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Deutschland / Welt Lehrer gegen neuen Schulbeginn nach Ende der Zeitumstellung
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Lehrer gegen neuen Schulbeginn nach Ende der Zeitumstellung
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10:53 26.03.2019
Das Europäische Parlament wird am Dienstag über die Zeitumstellung abstimmen. Quelle: Virginia Mayo/AP/dpa
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Straßburg

Ein Sonnenaufgang im Winter erst mitten am Vormittag? Oder eine Stunde kürzer grillen im Sommer, weil die Sonne früher untergeht? Fällt die Zeitumstellung tatsächlich weg - so wie von der EU-Kommission geplant - müsste man sich in Deutschland für eines dieser beiden Szenarios entscheiden.

Beispiel Frankfurt: Würde schon dieses Jahr die ewige Sommerzeit gelten, ginge in der Main-Metropole am kürzesten Tag des Jahres, am 22. Dezember, die Sonne erst um etwa 9.20 Uhr auf. Davor: Dunkelheit und Schummerlicht. Bei einer ewigen Winterzeit hingegen verschwände die Sonne am längsten Tag des Jahres, am 21. Juni, schon etwa um 20.40 Uhr hinterm Horizont statt um zwanzig vor zehn. Das würde bedeuten: Schluss mit den scheinbar ewig währenden lauen Sommerabenden.

Ob jeder, der sich leidenschaftlich über das halbjährliche Drehen an der Uhr aufregt, das bedacht hat? Egal wie: Der europäische Entscheidungsprozess schreitet weiter voran, wenn auch langsam. Am (heutigen) Dienstag (etwa 12.30 Uhr) stimmt das EU-Parlament über seine Position zu dem heiß diskutierten Thema ab - ein Zwischenschritt auf dem langen Weg zum möglichen Kompromiss.

Zeitumstellung: Immer weniger Unterstützer

Am Sonntag ist es mal wieder soweit: Europaweit werden die Uhren um 2 Uhr um eine Stunde vorgestellt. Dann gilt für sieben Monate die Mitteleuropäische Sommerzeit. Spätestens 2021 soll jedoch mit der Zeitumstellung Schluss sein.

Das EU-Parlament will sich auf eine gemeinsame Linie einigen. Wie sich die Abgeordneten positionieren, bleibt abzuwarten. In einigen Ländern gibt es Vorbehalte gegen die Abschaffung der Zeitumstellung. Dennoch scheint grünes Licht aus Straßburg wahrscheinlich. Mit einer endgültigen Einigung zwischen Parlament und Mitgliedstaaten wird nicht vor Herbst 2019 gerechnet.

Der Widerstand gegen die Zeitumstellung wächst: In Deutschland halten sie immer weniger Menschen für sinnvoll. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag der DAK-Gesundheit. Danach liegt der Anteil der Befürworter bei 18 Prozent – und damit auf dem tiefsten Wert seit Jahren. Seit 2013 ist der Zustimmungswert von ehemals 29 Prozent um 11 Prozentpunkte gefallen.

Zeitumstellung verursacht Schlafstörungen

Mehr als drei Viertel der Befragten (2013: 69 Prozent, 2019: 78 Prozent) sind der Meinung, die Zeitumstellung sollte abgeschafft werden. Ein Viertel der Befragten gibt an, schon einmal Probleme im Zuge der Zeitumstellung gehabt zu haben. Dabei fühlten sich die meisten von ihnen (71 Prozent) schlapp und müde.

An zweiter Stelle kommen mit 63 Prozent Einschlafprobleme und Schlafstörungen, unter denen Frauen besonders häufig leiden: 70 Prozent der weiblichen Befragten geben das an, im Vergleich zu 53 Prozent der Männer. 36 Prozent konnten sich durch den Dreh an der Uhr schlechter konzentrieren, ein Drittel (32 Prozent) fühlte sich gereizt. Zehn Prozent gaben an, unter depressiven Verstimmungen gelitten zu haben.

Zeitumstellung

Wird die Uhr im März vor- oder zurückgestellt?

Grüne fordern späteren Schulbeginn

Auch in Ländern, in denen die Abschaffung der Zeitumstellung recht drastische Auswirkungen hätte, fordern ihr Ende.

In Mitteleuropa gibt es im Moment eine große Zeitzone von Polen bis Spanien, zu der Deutschland und 16 weitere EU-Länder gehören. Käme für alle 17 Staaten die dauerhafte Sommerzeit, hieße das für den Westen Spaniens Dunkelheit bis kurz nach 10.00 Uhr. Trotzdem stimmten 93 Prozent der Umfrage-Teilnehmer aus Spanien für ein Ende der Zeitumstellung. Bei einer durchgehenden Winterzeit würde es in Warschau im Sommer schon gegen 3.15 Uhr hell – doch auch in Polen waren die Gegner des Hin und Her mit 95 Prozent eindeutig in der Mehrheit.

