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Deutschland / Welt So rüstet sich die Bundeswehr für den Cyber-Krieg
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15:28 09.05.2013
Die Kriege der Zukunft werden wohl nicht nur mit Kampfflugzeugen, Kriegsschiffen und Bodentruppen geführt. Quelle: dpa
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Rheinbach

Der Truppenübungsplatz der Zukunft sieht aus wie ein Klassenzimmer für Informatik. Von der Decke hängen ganze Bündel von Datenkabeln, fast 40 Flachbildschirme stehen auf den fünf Tischreihen. Ein Beamer hat einen virtuellen Kriegsschauplatz an die Wand geworfen. Auf dem Kontinent Azoria mitten im Atlantik hat Rotland Blauland angegriffen und teilweise besetzt. Es geht um Rohstoffe.

Der UN-Sicherheitsrat genehmigt eine Intervention, der Bundestag stimmt der Beteiligung der Bundeswehr zu. Und die schickt die Abteilung Cyber-Attacke in den Krieg. Mit Hilfe von digitalen Werkzeugen namens „John the Ripper“, „hostenum“ oder „chmod“ dringen sie in das Intranet der rotländischen Streitkräfte ein und schalten die Luftabwehr aus. Der Krieg ist schon fast gewonnen. Die Übung ist erfolgreich abgeschlossen.

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Wir befinden uns in einem unscheinbaren Gebäude der Tomburg-Kaserne in Rheinbach bei Bonn. Das Kommando Strategische Aufklärung (KSA) der Bundeswehr hat hier einen kleinen Trupp von Informatikern stationiert. Die 60 Mann starke Einheit mit dem Namen Computernetzwerkoperationen (CNO) übt hier schon seit einigen Jahren für den Cyber-Krieg - bisher allerdings streng geheim. Noch im vergangenen Sommer wollte das Verteidigungsministerium nicht einmal bekannt geben, wie viele Soldaten der CNO angehören.

Diese Woche durfte sich erstmals eine Gruppe von Journalisten ein Bild von der Arbeit der Cyber-Soldaten machen. Die Handys mussten allerdings draußen bleiben, Laptops und Aufnahmegeräte auch. Und Fotografen waren erst gar nicht eingeladen.

Der Auftrag des Trupps, dem derzeit keine einzige Frau angehört, ist es, die Bundeswehr zu Angriffen über das Internet zu befähigen. Für die Verteidigung gegen solche Attacken ist dagegen das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik zuständig, das dem Bundesinnenministerium unterstellt ist.

Eine Anfangsfähigkeit zum Angriff hat die Bundeswehrtruppe in Rheinbach bereits erreicht. Das heißt: Sie kann von der Operationsbasis in Deutschland aus theoretisch in fremde Netzwerke eindringen. Ihre Waffen sind im Internet frei verfügbare Werkzeuge. „Wir nutzen ganz normale, handelsübliche Ware“, sagt einer der CNO-Soldaten. Was noch fehlt, sind geschützte Fahrzeuge für den mobilen Einsatz in Krisengebieten. Die sollen aber in spätestens drei Jahren auch vorhanden sein.

Für einen Einsatz der Computer-Krieger gelten die gleichen Regeln wie für die Entsendung von Kampffliegern, Kriegsschiffen oder Bodentruppen. Der Bundestag müsste ein Mandat erteilen. Erst dann könnte eine Operation durchgeführt werden.

Nach Auffassung des KSA-Kommandeurs Jürgen Setzer wäre ein Einsatz seiner Truppe aber schon jetzt beispielsweise vom Afghanistan-Mandat gedeckt. In dem UN-Mandat, auf das sich der Bundestagsbeschluss stützt, seien „alle notwendigen Mittel“ für den Einsatz erlaubt, sagt Setzer. „Ich sehe darin keinen Ausschluss.“

Da aber Auftrag und Ausrüstung fehlen, beschränkt sich die CNO bisweilen auf das Training. Ganz unwahrscheinlich ist das Szenario, das im Rheinbacher Übungsraum an die Wand geworfen wird, aber nicht. 2007 bombardierte Israel einen angeblichen Atomreaktor im syrischen Al-Kibar. Zuvor soll über das Internet die syrische Luftabwehr ausgeschaltet worden sein.

Das bekannteste Beispiel für eine Cyber-Waffe ist der Computerwurm Stuxnet, der im Sommer 2010 auftauchte. Experten gehen davon aus, dass er entwickelt wurde, um das iranische Atomprogramm zu sabotieren. Da der Arbeitsaufwand für ein derartiges Programm immens hoch ist, vermuten Spezialisten Staaten oder zumindest eine staatlich unterstützte Gruppe hinter dem Angriff. In diesem Fall wurden vor allem Israel und die USA verdächtigt.

Die Amerikaner dürften inzwischen für den Cyber-Krieg mit am besten gerüstet sein. Die Rheinbacher Computer-Truppe der Bundeswehr ist von der virtuellen Schlagkraft der USA dagegen wohl noch sehr weit entfernt.

dpa

09.05.2013
09.05.2013