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Deutschland / Welt Sachsens CDU ist abgestürzt - aber nicht so weit wie befürchtet
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13:27 02.09.2019
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer bei der CDU-Wahlparty. Quelle: Hendrik Schmidt/dpa
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Dresden

Einen Schluck Wasser nimmt Kurt Biedenkopf noch, bevor das erste Ergebnis kommt. Er blickt auf den Fernseher im Landtagsrestaurant. Stickig ist es hier und voll, die CDU hat sich zum Wahlabend versammelt und der Ex-Ministerpräsident ist dabei. „König Kurt“ ist er hier mal gewesen, er hat mit absoluter Mehrheit regiert in den 90er-Jahren.

Draußen geht ein Gewitterregen nieder. Dann kommen die ersten Zahlen aus Sachsen. Der Balken der CDU wächst, er wächst auf 33,5 Prozent. Die CDU-Wahlkämpfer hinter Biedenkopf fangen an zu jubeln. Biedenkopfs Frau Ingrid klatscht.

Kurt Biedenkopf bleibt unbewegt.

Die Zeiten sind andere: Ein paar Meter weiter vorne ist eine Bühne aufgebaut, und die betritt schon kurz nach 18 Uhr der aktuelle Ministerpräsident Michael Kretschmer. Sorgenvoll hat der 43-Jährige oft ausgesehen bei seinen Wahlkampfauftritten. Jetzt lächelt er, er ballt die Hände zu einer Siegesgeste. „Wir haben es geschafft“, ruft er ins Mikrofon. „Das freundliche Sachsen hat gewonnen“, sagt er. „Ein toller Tag.“

Ein toller Tag: Die CDU ist abgestürzt, aber nicht so weit wie befürchtet. Sie ist nicht unter die 30-Prozent-Marke gefallen. „Hätten wir noch vor zwei Wochen nicht gedacht“, sagt ein CDU-Regierungspolitiker und fügt hinzu, man dürfe dies nicht mit der letzten Landtagswahl vergleichen. Entscheidend seien die sächsischen Ergebnisse bei der Bundestagswahl und der Europawahl. „Eine Wiederauferstehung der CDU“, freut sich ein anderer sächsischer Politiker.

Wirklich? Der Politologe Werner Patzelt, den Kretschmer im Januar als Wahlkampfberater verpflichtet hat, sieht das anders: Wahlgewinner seien Grüne und AfD, Wahlverlierer aber die CDU in Sachsen und die SPD in Brandenburg, Mehrheit hin oder her. Der Grund allerdings sei nicht die Landes-CDU, die er ja beraten hat, sondern die Bundespartei: „Es ist nicht gelungen, die CDU so aufzustellen, dass keine Wähler mehr zur AfD desertieren.“

Landtagswahlen: CDU siegt in Sachsen, in Brandenburg SPD vor AfD

Die AfD ist auf den zweiten Platz gekommen in Sachsen, sie feiert ein paar Räume entfernt von der CDU. Es wäre praktisch gewesen für eine Pendeldiplomatie, für eine Regierungsanbahnung. Aber die Frage nach einer möglichen Koalition mit der CDU stellt an diesem Abend in Dresden erst mal keiner mehr. Eine Koalition mit SPD und Grünen ist ziemlich sicher möglich.

Und zunächst sieht es sogar so aus, als könnte es knapp reichen für Zweierkoalitionen der CDU mit SPD oder Grünen. AfD-Spitzenkandidat Jörg Urban spricht am Abend schon von der Oppositionsrolle. Außerdem kündigt er eine Klage gegen die Wahl an: Die Wahlliste der AfD ist vom Landeswahlausschuss und Gericht wegen Formfehlern reduziert worden – nun kann sie wohl nicht alle ihre gewonnenen Plätze besetzen.

Die einen gehen also vor Gericht, die anderen in Koalitionsverhandlungen.

90 Prozent der CDU seien gegen ein Bündnis mit den Grünen, hat Kretschmer vor der Wahl gesagt. Und er sei selbst der prominenteste Vertreter dieser Haltung. Kohleausstieg und Innenpolitik gelten als die schwierigsten Themen. Und bei der CDU heißt es, die Grünen hätten zwar besser abgeschnitten als bei der letzten Wahl, aber nicht so stark wie vorhergesagt. Grünen-Spitzenkandidatin Katja Meier hat schon klargemacht, dass sie es der CDU nicht zu einfach machen wolle. Aber sie hat ja auch ihre ganz eigenen Erfahrungen: Meier hat ihre politischen Anfänge bei den hessischen Grünen gemacht, die mittlerweile mit der CDU zusammen regieren.

In der CDU macht inzwischen eine Interpretation die Runde: Das Wahlergebnis, der Schwung nach oben, sei ein persönlicher Erfolg Kretschmers, heißt es und keiner vergisst zu erwähnen, dass Kretschmer ja wirklich in fast jeden Ort gereist sei. SPD-Chef Martin Dulig macht dagegen geltend, viele Wähler hätten taktisch gewählt, um die AfD zu verhindern. Er ist bisher Vizeministerpräsident und findet durchaus, dass auch seine weiter geschrumpfte SPD noch mitregieren sollte.

Die Kretschmer-Geschichte hätte geholfen, wenn der Ministerpräsident sein Direktmandat in seiner Heimatstadt Görlitz an die AfD verloren hätte. „Michael, wir haben das Direktmandat“, jubelt seine Mitarbeiterin, als er am späteren Abend aus den Fernsehstudios zurückkehrt. „Hattest du daran etwa Zweifel“, sagt Kretschmer und grinst.

Der einstige „König KurtBiedenkopf hat da ohnehin schon seinen Segen gegeben: Hauptsache sei, dass die CDU die Mehrheit habe.

Video-Kommentar: „Jetzt geht die Debatte um Christian Lindner los"

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Von Daniela Vates/RND

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