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Deutschland / Welt Ost und West: Kennen wir uns eigentlich gut genug?
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12:10 31.08.2019
Reich mir die Hand Nachbar. Wie gut kennen sich Ost- und Westdeutsche?
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Es fängt schon bei der Wortwahl an: „Der Osten wählt“. Wir ziehen eine Linie zwischen uns, doch hinter der vermeintlich geografischen Abgrenzung steckt nicht selten Ignoranz und Vorurteil. Wäre in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Hessen gleichzeitig eine Landtagswahl, hieße es wohl kaum, dass der „Westen“ wähle. Wieso auch? Doch 30 Jahre nach dem Mauerfall ist „der Osten“ synonym geworden für einen Teil von Deutschland, den der Rest der Republik nicht wirklich kennt – und manchmal auch gar nicht wirklich kennenlernen will.

Die Ostdeutschen – das sind doch jene, die die AfD bei den jüngsten Wahlen nach vorne gewählt haben und so die Wahlergebnis-Landkarten blau färbten. Im Osten hat Pegida den Ursprung, ist die Fremdenfeindlichkeit so groß wie die Skepsis und Enttäuschung gegenüber den vormalig etablierten Parteien. Hier jammern die Bürger gerne, auch wenn es ihnen doch so gut geht wie nie zuvor – so zumindest die westdeutsche Sicht. Wir hören Chemnitz, Dresden, Freital, Tröglitz, Heidenau – und wir haben Bilder von Wut, Hass und Gewalt im Kopf. Die Folge: Ostdeutschland wird immer mehr ein Fremdkörper innerhalb der Bundesrepublik.

Ostdeutsche Kränkungen sind nicht selten das Resultat westdeutscher Überheblichkeit

Wie kann es sein, dass es nach 30 Jahren noch immer kein gemeinsames „Wir“ gibt, sondern ein „Deutsch“ und ein „Ostdeutsch“? Aus Westsicht liegen die Fakten auf der Hand: Es waren doch die DDR-Bürger, die damals auf die Straße gingen, die raus wollten aus Repression und Enge des sozialistischen Systems, für mehr Freiheit und Wohlstand, den das Wirtschaftswunderland Bundesrepublik damals versprach. Wo liegt heute also das Problem?

Das geeinte Deutschland fühlte sich dennoch für viele in der ehemaligen DDR nicht richtig an. Sie sollten von einem Tag auf den anderen alles über Bord werfen, was sie kannten, und sich dem Neuen anpassen. Auch wenn das Neue erst mal für viele hieß: Arbeitslosigkeit sowie Entwertung der eigenen Lebensleistung und Berufsbiografie. In der DDR gab es Traktoristen oder Kunstblumenfacharbeiter – in der BRD waren diese Tätigkeiten nicht mehr nötig. Ostdeutsche Kränkungen und Abwertungen sind nicht selten das Resultat westdeutscher Überheblichkeit. Es erinnern sich viele an die westdeutschen Unternehmer, die nach der Wende in die neuen Länder kamen und mit einer klaren Besserwisserhaltung erklärten, wie das läuft mit der Marktwirtschaft.

Wahl-O-Mat zur Landtagswahl in Brandenburg: Welche Partei passt zu mir?

Plötzlich muss sich jeder um sich selbst kümmern

Dazu kam: Bisher sorgte der Staat für Arbeit, Wohnung, Schullaufbahn der Kinder – plötzlich sollte und musste sich jeder selbst um sein Fortkommen kümmern. Was Freiheit und Möglichkeit bedeutet und Befreiung aus der Bevormundung, war einigen Überforderung. Was das mit den Menschen macht, wie sich diese Erfahrungen festsetzen, erfährt der, der einfach einmal fragt und dann auch wirklich zuhört. Anlasslos, nicht nur im Rhythmus von Wahlterminen oder rechtsradikalen Aufmärschen in ostdeutschen Innenstädten.

„Wissense, ich habe immer gearbeitet, war fleißig, doch nun reicht die Rente nicht. Ich muss zur Tafel gehen“, sagt Frau H. aus Oranienburg (Brandenburg) – und ist verdutzt, dass sich jemand für sie interessiert. Frau H. sagt nicht „DDR“ und nicht „Wende“, sie sagt „der andere Staat“ – und meint die Bundesrepublik. Sekretärin war sie, zu DDR-Zeiten zuletzt bei der Post – dann kamen 1990 die „von drüben“ und wollten ihr erklären, wie der Job gehe. „Beschämend war das, als wären wir dumm. Dabei habe ich den Beruf doch auch jahrelang gemacht, und es hat gut funktioniert.“ Später redet sie von „Hottentotten“, als sie Migranten meint, und von der „faulen Brut“, als sie sich über junge Hartz-IV-Empfänger aufregt. Frust kann nie Entschuldigung sein für Fremdenhass, Radikalisierung und Demokratieablehnung, doch das Wissen um die Erfahrungen der Menschen kann beim Verstehen helfen.

