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Deutschland / Welt Party, reisen, reden: Bringt Interrail Europa zusammen?
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11:03 01.09.2018
Kennenlernen für Europäer: Hostel-Partyraum.
Kennenlernen für Europäer: Hostel-Partyraum.
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Bratislava/Prag/Budapest

Weißt du“, sagt Maria, 18 Jahre, „mit 18 weißt du gerade so eben, wer du eigentlich bist und wo du stehst. Eigentlich könnte jetzt alles so bleiben – trotzdem musst du raus. Sonst verstehst du die Welt nicht.“ Also sitzt die Spanierin nun im Eurocity Nummer 279 von Prag nach Budapest, Wagen 368, Sitzplatz 14, und versucht, die Welt zu verstehen. Sie ist eine von 15 000 Jugendlichen, die im Losverfahren der Europäischen Union ein kostenloses Interrail-Ticket gewonnen haben.

Ab 2021 will die Union bis zu 200 000 18-Jährigen ein solches Zugticket für Europa spendieren – und schon in diesem Jahr schickt sie 30 000 von ihnen auf Reise. ­„DiscoverEU“ heißt das Projekt, das junge Menschen für Europa begeistern soll. Es ist eine Maßnahme wider den Nationalismus. Ausgedacht von Europapolitikern, die im Angesicht von Brexit, Anti-EU-Parteien und Flüchtlingskrise nach dem Guten, dem Sichtbaren und Spürbaren suchen, was diese EU hervorgebracht hat. Und womit ließe sich besser für die eigene Sache werben als mit dieser Mischung aus Bildung und Exzess, Stresstest und Entschleunigung? Europa, so die Botschaft, die das Interrail-Ticket ja bereits seit den 1970er-Jahren bereithält, kann auch eine gute Zeit bedeuten. Und eben auch Völkerverständigung. Den „European Way of Life“ sollen sie entdecken. Aber hilft das wirklich gegen die Krise?

„Du musst raus, sonst verstehst du die Welt nicht“: Maria aus Spanien auf dem Weg nach Budapest. Quelle: Julius Heinrichs/RND

Nach Paris und Berlin trieb es Maria bereits, nun also geht’s nach Budapest. Heute ist der siebte Tag ihrer Reise und der dritte nach ihrer Eingewöhnungsphase. In den ersten Tagen sprach sie zu niemandem ein Wort, zu groß war ihre Unsicherheit. Bis sie merkte, dass auch alle anderen ihre Ängste teilen. Mittlerweile ist Maria diejenige, die in Hostels auf andere Unsichere zugeht und die Frage stellt, mit der ein jedes Gespräch hier beginnt. „Hey, where are you from?“ Wo kommst du her? Selten ist Kennenlernen einfacher, denn selten sind alle so sehr darauf bedacht. Und egal, wie die Antwort auch ausfallen mag, die Reaktion ist in der Regel ein „Oh, cool!“. Dann nehmen die Gespräche ihren Lauf. Zwanglos, interessiert, zugewandt.

Die Hostels tun ihr Übriges dazu, das Kennenlernen zu vereinfachen. Viele bieten des Abends betreutes Trinken in verschiedenen Variationen: Montag Bier-Quiz, Dienstag Bier-Kicker, Mittwoch Bier-Pong, Donnerstag Bier-Tour, Freitag Bier-Karaoke. Und je mehr Bier fließt, desto weniger Hemmungen gibt es. Reiseerfahrungen und Landesunterschiede sind die Einstiegsthemen. Der Franzose gestern, der nackt durch den Park rannte. Der Rumäne, der alle unter den Tisch trank. Die Kroatin, die sämtliche Akzente perfekt nachahmen konnte.

Party, die ganze Nacht: Nachtleben in Budapest Quelle: Julius Heinrichs/RND

Mit fortschreitender Uhrzeit und höherem Alkoholpegel dann politisieren sich die Gespräche, Flüchtlinge sind dann das große Thema. Es geht um europäische Grenzen, um die Verteilung, vor allem aber um die neue Uneinigkeit in der EU. Gerade hier, im Osten Europas, wo sich Regierungen gebildet haben, deren Agenda es ist, ihr Land gegen Flüchtlinge abzuschotten. Alle sagen, sie spüren, dass sich zurzeit viel verändert, dass Hass und Ressentiments größer werden. Doch eine kontroverse Runde kommt im Backpacker-Hotel nicht zustande. Im Groben sind sich die Interrail-Reisenden einig. Die meisten sind gut gebildet, gut ausgestattet und liberal. Städter, die sich eine Welt wünschen, in denen es weniger Grenzen gibt und nicht etwa mehr. „Wir haben das Glück in Europa geboren zu sein“, sagt Finn aus den Niederlanden. „Und jetzt machen Politiker kaputt, wofür erst zwei Weltkriege nötig waren.“ Und gehen die Meinungen spät abends doch einmal zu weit auseinander, helfen Floskeln: Well, it’s complicated, es ist kompliziert – Reisen ist nicht die Zeit zu streiten.

