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Deutschland / Welt „Der Geist ist willig, aber das WLAN ist schwach“
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06:11 02.01.2019
„Die Digitalisierung bietet tolle Möglichkeiten, was die Individualisierung von Lernprozessen oder die Gestaltung von innovativen Lernumgebungen angeht“, sagt Pisa-Chef Andreas Schleicher. Quelle: Britta Pedersen/dpa
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Der Schock nach dem schlechten Abschneiden der deutschen Schüler in der ersten Vergleichsstudie, deren Ergebnisse im Jahr 2001 veröffentlicht wurden, hat im Land zu einer breiten bildungspolitischen Debatte geführt. Schleicher hat Physik mit dem Schwerpunkt Methoden und Mathematik studiert. Über die Mitarbeit an der Timss-Studie, eine Schulleistungsuntersucheng zu Mathematik und Physik, fand er zur Bildungsforschung. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

Herr Schleicher, welche guten Vorsätze sollten die deutschen Lehrer im neuen Jahr fassen?

In Deutschland ist der Schulbetrieb wie eine Fabrikhalle organisiert. Die Lehrer werden viel zu oft wie Fließbandarbeiter behandelt, deren Meinung nicht gefragt ist. Viele sind aber auch selbst zu sehr fixiert darauf, dass eine Vorgabe aus dem Ministerium kommt – oder ein neues Lehrbuch. Jeder Lehrer sollte selbst so viel wie möglich darüber nachdenken, was der richtige Unterricht ist, um die Kinder auf die Welt von morgen vorzubereiten.

Was sollten Lehrer im Alltag verändern?

Es muss Schluss mit dem Einzelkämpfertum in den Klassenräumen sein. Lehrer müssen viel mehr gemeinsam Unterricht vorbereiten und auf Plattformen gezielt Unterrichtskonzepte austauschen. Da sind andere Länder viel weiter – bis hin zum regelmäßigen gegenseitigen Unterrichtsbesuch.

Lehrer wünschen sich laut Befragungen selbst mehr Zusammenarbeit. Viele verweisen aber auch darauf, dass dafür in ihrer Arbeitszeit gar kein Raum vorgesehen ist. Kann der einzelne etwas ändern? Oder muss der Schalter von oben umgelegt werden?

Das ist das typische Denken in Deutschland. Es gibt aber gar keinen Schalter, den man umlegen könnte – und dann ist auf einmal alles anders. Und in den Ministerien wird über diese Fragen viel zu wenig nachgedacht. Die Zahl der Unterrichtsstunden des einzelnen Lehrers sollten verringert werden, damit es mehr Raum dafür gibt, auch anderes als nur ganz normalen Unterricht zu machen. Aber diese Erkenntnis entlastet die Lehrer nicht davon, im Alltag auch selbst nach Räumen für die Zusammenarbeit mit Kollegen zu suchen. Und sich gemeinsam dafür einzusetzen.

Ein Lehrer muss auch mal über sich selbst Lachen können

Wenn Sie sich den perfekten Lehrer herbeiwünschen könnten: Was wäre seine wichtigste Eigenschaft?

Wir brauchen Lehrer, die Freude an der Beziehungsarbeit mit den Schülern haben. Die sich jeden Tag die Frage stellen: Möchte ich Schüler in meiner eigenen Klasse sein?

Braucht ein guter Lehrer auch Humor und die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen?

Ja, unbedingt. Wir hatten früher das Bild eines Lehrers, der ein Wissensmonopol hat. Heute kann durch die Digitalisierung jeder auf unendlich viel Wissen zugreifen. Ein guter Lehrer bringt den Schülern bei, sich selbstständig in dieser unendlichen Menge des Wissens zurechtzufinden. Dabei sollte der Lehrer ruhig auch mal sich selbst in Frage stellen – und genau das seinen Schülern erlauben. Dafür brauchen wir genau den Typus Mensch, der auch mal über sich selbst lachen kann.

Gelingt es uns, die richtigen Bewerber für den Lehrerberuf zu gewinnen?

In Deutschland ist der Lehrerberuf im internationalen Vergleich finanziell attraktiv, aber intellektuell zu unattraktiv. Eben weil das Prinzip gilt: „Mach deine Klassentür zu und zieh den Lehrplan nach Vorschrift durch – Hauptsache, die Eltern beschweren sich nicht.“

Stellen wir uns einmal vor, Sie könnten Ihren Kindern das perfekte Bildungssystem schenken: Was könnte welches Land beisteuern?

