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Deutschland / Welt Mord an Walter Lübcke: Anwalt des Tatverdächtigen stellt Strafanzeige wegen Geheimnisverrats
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Mord an Walter Lübcke: Anwalt des Tatverdächtigen stellt Strafanzeige wegen Geheimnisverrats
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17:03 08.07.2019
Stephan E.hat vor dem Haftrichter sein Geständnis im Mordfall Walter Lübcke zurückgezogen. Quelle: Uli Deck/dpa
Berlin

Der Anwalt des mutmaßlichen Mörders des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke hat Strafanzeige wegen Verdachts des Geheimnisverrats erstattet, wie der „Spiegel“ berichtet. Es sollen Informationen aus dem inzwischen widerrufenen Geständnis des Tatverdächtigen Stephan E. an die Öffentlichkeit gelangt sein, „die nach Lage der Dinge nur aus der originalen Ermittlungsakte der Bundesanwaltschaft stammen können“, wie das Nachrichtenmagazin den Anwalt von Stephan E zitiert.

Als er selbst die mehr als 300-seitige Akte noch nicht vollständig gelesen habe, fand dieser bereits wesentliche Details in der Presse. Da die beiden vorhergehenden Anwälte des Tatverdächtigen Stephan Ernst keinen Zugang zu den Akten gehabt haben, müsse es jemanden in den Ermittlungsbehörden geben, der diese Informationen gezielt an die Öffentlichkeit bringt“, so der Anwalt. Ein rechtsstaatliches Verfahren müsse gewährleistet werden.

Die Bundesanwaltschaft wollte sich zu den Vorwürfe eines angeblichen Lecks bei den Behörden laut „Spiegel“ nicht kommentieren.

Wortlose Ermordung

Der Tatverdächtige im Mordfall Lübcke soll einem Medienbericht zufolge in seinem inzwischen zurückgezogenen Geständnis angegeben haben, die Tat schon seit Jahren erwogen zu haben.

Mindestens zwei Mal, 2017 und 2018, sei Stephan E. demnach zum Kassler Regierungspräsidenten Walter Lübcke gefahren, mit der Waffe in der Tasche, berichten „Süddeutsche Zeitung“, NDR und WDR am Sonntag online.

Hinterher sei er der zurückgezogenen Schilderung zufolge froh gewesen, die Tat nicht ausgeführt zu haben. Als er Lübcke schließlich am 2. Juni doch ermordet habe, sei dies wortlos geschehen.

Im Video: Stephan E. widerruft Geständnis im Mordfall Lübcke

Sexuelle Übergriffe an Silvester als Tatmotiv

Anlass war möglicherweise eine Informationsveranstaltung über die Aufnahme von Flüchtlingen 2015, bei der Lübcke gesagt hatte, wer „die Werte“ nicht teile, könne das Land verlassen. Ausschlaggebend für die Idee seien dann die sexuellen Übergriffe auf Frauen in der Kölner Silvesternacht 2015/16 gewesen, aber auch der islamistische Anschlag mit mehr als 80 Toten 2016 in Nizza.

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Das alles habe ihn ungeheuer aufgewühlt, sagte E. den Angaben zufolge in seiner ursprünglichen Darstellung. Darüber geredet habe er mit niemandem, auch nicht mit den der Beihilfe verdächtigten Markus H. und Elmar J. Den Ausschlag gegeben habe dann der Mord von Islamisten an zwei jungen Frauen aus Norwegen und Dänemark im vergangenen Dezember in Marokko.

Tat tue Stephan E. „unendlich leid“

Aus der rechtsextremistischen Szene wolle sich E. laut seiner zurückgezogenen Aussage zwischenzeitlich gelöst haben, und zwar nach seiner Verurteilung wegen eines Angriffs auf Gewerkschafter 2009 in Dortmund, berichteten die Medien.

Die Entscheidung, sich Waffen zu besorgen, habe er demnach bereits 2014 getroffen - um seine Familie vor der angeblich überhandnehmenden Kriminalität von Ausländern zu schützen.

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E.s Freund H. soll ihn an J. vermittelt haben, der dann ein ganzes Arsenal an Waffen besorgt haben soll, darunter eine Maschinenpistole des Typs Uzi.

In dem zurückgezogenen Geständnis habe E. auch angegeben, der Mord tue ihm „unendlich leid“, niemand solle für seine Worte sterben müssen. Was er Lübckes Familie angetan habe, sei „unverzeihlich“, zitierten die Medien seine ursprüngliche Aussage.

Hat Stephan E. Depressionen?

In der Untersuchungshaft soll E. laut den Berichten von Depressionen berichtet haben und inzwischen auf die Krankenabteilung verlegt worden sein.

Der Kasseler Regierungspräsident Lübcke war am 2. Juni erschossen worden. Unter Verdacht steht der 45-jährige Stephan E. aus Kassel. Der Generalbundesanwalt geht von einem rechtsextremen Hintergrund aus.

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Stephan E. hatte nach Angaben des Generalbundesanwalts Peter Frank zunächst gestanden, Lübcke getötet zu haben; später widerrief er sein Geständnis.

Verfassungsschutz sieht rechtsextremistische Netze

Derweil hat der Verfassungsschutz Erkenntnisse über weitreichende rechtsextremistische Netzwerke im nordhessischen Umfeld des Mordes an Lübcke. „Insbesondere im neonazistischen Spektrum sind personelle Vernetzungen mit überregionalen und auch internationalen rechtsextremistischen Strukturen festzustellen“, sagte ein Sprecher des hessischen Landesamtes der Düsseldorfer „Rheinischen Post“.

In Nordhessen gebe es Aktivitäten des gesamten rechtsextremistischen Spektrums. Dies reiche von einzeln agierenden Rechtsextremisten über lose strukturierte neonazistische Kameradschaften und völkische Gruppen bis hin zu fest strukturierten Parteien und Gruppierungen der sogenannten „Neuen Rechten“, sagte der Verfassungsschutzsprecher der Zeitung. Mehrere Personen, die in rechtsextremistischen Gruppierungen in Nordhessen organisiert seien, stünden mit Straftaten in Verbindung und seien gewaltbereit.

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Von RND/dpa/epd/lf/das/ak

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