So feiern die Interrailer des Nachts das Internationale. Jeder redet mit jedem, und in der Hitze der Touristenclubs, im Gewaber aus Bass, Bier und Licht verschmelzen die vielen zur Einheit. Auch hier, im Budapest von Ungarns Präsident Viktor Orbàn, dem Befürworter der „illiberalen Demokratie“, muss man im Interrail-Milieu nach Illiberalität und Rassismus lange suchen. Er tritt nur am Rande zutage, in Situationen außerhalb der Hostel-Blasen. Bei der Frau in Ungarn etwa, die auf den Boden spuckt, als sie merkt, dass ihr ein Deutscher gegenübersteht. Oder dem Herrn, der in gleicher Situation mit einem freudig-kehlig gegrölten „Hitler!“ antwortet.

Bahnhof von Prag. Quelle: Julius Heinrichs/RND

Manchmal auch bei denen, die von den Reisenden leben. Menschen wie Renata, die in Prag, der nächsten Station der Reise, vor der Bar lehnt, in der sie arbeitet, und an ihrer Zigarette zieht, als brauche sie den Rauch zum Überleben. Ihre Kleidung ist oben und unten kurz. In Renatas Gesicht kleben Müdigkeit und Monotonie, an ihren Händen Bier und Asche. „Das Ding mit euch Ausländern ist doch, dass ihr alle euch so verdammt cool findet, weil es euren Ländern besser geht als unserem“, sagt sie. Sie zieht erneut an ihrer Zigarette. „Ihr kommt mit euren Taschen voller Geld zu uns und erklärt mir, warum ihr besser seid. Dabei sind wir die, die wirklich was leisten. Irgendwann wird sich das zeigen. Wenn ihr an eurer eigenen Arroganz kaputtgeht.“ Sie steigert sich noch ein wenig weiter in den Hass gegenüber denen, die sie bedient, dann tritt sie ihre Zigarette aus, sagt leise „Sorry, bye“ und bedient weiter die, die sie hasst.

Interrailer treffen vor allem Interrailer

Interrail steht für Erfahrung und Austausch, für Völkerverständigung über Grenzen hinweg. Nach drei Tagen in drei Städten wird aber auch deutlich, dass die Sache einen Haken hat. Denn die Verständigung funktioniert vor allem mit denen, die einander gleichen. Interrailer treffen vor allem Interrailer. Armut und offensichtliche Ungleichheit ziehen nur zwischendurch vorbei, an den Fenstern der Eurocitys, als flüchtiges Schauspiel. Sie sieht nur, wer gerade nicht auf sein Smartphone starrt: Die maroden Hütten in Tschechien beispielsweise, vor denen rostige Autos und zahnlose Alte stehen. Ganze Siedlungen, die leer stehen.

In den Innenstädten der Hauptstädte dominieren dieselben Bilder: Da sind die Filialen der großen Ketten neben Souvenirshops, Geldautomaten und Café-Bars, die mit kostenlosem WLAN locken. In den großen Interrail-Städten ist Europa wirklich längst eins.

Das Problem liegt dazwischen. In den Orten, an denen die Langstreckenzüge nicht halten. Dort, wo die meisten Einwohner leben, dort, wo es weniger liberal zugeht. Aber wer aus Finnland, Spanien oder Rumänien kommt schon nach Tschechien, um sich die Pampa anzusehen? Da haben die Großstädte Osteuropas mehr zu bieten: Kultur am Tag, Party in der Nacht. Meistens zumindest.

