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Deutschland / Welt Smart City: Wie Helsinki seinen Verkehr digitalisiert
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13:23 15.05.2019
Die Reporter der Expedition EU nutzen die Vorzüge der Hauptstadt Finnlands. Quelle: Tom Sundermann
Helsinki

Mitten im Mai streicht ein eiskalter Wind durch die finnische Hauptstadt Helsinki. Skandinavisches Frühjahr ist wie deutscher Sommer. Egal. Wir, die Reporter der Expedition EU, wollen jetzt Rad fahren. An einer automatischen Verleihstation in der Nähe unseres Hotels tippen wir unsere Daten in eine App, bezahlen und können die Räder aus dem Ständer wuchten.

Los geht die Fahrt durch das smarte Helsinki. Denn Smart City, also etwa „schlaue Stadt“, ist das Schlagwort der Stunde bei Stadtplanern und Nahverkehrsanbietern. Wie sich Bürger in Zukunft durch ihre Heimat bewegen, lässt sich in Helsinki bestens erahnen. Per App lassen sich hier praktisch alle Transportmöglichkeiten nutzen – Tram, Busse und eben auch Leihräder.

„Ab Sommer gibt es sogar Boote, die man per App buchen kann“, erzählt Jaana Woll, die für das Tourismusbüro Helsinkis arbeitet. Sie führt uns durch die smarte Stadt. Auf dem Rad machen wir uns auf den Weg zum Fährterminal im Süden der Stadt. Dabei kommen wir vorbei am Hafenviertel Kalasatama, das wir bereits bei unserer ersten Recherchereise vor der Wahl 2014 besucht haben. Dort wohnen Bürger in modernen Wohnungen, in denen sich Licht, Heizung oder Sauna ab Werk mit Apps steuern lassen, und der Müll wird mit einem unterirdischen Röhrensystem statt mit Lastwagen abtransportiert.

Mehr zur Themenreihe „Expedition EU“

Die Expedition EU ist ein crossmediales Projekt der Zeitungsgruppe Neue Westfälische, des Redaktionsnetzwerks Deutschland, dem europäischen Radionetzwerk Euranet plus, Podcastfabrik und den OWL Lokalradios. Drei Reporter berichten in den 15 Tagen vor der Europawahl täglich aus 15 Ländern. Die Recherchereise wird unterstützt von der Bertelsmann Stiftung.

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Helsinki will die funktionalste Stadt der Welt sein“, sagt Woll. Sprich: Alles soll so einfach und auch so umweltfreundlich wie möglich funktionieren. In Kalasatama etwa sei die Infrastruktur so gebaut worden, dass jeder Bewohner bei seinen täglichen Erledigungen eine Stunde Zeit pro Tag spart.

Finnland – eine gläserne Gesellschaft

Das Thema Smart City hat Priorität in der EU Priorität: Bereits 2012 hat die Europäische Kommission eine sogenannte Europäische Innovationspartnerschaft ins Leben gerufen, in der das Wissen um die modernen Anwendungen gebündelt werden soll. Das Ziel: Städte sollen effizienter funktionieren, indem alle Ressourcen so sinnvoll wie möglich genutzt werden.


Das Konzept beruht vor allem auf Vernetzung: Je mehr Daten zur Verfügung stehen, desto besser funktioniert die Smart City. In Helsinki kein Problem: „Finnland ist so funktional durch die offenen Daten“, sagt Woll. Hier etwa ist für jeden einsehbar, wie viel Steuern jeder Bürger bezahlt. „Wir haben das System der gläsernen Gesellschaft.“

Für manchen Deutschen mag das wie ein Alptraum klingen. Ist die Smart City auf ihrer Kehrseite ein gigantischer Überwachungsapparat, der seine Bürger vermisst, kategorisiert und durchleuchtet? Das Ergebnis hängt von der Anwendung ab. Wenn in Datenbanken Informationen zur Verfügung stehen, die sich einzelnen Bürgern zuordnen lassen, dann ist auch der Weg zum Missbrauch für Werbemaßnahmen und andere unerbetene Anwendungen nicht weit. Architekten der smarten Systeme beugen dem typischerweise vor, indem personenbezogene Daten schon an der Quelle anonymisiert werden.

Klar ist aber auch: Wer die Vorzüge der Smart City genießen will, muss sich damit abfinden, dass seine Daten Teil eines gigantischen Informationsmosaiks werden, das als Rohstoff für clevere Algorithmen dient. Schon vor der Digitalisierung funktionierten simple Verkehrszählungen an Kreuzungen nach demselben Prinzip.

Besserer Verkehr dank Datenanalyse

„Finnen wachsen mit dem Verständnis auf, dass offene Daten mehr nutzen als schaden“, sagt Woll dazu. Wer also bereit ist, Adresse und Kreditkartendaten in einer App zu hinterlegen, kann, wie wir, einfach das Ticket für die Tram lösen. Auf demselben Weg haben wir am Vorabend die Taxifahrt vom Flughafen zum Hotel gebucht.

Vertreterin der smarten Stadt: Jaana Woll vom Tourismusbüro vor dem neuen Bibliotheksgebäude von Helsinki. Quelle: Tom Sundermann

Natürlich geht es auch wesentlich komplexer: Neuen Konzepten zufolge können geparkte Elektroautos ihren Batteriespeicher dem Stromnetz in Zeiten hoher Auslastung zur Verfügung stellen oder selbstfahrende Busse Menschen ganz nach Bedarf durch die Stadt chauffieren. Bereits im Einsatz sind Anwendungen wie das Smart Parking in Amsterdam, wo Autofahrer sich freie Parkplätze per App anzeigen lassen und direkt ihren Parkschein buchen können oder ein Steuerungssystem in Barcelona, das Straßenlaternen dort ausschaltet, wo niemand unterwegs ist.

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Helsinki stellt Entwicklern für solche Systeme einen gigantischen Datenschatz zur Verfügung, in dem Informationen aller Art auflaufen. Bei Bauprojekten entscheiden Daten mit über die Gestaltung – wie beim neuen Hafen, für den die Stadt zuvor den Schiffs- und den Lkw-Verkehr in der Umgebung analysierte. Nun werden Schiffe so in den Hafen geleitet, dass dabei möglichst wenig Stau entsteht und Laster, die das Frachtgut weitertransportieren, haben bis zur Autobahn eine grüne Welle.

Optimierter Verkehr: Am Hafen werden Schiffe und Lkw so geleitet, dass sie möglichst schnell ans Ziel kommen. Quelle: Tom Sundermann

Wir geben uns mit kleineren Gefährten zufrieden: Die letzte Etappe bewältigen wir mit Elektro-Tretrollern, die an etlichen Ecken auf Bürgersteigen stehen. Dies ist allerdings kein öffentliches Angebot, sondern das eines privaten Anbieters. Rasch kommen wir an unserem letzten Ziel an, der neuen Bibliothek der Stadt. Am Nachmittag werden wir mit einer Fähre nach Tallinn, der Hauptstadt Estlands, übersetzen. Zum Fährterminal fahren wir per Taxi – natürlich per App gebucht.

Von Tom Sundermann, Matthias Schwarzer und Joris Gräßlin/RND

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