In Finnland finde ich es toll, wie gut die Lehrer jeden einzelnen Schüler individuell fördern. Die Kanadier sind besonders gut darin, Schüler mit Migrationshintergrund einzubinden – indem sie kulturelle Unterschiede im Unterricht ansprechen und wertschätzen. In Japan und China lernen die Schüler, wie Mathematiker zu denken. In Deutschland unterrichten wir dagegen eher mathematische Formeln und Gleichungen. Da ist viel Luft nach oben.

Digitalisierung bietet tolle Möglichkeiten

Was glauben Sie: Werden Sie in Ihrem Leben noch die Schlagzeile lesen: „Deutschland ist international Spitze in der Bildungsgerechtigkeit“?

Das bleibt die größte Herausforderung. Es hat sich manches verbessert, aber die Fortschritte kommen zu langsam. In den Kitas wird für die Förderung der Kinder noch immer viel zu wenig getan. In Sonntagsreden sagt jeder Politiker, wie wichtig die frühkindliche Bildung ist. Aber den Erzieherberuf aufzuwerten und bessere Gehälter zu zahlen, dafür fehlt angeblich das Geld. Es ist genauso ungerecht wie die Tatsache, dass wir dem Lehrer an einem gutbürgerlichen Gymnasium mehr zahlen als dem Lehrer an einer Brennpunktschule. Das sollten wir ändern.

Bund und Länder haben sich über Grundgesetzfragen so zerstritten, dass es ihnen nicht gelingt, den Digitalpakt für die Schulen in die Spur zu setzen. Eine Katastrophe – oder ist die Bedeutung von Internet und Tablets in den Schulen eh überschätzt?

Die Digitalisierung bietet tolle Möglichkeiten, was die Individualisierung von Lernprozessen oder die Gestaltung von innovativen Lernumgebungen angeht. Technik allein verändert noch nichts, aber ohne die Technik verpassen wir viele Chancen. Der Digitalpakt muss also endlich kommen. Denn in deutschen Schulen gilt leider noch immer: Der Geist ist willig, aber das WLAN ist schwach.

Also sollten aus Ihrer Sicht Bund und Länder schnell das Grundgesetz ändern, um das Kooperationsverbot in der Bildung zumindest zu lockern.

Ja. Man kann doch niemandem überzeugend erklären, wo das Problem sein soll, wenn auch der Bund Geld für die Bildung gibt. Im Ausland sagen alle: Wir verstehen nicht, dass ausgerechnet in Deutschland so viele Schulgebäude marode sind.

Schreiben nach Gehör ist keine gute Idee

Wie müssen die Lehrer für das digitale Zeitalter fortgebildet werden?

Es geht darum, ihnen sinnvolle pädagogische Fortbildungen zu ermöglichen. Technische Fortbildungen können wir uns sparen. Da sollten die Lehrer einfach von den Schülern lernen. Die haben das doch ohnehin schon drauf.

Es gibt in Deutschland einen erbitterten Streit über die Methode, Schreiben nach Gehör zu lernen. Welche Auffassung haben Sie dazu?

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind eindeutig. Schreiben nach Gehör ist keine gute Idee. Die Gefahr ist, dass vor allem schwächere Schüler dabei auf der Strecke bleiben. Ich würde mir wünschen, dass Lehrer nicht auf diese Methode setzen.

In Chemnitz haben Bürger im vergangenen Jahr Jagd auf Fremde gemacht, rechtspopulistische Bewegungen sind europaweit auf dem Vormarsch. Tut die Schule genug, um aus den Mädchen und Jungen von heute die Demokraten von morgen zu machen?

Die neue Pisa-Studie, die wir Ende 2019 veröffentlichen, befasst sich genau mit diesem Thema, nämlich mit globaler Kompetenz. Sind die Schüler in der Lage, Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten? In Deutschland hat die Politik entschieden, an diesem Teil des Tests nicht teilzunehmen. Die haben gesagt: „Ach, das hat doch nichts mit Unterricht zu tun.“ Dabei ist es doch für die Demokratie eine entscheidende Frage, ob ich mit unterschiedlichen Menschen und Perspektiven umgehen kann. Das kommt in deutschen Schulen zu kurz.

Von Tobias Peter/RND

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