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Deutschland / Welt Sigmar Gabriel gewinnt die Sozialdemokraten für sich
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Sigmar Gabriel gewinnt die Sozialdemokraten für sich
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22:32 13.11.2009
Von Reinhard Urschel
Sigmar Gabriel Quelle: ddp
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Er steht in einer Reihe mit den Größen der SPD. In einer Reihe mit August Bebel und Willy Brandt. Es sind in letzter Zeit viele, die da noch aufmarschiert sind und wieder verschwunden sind von der politischen Bühne. Dass es so viele sind, das genau sorgt wiederum dafür, dass der Mann sich nicht verlieren darf in seinem Traum. Ein Traum, der sich in einem Wahlergebnis niederschlägt, das Gabriel früher in der SPD niemals bekommen hätte.

Zur Eröffnung des Parteitages der SPD in Dresden hat der scheidende Generalsekretär Hubertus Heil die nahe liegende Einschätzung geben, dies sei ein ordentlicher Parteitag in außerordentlichen Zeiten. Was das bedeuten könnte, deutete ein anderer an. „Die Dimension der Niederlage ist das Erschreckende“, hat der scheidende Parteivorsitzende Müntefering in seiner Abschiedsrede gesagt und einen Teil der darauf folgenden Debatte vorweggenommen: So etwas komme nicht von heute auf morgen, so etwas habe auch nicht eine einzige Ursache. So etwas bilde sich heraus über Jahre.

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Trost hat der strenge Zuchtmeister seiner Partei auch gespendet. „Die SPD ist kleiner geworden, aber die sozialdemokratische Idee nicht.“ Die Delegierten haben das gern entgegengenommen, demütig fast. Demut, hat der niedersächsische Fraktionschef Wolfgang Jüttner gesagt, sei überhaupt eine Eigenschaft, die der Partei gut zu Gesicht stehe.

Der erste Tag des dreitägigen Parteitages nach der historischen Niederlage vom 27. September sollte der Aufarbeitung des Geschehenen gewidmet sein, ein gewaltiger Stuhlkreis gewissermaßen, in dem sich wie in einer Selbsthilfegruppe alle auf Augenhöhe sagen sollen und dürfen, was ihnen auf dem Herzen liegt, was ihnen die Luft abschnürt, was sie gerne an Ballast abwerfen würden. Dahinter steckte natürlich auch ein schlichtes Kalkül der Parteitagsregie, die Delegierten sich erschöpfen zu lassen. Es geschah das Erwartete: Reihenweise verlangten die Delegierten eine Korrektur der Hartz-Reformen, weil die SPD durch sie ihre Glaubwürdigkeit bei sozialen Themen verspielt habe. Wenn die SPD nicht den Mut aufbringe, inhaltliche Korrekturen vorzunehmen, etwa bei der Rente mit 67, „dann kommen wir aus dem Tal der Tränen nicht heraus“, mahnte Harald Unfried aus Bayern. Das Unwort des Parteitages, hätte man es gewählt, wäre die „Basta-Politik“ geworden. Nicht zuletzt eine sehr viel stärkere Beteiligung der Basis forderten gestern ebenfalls viele der mehr als 60 Redner.

Es hat also anstrengend lange gedauert, bis die Stunde von Sigmar Gabriel schlug in Dresden. Er musste keine Sorgen haben um seine Wahl. Ihr größtes politisches Talent in ihrer jetzigen Lage hintüber kippen zu lassen wäre ein selbstzerstörerischer Akt für die SPD gewesen. Er kämpfte in seiner Rede für ein respektables Ergebnis, ein akzeptables allein wäre ihm zu wenig. Es dauerte eine Weile, bis sich der Redner Gabriel von seinen Fesseln befreite. Er zeigte die Demut vor der Größe der Aufgabe, die er sich aufladen wird, auch die Demut, die sein Landsmann Jüttner eingefordert hatte: „Ihr werdet es mir nicht glauben, ich habe Lampenfieber vor so einer Rede.“