Keine Bahn, kein Netz, keine Jobs

Der „Spiegel“ titelte vergangene Woche „So isser, der Ossi“ – dazu ein Hütchen in Deutschland-Farben, das symbolisch für einen Pegida-Demonstranten aus Dresden steht, der durch Pöbeleien gegen die Presse auffiel. So differenziert der nachfolgende Text auch sein mag, es ist dieses Spiel mit dem Klischee und die Symbolik, die einige kränkt. Den Vorwurf, man behandle den Osten „von oben herab“, hört immer wieder, wer sich mit Menschen vor Ort unterhält. Lokaljournalisten, die in Ostdeutschland arbeiten, überraschen die Wahlergebnisse, die Wut und die Gespräche am Stammtisch nicht.

Viele Menschen in Ostdeutschland glauben die Landes- und Bundespolitik weit weg von ihren Interessen. Und liegen damit nicht ganz falsch. Das wohlklingende Wort von der Energiewende bedeutet für die Bewohner aus Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen nicht selten Windräder direkt neben dem Haus – oder wegbrechende Jobs in der Kohleindustrie. Den Verzicht aufs Auto kann leicht fordern, wer nicht stundenlang auf einen Zug wartet. Und die Digitalisierung klingt wohlfeil in den Ohren jener, die vielerorts nicht mal genug Netz für ein Telefonat haben. Es verwundert manchen auch, dass in den Städten kaum einer darüber redet, dass ohne freiwillige Feuerwehr in der Fläche unser gesellschaftliches System völlig kollabieren würde – und so ein Wald dann eben einfach mal abbrennt, weil der Staat sich hier auf Freiwillige stützt.

Im brandenburgischen Dorf Carzig protestieren Bürger gegen die immer größer werdenden Windenergieanlagen. Quelle: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dp

All das sind keine typischen ostdeutschen Probleme, hier öffnet sich seit Jahren mit Wucht ein Stadt-Land-Gefälle – geprägt durch einen großstädtischen Diskurs der vermeintlichen Elite in Berlin. Doch in Ostdeutschland, wo auf viel Fläche sehr viel weniger Einwohner kommen als im Westen des Landes, prägt sich dieses Ungleichgewicht besonders ein.

Die Politik hat längst reagiert, unter anderem eine „Kommission für gleichwertige Lebensverhältnisse“ eingerichtet, um mit gesamtdeutschem Blick Strukturungleichheiten langfristig auszubügeln. In die Lausitz, wo Brandenburg und Sachsen mit der Braunkohle künftig ihre einzig verlässliche Industrie verlieren wird, pumpen Länder und Bund immer mehr Geld, verbunden mit Forschungseinrichtungen, Start-ups oder Ministerien. Diesmal will man es richtigmachen. Doch so einfach ist es nicht: Die große Industrie sitzt eben nicht in Ostdeutschland, die Wirtschaftskraft fokussiert sich auf die Ballungsgebiete und besteht dennoch vorwiegend aus Zulieferungsbetrieben großer westdeutscher Firmen – der Osten Deutschlands bleibt die Heimat der Kleinstbetriebe, der Arbeiter und Handwerker. Auch weil für freies Unternehmertum in der DDR die Vorbilder fehlten – alle von Eigentümern geführten Betriebe wurden enteignet und in Genossenschaften überführt.

Mehr zum Thema: Kohle statt Kohle: Welche Zukunft hat die Lausitz?

Einst ganzer Stolz in Hohenofen (Brandenburg): Die Papierfabrik, die damals die gesamte DDR mit Papier versorgte - bis zur Wende.

Jedes Dorf, jede Familie und viele Gebäude ist Ostdeutschland tragen eine Geschichte des Veränderungsprozesses in sich. Es sind manchmal kleine Gegebenheiten einer Biografie, die die Menschen mit sich herumschleppen und die sich im Politikverständnis – oder –unverständnis äußern können. In Hohenofen zum Beispiel. Die alte, runtergekommene Fabrik erzählt von anderen Zeiten, von Bedeutung und Glanz. Einst war im kleinen Ort im Landkreis Ostprignitz-Ruppin in Brandenburg die größte Papierfabrik der DDR. zu Preußenzeiten galt das Feinpapier von der Dosse als etwas besonders Wertvolles, während der DDR belieferte man von hier den gesamten Ostblock sowie Kuba mit dem Papier. Man kann durchaus sagen: Jedes wichtige kommunistische Dokument ist auf Hohenofener Papier geschrieben. Bis 1990 – dann verloren die 120 Mitarbeiter ihren Job. Die Fabrik war eben, wie so viele Industrieanlagen, abgewirtschaftet und lange nicht modernisiert worden. An einer der ersten Papierfabriken der DDR kann man erklären, wie schmerzhaft zuweilen der Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft tatsächlich war. Zuletzt fiel der Ort 2013 mit einem Negativrekord auf: Nicht einmal jeder zweite Erwachsene ging hier damals zur Bundestagswahl. Wahlergebnisse sind erklärbar.

