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Deutschland / Welt Kämpferin für die Freiheit – und das Präsidentenamt
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08:49 10.04.2014
Eine starke Frau: Am Freitag erhält Aung San Suu Kyi den Willy-Brandt-Preis der SPD. Quelle: dpa
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Rangun/Berlin

Myanmars letzte Wahl lag gerade ein paar Wochen zurück. Aung San Suu Kyi befand sich nach Jahren des Hausarrests in Freiheit und durfte plötzlich auch offen mit Leuten sprechen, die das Regime jahrelang vor ihr abgeschirmt hatte. „Wer weiß“, sagte die Friedensnobelpreisträgerin damals in dem heruntergekommenen Hauptquartier ihrer Partei „Nationale Liga für Demokratie“ an einer belebten Straße in Myanmars Hauptstadt Rangun, „vielleicht gibt es ja Überraschungen“.

Das war im Sommer 2011. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hockten immer noch die Agenten des Regimes, die das Parteibüro der Oppositionellen jahrelang rund um die Uhr überwacht hatten. Aber dass sich nach der langen Unterdrückung etwas in Myanmar ändern würde, war deutlich zu spüren. Aung San Suu Kyi, die Ikone des Widerstands, die seit dem Jahr 1988 bockig allen Einschüchterungsversuchen des Regimes widerstanden hatte, wusste offenbar, dass der neue Machthaber Thein Sein entschlossen war, das Land nach langer Isolation wieder in die Weltgemeinschaft zurückzuführen. „Wir brauchen einen Dialog“, sagte sie damals.

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Seither hat sich viel geändert in ihrem südostasiatischen Heimatland: 2011 kündigte die Junta demokratische Reformen an, die alte Führung wurde in den Ruhestand geschickt, aus Generälen wurden Zivilisten, politische Gefangene wurden entlassen, und das ein halbes Jahrhundert lang abgeschottete Land öffnete sich der Welt. Im April 2012 konnte sich die „Dame“, wie Suu Kyi daheim genannt wird, einen Parlamentssitz sichern.

Mittlerweile hat sich die Friedensnobelpreisträgerin von der Widerstandskämpferin zur Realpolitikerin gewandelt. Und doch ist der heute beginnende Berlin-Besuch von Aung San Suu Kyi mehr als eine Routinevisite. Noch immer wird die 68-Jährige weltweit als Freiheitsikone verehrt, und die Liste ihrer Berliner Gesprächspartner – an erster Stelle Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel – spiegelt dies wider: Fast scheint es, als wäre Suu Kyi bereits Präsidentin und nicht nur Oppositionschefin in einem lediglich halbwegs demokratischen Land. Inzwischen scheint es tatsächlich nicht mehr abwegig, dass sie 2015 an die Staatsspitze rücken könnte – sie hat den Wunsch zu kandidieren schon öffentlich gemacht.

Suu Kyis Weg in die Politik war keineswegs vorgezeichnet. Die Tochter des ermordeten Unabhängigkeitskämpfers General Aung San wurde in den besten Schulen Ranguns unterrichtet, studierte in Indien und im britischen Oxford, heiratete den britischen Akademiker Michael Aris und bekam mit ihm zwei Kinder. Alles lief auf ein ruhiges Leben in Großbritannien hinaus.

Zum Schlüsselerlebnis wurde für sie das Jahr 1988: Suu Kyi reiste im April in die Heimat, um ihre kranke Mutter zu pflegen – und erlebte, wie das Militär blutig eine Demokratiebewegung niederschlagen ließ. Sie blieb und gründete mit anderen Oppositionellen die Nationale Liga für Demokratie. Damit weckte sie den Zorn der Junta: Im Juli 1989 wurde sie erstmals unter Hausarrest gestellt – wenige Monate vor der Parlamentswahl im Jahr 1990, bei der ihre Partei haushoch siegte. Die Militärregierung erkannte das Ergebnis nie an. Auch die Verleihung des Friedensnobelpreises 1991 und internationale Proteste änderten nichts an den Repressionen. Suu Kyis Ehemann durfte selbst im Endstadium seines Krebsleidens nicht nach Myanmar reisen. Sie selbst blieb im Land – aus Furcht, nach der Ausreise ausgebürgert zu werden. Ihr Ehemann starb im Jahr 1999, ohne seine Frau je noch einmal gesehen zu haben.

Doch seit ihrem Wandel von der unterdrückten Freiheitskämpferin zur Oppositionspolitikerin hat Suu Kyis Image Risse bekommen. Zwar ist sie in Teilen der Bevölkerung noch immer äußerst populär. Kritiker werfen ihr jedoch vor, sie mache zu viele Kompromisse, um vor der Wahl 2015 niemanden zu verschrecken. Sie werfen Suu Kyi vor, nie Partei für die muslimischen Rohingya ergriffen zu haben, die in Myanmar verfolgt werden. Auch schwieg Suu Kyis Partei weitgehend zu den von buddhistischen Nationalisten und militärischen Hardlinern geschürten Konflikten zwischen Buddhisten und Rohinyga im westlichen Rakhine-Staat. Während einer Europareise im Juni 2012, auf der Suu Kyi in Oslo ihre verspätete Dankesrede für den Friedensnobelpreis hielt, antwortete sie auf die Frage, ob die Rohingya Staatsbürger werden sollten, nur: „Ich weiß nicht.“ Ausweichend blieb die Friedensnobelpreisträgerin auch bei Fragen zum Konflikt mit Rebellen der Kachin-Minderheit im Norden Myanmars. Dem Militär werden Mord, Vergewaltigungen und Vertreibungen vorgeworfen.

Doch ohne die alten Eliten kann die 68-Jährige ihr nächstes Ziel nicht erreichen: Suu Kyi darf nur zur Präsidentschaftswahl antreten, wenn die Verfassung geändert wird – und dies geht nur mit der parlamentarischen Mehrheit des Militärs und seiner Verbündeten. Denn seit 2011 ist Bürgern die Kandidatur für das Präsidentenamt verboten, deren Partner oder Kinder eine ausländische Staatsbürgerschaft besitzen. Suu Kyis Söhne sind Briten. 

Willi Germund (mit: epd)

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