekretärin der CDU, keine Vorsitzende“, sagt er über die CDU-Parteichefin, die keine Kanzlerin ist. Das sei aber nicht das Problem der SPD. Wenn die Union Kramp-Karrenbauer für die nächste Wahl einen Amtsbonus verschaffen wolle, müssten die Sozialdemokraten das nicht mitmachen.

Wie geht es jetzt weiter? Ist Merkel am Ende des Jahres noch Kanzlerin? „Das kann man nicht voraussagen“, sagt Koch. Ist Andrea Nahles am Ende des Jahres noch SPD-Vorsitzende? „Ja“, antwortet Gabriel. Koch und er liefern sich noch ein kurzes Scharmützel über die Frage, welche Partei mit der eigenen Zukunftsplanung weiter sei. Maischberger zieht das Fazit: „Die Maulhelden sind nicht ganz ausgestorben.“

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AKK dementiert Vorbereitung von Merkels Rückzug

Von Tobias Peter/RND

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