Wenig Schlaf und Mehrbettzimmer: Frühstück im Hostel in Budapest. Quelle: Julius Heinrichs/RND

In Prag, nachts um 1.30 Uhr, auf einer Stufe vor dem Café Mysterium, sitzt die Schweizerin Nina, und ihre Tränen wollen nicht aufhören zu fließen. Ein Franzose machte ihr Hoffnungen und ließ sie dann für eine Schönere stehen. Nina sieht sich deswegen nun auf dem Abstellgleis. „Bin ich denn zu hässlich für die Welt?“ „Nein, du bist heiß!“, sagt ihre Freundin, Lea heißt sie. „Und wer das nicht erkennt, ist ein Arschloch.“

Wieder ein Stück weiter, vor dem Old Prague Hostel, liegt eine Britin neben ihrem Erbrochenen. Ihre zwei Freundinnen streiten laut darüber, wie es so weit kommen konnte. Ein Anwohner brüllt aus dem Fenster, dass sie das leiser tun sollen.

Auch das ist Interrail: Grenzerfahrungen, gute wie schlechte. Für die meisten ist es die erste Reise in absoluter Freiheit – ganz abseits von politischen Grenzen. Mit allen Vor- und Nachteilen, Momenten des Gemein- und Alleinseins.

Die Zersplitterung Europas? Ein Partygespräch.

Das Alleinsein dominiert an den Morgen, wenn die Reisenden leb- und orientierungslos aus ihren Stapelbetten schluffen und der Kopf für das nächste „Hey, where are you from?“ noch nicht bereit ist. Schlaf ist Mangelware auf Interrail. In jedem Mehrbettzimmer gibt es die, die schnarchen, husten oder versuchen, halb-heimlich miteinander intim zu werden. Sie hinterlassen Spuren der Erschöpfung in den Gesichtern der anderen, die, versunken in sich selbst, vor ihren Müslis und Instantkaffees nur langsam erwachen.

Die meisten schreiben dabei auf ihren Smartphones Familie und Freunden. Freja aus Dänemark kritzelt stattdessen in ihr Notizbuch. Noch ein Reisetag, dann kehrt sie nach Hause zurück. Zeit, Bilanz zu ziehen. Freja legt deswegen Listen an. Wieder besuchen: Bologna, Sarajevo, Budapest. Wieder sehen: Massimo (Italien), Paul (Deutschland), Sofia (Mexiko). Schönste Erlebnisse: in Italien zum Essen eingeladen worden, in Prag einen Fremden geküsst, in Berlin nackt schwimmen gewesen.

Unschöne Erlebnisse stehen keine auf dem Papier. In der Rückschau deuten die Reisenden ihre Rückschläge gern zu Erfahrungen um, zur aufregenden Erinnerung. Frejas geklauter iPod? Passiert. Die Bettwanzen? Ja, das war krass.

Allein im Moment des Geschehens sind die Übel wirklich übel. Für die Kölner Thilo, Joshua und Peter ist dieser Moment vor einem Hostel in Bratislava erreicht, das sie nach langer Reise und wenig Schlaf weiterschickt, weil kein Bett mehr für sie frei ist. Ein paar Häuser weiter soll es noch drei freie Betten geben. Also stapfen die drei los, legen ihre Rücksäcke ab, dann gehen sie die Stadt erkunden. „Uns geht es nicht um die Wahrzeichen, es sind die kleinen Gassen, für die Städte sich lohnen“, sagt Thilo.

Warten auf die nächste Bahn: Interrailer am Bahnhof. Quelle: Julius Heinrichs/RND

Das sagen die meisten, die Interrail machen. Und viele von ihnen finden sich nach ihren Erkundungstouren wieder in ihren Hostels zusammen, um einander kennenzulernen. In Bratislava hat jemand seine Gitarre dabei, die er spielt, während die anderen singen. „Wonderwall“ von Oasis natürlich, weil jeder in Hostels „Wonderwall“ spielt. Gemeinsames Grölen, zwischendurch das übliche „Where are you from?“ Die Stimmung ist selig, alle reden durcheinander. Zwei Briten machen akrobatische Übungen, zwei Deutsche kommen aus dem begeisterten Kreischen kaum heraus. Sie teilen sich die Briten untereinander auf und bilden zwei flüchtige Paare, die die Nacht gemeinsam verbringen.

Die Zersplitterung Europas? Ein Partygespräch. In einer Bar, nachts in Budapest, sagt eine Engländerin: „Wir sind die ersten, die Europa zerstören. Die Jungen wollen das nicht, aber die Alten sehen noch nicht, was sie gerade kaputt machen. Das werden sie erst merken, wenn es zu spät ist.“

Von Julius Heinrichs