Gabriel wendete das rednerische Handwerk an, das er beherrscht und streichelte die Seele der Partei: „Lasst euch nicht einreden, links seien nur die anderen. Wir Sozialdemokraten haben eigene Politikentwürfe. Die deutsche Sozialdemokratie definiert sich nicht über Ausgrenzung, die definiert sich über sich selbst. Koalitionen werden nicht ausgeschlossen, aber sie werden auch nicht geschlossen, nur weil sie sich anbieten.“ Er kann analysieren: „Die Wählerinnen und Wähler haben uns nicht nach Hause geschickt, damit wir darüber nachdenken, ob wir mit anderen Parteien an die Macht zurückschleichen. Wir müssen über uns selbst nachdenken. Und genau das werden wir tun.“ Er kann motivieren: „Wir müssen wieder so stark werden, dass die anderen danach streben, dass sie mit uns regieren dürfen.“ Er kann mahnen: „Wenn wir jetzt kämpfen, dann kämpfen wir nicht für innerparteiliche Geländegewinne, dann kämpfen wir für Geländegewinne in der Gesellschaft.“

Er kann neue Schwerpunkte setzen, indem er alte rigoros kippt. Der Tanz um die Neue Mitte, die Gerhard Schröder zu seiner Neuen Mitte machte, war für Gabriel nichts weniger als Irrtum. Es gehe nicht darum, die Partei in eine vermeintliche Mitte zu schieben, sondern die Deutungshoheit darüber zurückzugewinnen, wo die politische Mitte sei: dort, wo sich die Gesellschaft entwickelt, dort wo sie sich verändert. „Statt die Mitte zu verändern, haben wir uns verändert.“ Der Beifall wird lang und länger, als er den Genossen ans Herz legt, die Deutungshoheit darüber zurückgewinnen zu wollen, wo die politische Mitte liegt: links.

Er kann anschaulich werden, wie kaum ein Zweiter. Der SPD fehlten die Nervenenden in der Gesellschaft, hält er den Genossen vor. „Wir müssen raus ins Leben, da wo’s brodelt, da wo’s riecht, da wo’s gelegentlich auch stinkt. Nur da, wo’s anstrengend ist, da ist das Leben!“

Gelegentlich ist die Rede anspruchsvoll, es klingt, als habe er seine vielen Essays über Politikentwürfe alle noch einmal gelesen, bevor er seine Rede geschrieben hat. Er flüstert, die Aufmerksamkeit erzwingend. Dann brüllt er wieder, Stakkato-Sätze, lässt seinen Zuhörern keine Ruhe: Sozialdemokratie ist wie eine Werkstatt. Ständige Arbeit an der Gesellschaft. Zu deren Wohl. Er heischt nach Beifall, ja er erzwingt ihn geradezu.

Und er droht dem politischen Gegner, der schwarz-gelben Koalition. Sie solle sich warm anziehen. Es folgt ein wenig politisches Kabarett, als er Zeitungskommentare zitiert, die ihrerseits über den politischen Fehlstart der Regierung spotteten.

Eine neue Liebe ist da nicht erwachsen in den turbulenten eineinhalb Stunden Redezeit zwischen Gabriel und den Skeptikern in der Partei. Vielleicht hat er ihnen Respekt abgerungen, der immerhin so weit getragen hat, ihm ein beachtliches Ergebnis zu bescheren. Die Rührung übermannt den kräftigen Mann auf der Bühne, als die Genossen ihn zum Glückwunsch bestürmen. Die Klatsche, die Nahles später bei der Wahl zur Generalsekretärin einstecken muss, lässt Gabriels Triumph noch heller strahlen. Fast scheint er sie trösten zu wollen.

Jetzt ist Gabriel wieder oben. Kaum ein Politiker in seinem Alter ist so viel Achterbahn gefahren – so viele Loopings, so viele Aufstiege und Abstürze. Gabriel fordert viel Zutrauen von seiner Partei, aber er ist auch bereit, viel dafür zu geben.