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Deutschland / Welt Sprengstoffexperten untersuchen verdächtigen Koffer
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19:08 18.11.2010
Laut Air Berlin, hier eine Maschine in Düsseldorf, hatte das verdächtige Paket keinen Zielaufkleber.
Laut Air Berlin, hier eine Maschine in Düsseldorf, hatte das verdächtige Paket keinen Zielaufkleber. Quelle: dpa
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Wenige Stunden nach der Terrorwarnung der Bundesregierung hat ein Bombenalarm vor dem Start eines Air-Berlin- Flugs von Namibia nach München neue Unruhe ausgelöst. Der mögliche Sprengsatz wurde aus dem Verkehr gezogen, bevor er auf dem Flughafen von Windhuk in den Airbus verladen wurde. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) forderte die Bevölkerung zur Besonnenheit auf. Eine schnelle Verschärfung der Sicherheitsgesetze lehnt er ab.

Nach Angaben der Ermittler befand sich der mögliche Sprengsatz in einem verdächtigen Gepäckstück von der Größe eines Laptops. Beim Durchleuchten wurden Batterien sichtbar, die über Kabel mit einem Zünder und einer laufenden Uhr verbunden waren. Die 296 Passagiere des Airbus kamen viele Stunden verspätet wohlbehalten in Deutschland an.

Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa befand sich der verdächtige Koffer ohne jegliche Adresse unmittelbar bei dem Gepäck, das für den Air-Berlin-Flug nach Deutschland bestimmt war. Ob der Koffer tatsächlich einen zündfähigen Sprengsatz enthielt, werde sich erst durch kriminaltechnische Untersuchungen feststellen lassen, erklärte das BKA. Die Sprecherin des Flughafens in Windhuk sagte der dpa, man sei auf das in Plastik verpackte Gepäckstück aufmerksam geworden, weil der Adressaufkleber gefehlt habe.

Das BKA entsandte seinen Verbindungsmann aus Südafrika nach Windhuk, auch aus Deutschland sollten Ermittler nach Namibia fliegen. De Maizière sagte am Rande der Innenministerkonferenz in Hamburg, es spreche viel dafür, dass das Gepäckstück in der Maschine habe transportiert werden sollen. Zugleich lobte er: „Die Kontrollen haben auf jeden Fall funktioniert.“

In Deutschland haben die Behörden „konkrete Hinweise“ auf Berlin, München und Hamburg, wie der rheinland-pfälzische Innenministers Karl Peter Bruch (SPD) sagte. Aber auch der Großraum des Ruhrgebiets sei mögliches Anschlagsziel, sagte er im Südwestrundfunk (SWR).

Die Warnung des Bundesinnenministers vor konkreten Terroranschlägen heizte die Debatte über die umstrittene Vorratsdatenspeicherung wieder an. Einzelne Politiker von Union und SPD dringen auf eine schnelle Neuregelung. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) bleibt dabei, dass sie nichts überstürzen will. De Maizière warnte davor, die Terrorgefahr für politische Zwecke zu instrumentalisieren: „Das ist jetzt nicht die Stunde, auf dem Rücken dieses Themas rechtspolitische Auseinandersetzungen zu verschärfen oder abzumildern.“

Das Bundesverfassungsgericht hatte die deutsche Regelung zur Vorratsdatenspeicherung im März gekippt. Seitdem dürfen Telefon- und Internetdaten nicht mehr ohne Anlass für sechs Monate gespeichert werden. Leutheusser-Schnarrenberger möchte vor einer Neuregelung erst abwarten, was mit der EU-Richtlinie geschieht, nach der die Daten gespeichert werden müssen. Dagegen hatten Sicherheitsexperten wiederholt auf „Sicherheitslücken“ hingewiesen.

De Maizière erklärte in Hamburg: „Der internationale Terrorismus möchte in unserem Land Angst und Schrecken verbreiten. Das lassen wir nicht zu. Wir bleiben unserer freiheitlichen Lebensauffassung und dem Verhalten in Freiheit in einem freien Land treu.“

Wegen der akuten Terrorwarnungen müssen sich die Bürger in Deutschland längerfristig auf erhöhte Sicherheitsvorkehrungen einstellen. Flug- und Seehäfen sowie Bahnhöfe und Züge werden stärker überwacht, mehr Polizisten als sonst sind auf der Straße unterwegs. Auch an Grenzen wird wieder schärfer kontrolliert.

Das Reichstagsgebäude in Berlin wurde mit Absperrgittern besonders gesichert. In U- und S-Bahn wurde die Bevölkerung per Durchsage gebeten, Verdächtiges zu melden. Kurzzeitig kam es in der Hauptstadt zu einem Verkehrschaos: Es war ein verdächtiger Koffer entdeckt worden, der sich später als harmlos herausstellte. Die Gewerkschaft der Polizei kündigte an, dass die Beamten trotz massiver Überlastungen alles tun, um die erhöhte Terrorgefahr abzuwehren.

Experten fürchten, dass Weihnachtsmärkte Ziel eines Anschlags sein könnten. Spekuliert wird auch über Attentate wie in Bombay (Mumbai) in Indien, wo 2008 bei einem Terrorüberfall von Islamisten auf Hotels mehr als 160 Menschen starben. Die Budenbetreiber auf den bundesweit 2500 Advents- und Christkindlmärkten wollen künftig stärker auf verdächtige Personen und Gegenstände achten. Auch die rund 400 000 Geschäfte schulen Wachleute und sensibilisieren Mitarbeiter.

Laut einem Bericht der „Passauer Neuen Presse“ (Donnerstag) gibt es bei den Terrorwarnungen offenbar einen Zusammenhang mit einem US- Drohnenangriff im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet Anfang Oktober. Dabei sollen nach pakistanischen Geheimdienstangaben mehrere deutsche Islamisten ums Leben gekommen sein. Aus dem Umfeld dieser Islamisten soll nun Rache für den Angriff angekündigt worden sein, schreibt die Zeitung.

dpa