Schulzeiten nach Ende der Zeitumstellung verändern

Doch bis zum möglichen Ende der Zeitumstellung sind viele Fragen zu klären. Die Idee der EU-Kommission für veränderte Schulbeginnzeiten im Falle der Abschaffung der Zeitumstellung hat zum Beispiel einige Aufregung ausgelöst. „Das ist ein völlig unsinniger Vorschlag. Er ist im Alltag überhaupt nicht praktikabel“, sagte der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, der Funke-Gruppe. „Für berufstätige Eltern würde es schwer, weil Schulbeginn und Berufsbeginn zeitlich nicht mehr zusammen passen würden. Das stürzt die Familienlogistik am Morgen ins Chaos.“

Übersicht: Wird die Zeit am Sonntag vor- oder zurückgestellt?

Die Brüsseler Behörde geht davon aus, dass Fußgänger und Radfahrer im Straßenverkehr während dunkler Morgen- beziehungsweise Abendstunden stärker gefährdet seien, schrieb EU-Verkehrskommissarin Violeta Bulc in einer Antwort auf eine Anfrage eines EU-Parlamentariers. Auf nationaler Ebene seien verschiedene Maßnahmen denkbar, um das Risiko im Straßenverkehr während dunkler Stunden zu reduzieren, schrieb Bulc weiter. Dazu zähle die Anpassung der Anfangs- und Endzeiten der Schulaktivitäten. Kinder könnten außerdem dazu angehalten werden, mehr Lichtreflektoren zu nutzen.

„Die Schulen müssten (...) flächendeckend auf verpflichtenden Nachmittagsunterricht umstellen, um auch bei einem späteren Schulbeginn auf die Regelstundenzahl zu kommen“, kritisierte Meidinger weiter. „Das heißt, dass es auch eine Mittagspause und Mittagessen geben muss. Darauf sind viele Schulen überhaupt nicht eingestellt.“

Wie geht es weiter?

Zuletzt sperrten sich die zuständigen EU-Verkehrsminister gegen ein schnelles Ende der Zeitumstellung. Frühestens 2021 solle es so weit sein, befanden sie unlängst. Davor schlug die EU-Kommission vor, dass jeder selbst über Sommer- oder Winterzeit entscheiden dürfe.

Die EU-Verkehrsminister befürchteten daraufhin einen unübersichtlichen Flickenteppich aus verschiedenen Zeiten. Derzeit stimmen die EU-Staaten untereinander noch ihre Position ab, das nächste offizielle Ministertreffen zum Thema ist erst für Juni anberaumt - nach den Europawahlen.

Die Sorge über ein Zeiten-Chaos wird im EU-Parlament geteilt. Um den gefürchteten Flickenteppich zu vermeiden, will der Ausschuss einen „Koordinierungsmechanismus“ ins Leben rufen, in dem Vertreter von Kommission und Mitgliedstaaten sitzen sollen. Er soll eine möglichst einheitliche Regelung in den Mitgliedstaaten hervorbringen.

Kompromiss zur Zeitumstellung nicht vor Herbst 2019

Wie sich das gesamte Parlament positioniert, bleibt abzuwarten. Am Ende müssen sich Unterhändler der Abgeordneten und der Mitgliedstaaten in jedem Fall noch auf einen Kompromiss einigen. Damit wird nicht vor Herbst 2019 gerechnet – denn bevor es zu Verhandlungen kommt, muss sich nach den Wahlen erst das neue EU-Parlament konstituieren.

Im zuständigen Verkehrsausschuss des EU-Parlaments ist man für einen praktikablen Zeitplan und fordert die Abschaffung des halbjährlichen Drehens an der Uhr ab dem Jahr 2021. Daneben schlägt der Ausschuss einen „Koordinierungsmechanismus“ vor, in dem Vertreter von Kommission und Mitgliedstaaten sitzen sollen. Er soll einen Flickenteppich verschiedener Regelungen vermeiden.

Die Debatte um ein mögliches Ende der Zeitumstellung hatte im vergangenen Sommer die EU-Kommission angestoßen. Sie schlug ein Ende des Hin und Her schon für 2019 vor – und reagierte damit auch auf eine EU-weite Umfrage. Darin sprachen sich 84 Prozent der 4,6 Millionen Teilnehmer für die Abschaffung der Zeitumstellung aus. Allein rund 3 Millionen der Befragten kamen aus Deutschland.

Weiterlesen:

Marokko schafft Zeitumstellung spontan ab – teilweise Chaos im Land

– Schlafforscher plädieren für dauerhafte Winterzeit

Von RND/dpa/ka/cle

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