Politiker auf Tour: Keine Annäherung in Sicht

Objektiv betrachtet geht es den Menschen in Ostdeutschland gut: Die Arbeitslosigkeit ist niedriger als je zuvor, besonders Brandenburg floriert und wächst – zumindest im Speckgürtel Berlins. Doch das öffentliche Narrativ verharrt zu oft im Negativen. „Man tut zum Beispiel so, als wäre man in Ostdeutschland generell benachteiligt und als würden dort unhaltbare Lebenszustände herrschen. Dies wird dann mit dem Westen verglichen, und dies führt zu einem Gefühl des ‚vergleichenden Ungerechtigkeitserlebens‘“, sagte Psychiater Michael Linden von der Charité Berlin, Experte für posttraumatische Verbitterungsstörung, jüngst in einem Interview mit der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“. Also doch: Lieber nicht zu viel zurückschauen?

Die Politiker in Brandenburg und Sachsen, wo nun ein neuer Landtag gewählt wird, sind seit Monaten unterwegs – der Vorwurf, die Politik suche nicht das Gespräch, entbehrt schon lange jeder Grundlage. Die Frage ist nur, ob überhaupt noch jemand reden will, oder ob die Fronten nicht längst so verhärtet sind, dass es nur noch ein Verharren auf der eigenen Meinung ist. Ob das Verständnis, dass Demokratie auch heißt, gemeinsam Kompromisse zu erarbeiten, bei den lauten Marktschreiern oder den stillen Verzagten noch ankommt. Die AfD fängt die Wende-Enttäuschten gezielt ein: „Vollende die Wende“ oder „Friedliche Revolution mit dem Stimmzettel“ sind die Slogans in Brandenburg und Thüringen.

Die epochalen Veränderungen der Wiedervereinigung wirken bis heute, manches können wir auch erst jetzt mit Abstand viel besser verstehen.

Gleich, ob die AfD nun bei den Landtagswahlen stärkste Kraft wird oder nicht – eines hat die Sorge davor bereits geschafft: noch einmal in den Fokus zu rücken, dass wir 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch längst nicht durch sind mit dem „Einswerden“. Es braucht einen neuen Ost-West-Dialog, geprägt von Verstehenwollen und Diskutieren – nicht von Vorurteilen, Pauschalisierungen und einer Vorzugsbehandlung. Vielleicht tragen die Reibereien und der Streit nun dazu bei, zueinander zu finden.

Das schon seit Jahren leehrstehende Trerassenrestaurant Minsk in Potsdam. Quelle: MAZ/Bernd Gartenschläger

Klar ist: Es dauert. Und es macht Arbeit. Die epochalen Veränderungen der Wiedervereinigung wirken bis heute, manches können wir auch erst jetzt mit Abstand viel besser verstehen. Geschichte zeichnet sich auch immer durch Reflexion aus. Steckt man mittendrin, fällt der klare Blick zuweilen schwerer. In Potsdam hat ausgerechnet der Mann, der allein durch seinen monetären Erfolg für den Kapitalismus steht wie kaum ein anderer, für eine Ost-West-Versöhnung gesorgt. Hasso Plattner, Gründer des Softwareunternehmens SAP, Multimilliardär und Potsdam-Liebhaber, hat in diesem Jahr einen Coup gelandet: Jahrelang stritt man – neben vielem anderen – in der brandenburgischen Landeshauptstadt um das ehemalige Terrassenrestaurant Minsk, das zu DDR-Zeiten ein beliebtes Ausflugslokal gewesen war und inzwischen verkommen ist. Die Stadtpolitik tat sich schwer nach den vielen Diskussionen um die DDR-Architektur in der Mitte der Stadt, hier noch einmal ein Andenken an die alte Zeit zu vernichten. Plattner servierte die Lösung: Ein modernes Museum soll es werden, für Kunst aus der DDR. Es ist mehr als nur eine Geldspende, es ist eine Anerkennung eines Teils unserer Geschichte.

Hannah Suppa (36) ist Chefredakteurin für Digitale Transformation und Innovation im Regionalen beim Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) – zuvor lernte sie als (westdeutsche) Chefredakteurin der Märkischen Allgemeinen Zeitung (MAZ) Brandenburg und Ostdeutschland besser kennen. Unter anderem in vielen Gesprächen in Kneipen und auf Marktplätzen. Und mit der einfachen Frage auf der Straße: „Wie geht’s Ihnen denn?“.

Von Hannah Suppa/RND

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