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Deutschland / Welt Präsident der Kultusministerkonferenz: Youtube gehört in den Unterricht
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09:37 11.06.2019
Was ist nötig, damit die deutschen Schulen im Internetzeitalter ankommen? Quelle: Julian Stratenschulte/dpa

Herr Lorz, können Sie es verstehen, wenn Eltern mit Schulkindern in Angstzustände geraten, weil sie von Hannover oder Köln nach München ziehen?

Es gibt keinen Grund, in Angstzustände zu geraten. Es wird viel dramatisiert und übertrieben, was unterschiedliche schulische Anforderungen in den einzelnen Bundesländern angeht. Die Sache betrifft nebenbei bemerkt weniger als ein Prozent der Kinder, weil die meisten Menschen innerhalb eines Bundeslandes umziehen.

Ein Umzug heraus aus dem eigenen Umfeld ist für Kinder und Jugendliche ohnehin oft nicht leicht. Wann ist Schluss damit, dass sie in einer solchen Situation auch noch in der Schule leiden müssen?

Kinder sollen in der Schule überhaupt nicht leiden, aber jede Umstellung ist auch mit Stress verbunden. Die Länder haben vergleichbare Bildungsstandards. Natürlich gibt es in der Praxis trotzdem Unterschiede. Die gibt es aber auch innerhalb eines Landes. Schon zwischen einzelnen Schulen desselben Landes sind die Unterschiede oft sehr groß. Wie ist die Schülerschaft zusammengesetzt? Wie gehen die Lehrer damit um? Schule wird immer von Menschen gemacht. Das kann und will ich nicht ändern.

Mal ehrlich, braucht es den Bildungsföderalismus wirklich – oder dient er vor allem der Eitelkeit von Ministerpräsidenten und Kultusministern?

Es geht um Nähe zu den Menschen. In den Ländern wissen wir besser, was Eltern, Schüler und Lehrer umtreibt, als wenn das alles in Berlin entschieden würde. Dazu bietet der Föderalismus die Möglichkeit, dass einzelne Länder neue Wege gehen. Andere Länder können sie kopieren, wenn es gut funktioniert. Sie können aber auch Fehler vermeiden, wenn sich ein Weg als untauglich erweist.

Wettbewerbsföderalismus, schön und gut. Aber was kann ein Zehnjähriger für seine schlechte Landesregierung?

Er kann auch nichts für eine schlechte Bundesregierung, die – wenn sie das könnte – in der Bildung Dinge vielleicht auch falsch entscheiden würde – aber dann für alle.

Nach langem Ringen versuchen Bund und Länder die Schulen jetzt gemeinsam ins Internetzeitalter zu bringen – mit dem Digitalpakt Schule. Wann macht er sich in den Klassenzimmern bemerkbar? Was werden die ersten Änderungen sein?

Ich gehe davon aus, dass innerhalb des nächsten Schuljahres die ersten Kabel verbaut und die ersten WLANs aus Mitteln des Digitalpakts in Betrieb genommen werden. Gleichzeitig werden die Länder ihre Anstrengungen verstärken, Lehrer fortzubilden und gemeinsam mit ihren Schulen pädagogische Konzepte zu entwickeln.

Reicht das Geld, das der Bund zur Verfügung stellt, perspektivisch aus?

Für den Anfang sind die fünf Milliarden Euro, die der Bund im Verlauf von fünf Jahren gibt, eine gute Hilfe. Klar ist aber auch: Die Technik von heute ist in fünf Jahren schon wieder veraltet. Auf den Digitalpakt, der 2024 ausläuft, muss ein Digitalpakt II oder Ähnliches folgen. Die Digitalisierung in den Schulen ist eine Daueraufgabe, die Länder sollten auf den Kosten später nicht allein sitzen bleiben.

Eine offensichtliche Baustelle sind auch die Abiturprüfungen. In zahlreichen Bundesländern haben Schüler mit Internetpetitionen gegen ein aus ihrer Sicht zu schweres Mathe-Abitur protestiert. Lag das am gemeinsamen Aufgabenpool, aus dem sich die Bundesländer mittlerweile bedienen können? Oder liegt es daran, dass jedes Land immer noch selbst entscheiden kann, wie es die Aufgaben stellt?

Der Ärger über das Mathe-Abitur liegt nicht an den Aufgaben aus dem gemeinsamen Pool. Probleme sind daraus entstanden, wie in einzelnen Ländern die Aufgaben zu einer Klausur kombiniert worden sind. Grob gesagt: Wenn ein Land sich für eine bestimmte Prüfung eine knifflige Aufgabe zu viel herausgegriffen hat, dann war die Klausur im Ergebnis womöglich zu schwierig. Das ist aber von Land zu Land unterschiedlich.

