Menü
Göttinger Tageblatt / Eichsfelder Tageblatt | Ihre Zeitung aus Göttingen
Anmelden
Deutschland / Welt Möglicherweise 2000 Tote in Kirgistan
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Möglicherweise 2000 Tote in Kirgistan
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:24 15.06.2010
Quelle: ap
Anzeige

Die ethnischen Zusammenstöße im Süden der zentralasiatischen Republik Kirgistan haben doch viel mehr Todesopfer gefordert als offiziell bekannt. Erstmals räumte die unter Druck stehende Übergangspräsidentin Rosa Otunbajewa ein, dass die Zahl wohl um ein Vielfaches über den registrierten 170 Toten liege. Die usbekische Gemeinschaft spricht von mehr als 2000 Leichen. Dies und die Tatsache, dass vermutlich weit mehr als 100.000 Usbeken auf der Flucht aus den südlichen Städten Osch und Dschalal-Abad sind, verschärft nach Meinung von Beobachtern auch die Lage im Norden. Gut zwei Monate nach dem Sturz des autoritären kirgisischen Präsidenten Kurmanbek Bakijew hängt die Zukunft des Landes am seidenen Faden.

In Bischkek, der Hauptstadt im Norden, nimmt die Angst vor Unruhen zu - zwar leben hier kaum Usbeken. Doch könnten nun Revanchisten aus dem Kreis von Bakijew versuchen, auch den Norden zu destabilisieren. Wie gespannt die Lage hier ist, zeigten die Straßenschlachten nach dem Volksaufstand gegen Bakijew Anfang April. In dem Hochgebirgsland an der Grenze zu China ist die Situation wegen der extremen sozialen Spannungen hochexplosiv. Otunbajewas Regierung kann kaum Erfolge vorweisen, gilt als von inneren Machtkämpfen zerrissen und kann den Kirgisen keine echte Zukunft bieten.

Selbst wenn die Kämpfe im Süden nach Augenzeugen-Berichten am sechsten Tag in Folge etwas abflauten, weitet sich die humanitäre Katastrophe aus. Die wirtschaftlichen und politischen Folgen des Flüchtlingsdramas an der Grenze zum benachbarten Usbekistan sind kaum abzusehen. Zwar nehmen die internationalen Hilfslieferungen inzwischen rasant zu. Aber auch Otunbajewa ist klar, dass Kirgistan von dieser Krise noch lange gelähmt sein wird. Trotzdem will sie am 27. Juni in einer Volksabstimmung über eine neue demokratische Verfassung abstimmen lassen.

Viele Usbeken haben nach dem Sturz Bakijews auf eine bessere Minderheitenpolitik der neuen Führung gehofft. Das seit Tagen andauernde Morden hat diese Hoffnungen aber im Keim erstickt. Das fruchtbare Ferganatal, der Brotkorb Zentralasiens für die Völker Kirgistans, Usbekistans und Tadschikistans, hat sich in ein „Tal des Todes“ verwandelt, wie russische Medien schrieben. Dort, wo mächtige Drogenbarone um ihren Einfluss fürchten und radikale Islamisten am liebsten einen eigenen Gottesstaat errichten würden, droht eine Herrschaft der Gewalt.

Wohl auch deshalb sieht Otunbajewa weiterhin nur die Chance auf Frieden, wenn sie Russland zu einem Militäreinsatz in der Region bewegen kann. Doch die Russen zögern weiter - wohl auch, weil sie fürchten, im Fall eines Scheiterns von Otunbajewas Regierung alleine in dem Land dazustehen.

Derweil versucht das kirgisische Militär der Lage selbst Herr zu werden. Doch bei den Truppen fehlt es an einfachster Technik, Kommunikationsmitteln und sogar an Treibstoff. Ein von Russland geführtes Militärbündnis früherer Sowjetrepubliken hat zwar technische Hilfe zugesichert. Aber auf einen Friedenseinsatz wollen sich die Mitglieder des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) wohl nur im äußersten Notfall einlassen. „Wenn die Friedenstruppen nicht kommen, werden bewaffnete kriminelle Banden vielerorts die Macht an sich reißen“, warnte der bürgerliche Politiker Felix Kulow in Bischkek. Auch er sieht hinter den blutigen ethnischen Unruhen der vergangenen Tage den Familienclan des gestürzten Präsidenten Bakijew.

Ohne Geld und professionelle Planung hätten die traditionell starken Spannungen zwischen Kirgisen und Usbeken aus Sicht auch des Westens nicht in einem solchen Blutrausch enden können. Acht Millionen Euro soll die Familie Bakijews ausgegeben haben, um die Unruhen zu provozieren. Bakijews Brüder sollen sich nach kirgisischen Berichten gemeinsam mit bewaffneten Banden im schlecht kontrollierten Dschirgatal in Tadschikistan vorbereitet haben. Von dort sollen Heckenschützen ihren mörderischen Einsatz in Osch und Dschalal-Abad angetreten haben.

dpa

Mehr zum Thema

Der Weltsicherheitsrat hat die Menschen im Süden von Kirgistan in der Nacht zum Dienstag dazu aufgerufen, Ruhe zu bewahren und zu Recht und Ordnung zurückzukehren.

15.06.2010

Leichen in den Straßen, brennende Häuser und Zehntausende Flüchtlinge - die Lage im Süden von Kirgistan bleibt explosiv. Nun sollen russische Friedenssoldaten eingreifen - der scheinbar einzige Weg, damit die prowestliche Übergangsregierung durchhält.

14.06.2010

Vor den gewaltsamen Unruhen in Kirgistan sind nach Angaben des Nachbarlandes Usbekistan bereits bis zu 80.000 Menschen geflohen. Russland schickte am Sonntag wegen der seit drei Tagen andauernden Auseinandersetzungen zusätzliche Soldaten zu seinem Luftstützpunkt in Kirgistan.

14.06.2010

Die Regierung will erst bis Ende August statt bis Juli über die längeren AKW-Laufzeiten entscheiden. Eines zeichnet sich aber schon ab: Die Meiler sollen mindestens 10 Jahre länger am Netz bleiben.

15.06.2010

Laut der EU-Kommission verläuft die Haushaltssanierung Deutschlands nach Plan. Die Neuverschuldung muss bis 2013 unter die erlaubte Marke von drei Prozentgebracht werden. Auch die Maßnahmen elf weiterer betroffener EU-Länder sei ausreichend.

15.06.2010

Soll es Warnhinweise für Raubkopierer im Internet geben? Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger kann sich das vorstellen - es dürften dabei aber weder Inhalte kontrolliert noch Daten erfasst werden.

15.06.2010