Warum machen Sie nicht einfach ein bundeseinheitliches Abitur?

Das würde dem pädagogischen Betrieb die Luft zum Atmen nehmen. Schauen Sie mal nach Frankreich: Dort gibt es einheitliche Prüfungen – und alle sind nur noch fixiert darauf, sich die Fähigkeiten für die Lösung bestimmter Aufgaben anzueignen. Und vergessen Sie eines nicht: Es wäre die Hölle los, wenn wir bundeseinheitliche Aufgaben hätten, bei denen die Aufgabensteller den Schwierigkeitsgrad falsch eingeschätzt hätten.

Die Bundesbildungsministerin will einen Nationalen Bildungsrat. In ihm sollen Experten Vorschläge erarbeiten – auch für mehr Vergleichbarkeit und Gerechtigkeit im Bildungssystem. Warum blockieren Sie die Pläne von Frau Karliczek?

Die Kultusministerkonferenz blockiert keine guten Ideen. Wir haben Eckpunkte dazu beschlossen, wie die Arbeit in einem Nationalen Bildungsrat funktionieren kann. Da sind wir auch weitgehend einig mit dem Bund.

Eine Einigung gibt es aber nicht.

Eines können wir auf keinen Fall akzeptieren: Der Bund will nach seinem letzten Vorschlag in der Verwaltungskommission des Nationalen Bildungsrats genauso viele Stimmen haben wie die Länder und die Kommunen zusammen. Es sind aber die Länder, die viel mehr Geld und im Verhältnis viel größere Teile ihrer Etats in die Bildung investieren. Deshalb braucht das Wort der Länder mehr Gewicht. Nach den Vorstellungen des Bundes wird der Nationale Bildungsrat nicht kommen. Der Bund muss sich daher an dieser Stelle noch sehr bewegen.

Warum muss über die Expertenvorschläge überhaupt eine Verwaltungskommission mit Vertretern aus Bund, Ländern und Kommunen wachen. Wollen Sie unliebsame Vorschläge so von vorneherein verhindern?

Wir wollen gemeinsam zu Vorschlägen kommen, die wissenschaftlich fundiert, aber auch umsetzbar sind. Ob sie das sind, wissen die Länder am besten. Mit Vorschlägen, an die sich keiner halten könnte, wäre niemandem gedient.

Zum Schluss noch ein Thema, das mittelbar auch eines für die Bildungspolitik ist. Das Video „Die Zerstörung der CDU“ des Youtubers Rezo ist millionenfach angesehen worden, auch und gerade von vielen jungen Menschen. Ist das gut oder schlecht für die politische Bildung im Land?

Videos wie dieses sind eine Herausforderung für die Politik insgesamt. Es ist gut, dass auf diesem Weg politische Themen an junge Menschen herangetragen werden. Das konkrete Video scheint mir jedoch eine einseitige Tirade zu sein, bei der mit einer im Sinne der eigenen Meinung geschickt orchestrierten Zusammenstellung von Fakten gearbeitet wird. Wir wollen mit Fortbildungen dafür sorgen, dass eine größere Zahl von Lehrern noch besser weiß, wie Kanäle wie Youtube funktionieren und was sich dort abspielt, um anhand solcher Beispiele die Medienkompetenz der Schülerinnen und Schüler zu stärken.

Was heißt das konkret für den Unterricht?

Ich fände es gut, wenn Lehrer sich mit Schülern gemeinsam solche Videos anschauen und sie dann mit ihnen zusammen analysieren – so wie man es im Unterricht ja gelegentlich auch mit Politikerreden macht. Es geht darum, dass die Lehrer mit den Schülern einen fundierten Dialog führen können, um ihnen dabei zu helfen, sich eine eigenständige Meinung zu bilden.

Müssen nicht nur die Lehrer, sondern auch die CDU in Sachen Youtube noch dazulernen?

Unsere Reaktion als Partei war sicherlich nicht optimal. Ein Video auf Youtube mit einer elfseitigen Stellungnahme als PDF-Datei zu kontern, ist sicher nicht der Weisheit letzter Schluss. Das hat aber mittlerweile aber auch jeder in der CDU verstanden.

Lesen Sie auch einen Kommentar: Wer ebnet den Weg zur Bildungsrepublik?

Von Tobias Peter/RND

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