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Deutschland / Welt „Bessere Verwahranstalten“: 90 Prozent der Kitas kämpfen gegen Personalmangel
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15:38 27.03.2019
Kinder spielen in einem christlich-muslimischen Kindergarten in Gifhorn. Quelle: Hauke-Christian Dittrich/dpa
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Berlin

Nur fünf Prozent aller Kitas in Deutschland können laut einer Studie des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) mit der wissenschaftlich empfohlenen Personalausstattung arbeiten. Für die meisten ist Personalmangel dagegen Alltag.

Das geht aus einer repräsentativen Befragung von mehr als 2600 Kitaleitern in Deutschland hervor, die am Mittwoch beim Deutschen Kitaleitungskongress in Düsseldorf vorgestellt worden ist.

Die einst weltweit vorbildlichen deutschen Kindergärten würden „zunehmend bessere Verwahranstalten, die ihrem Bildungsauftrag trotz aller Anstrengungen nicht gerecht werden können“, kritisierte VBE-Chef Udo Beckmann.

Der wissenschaftliche Standard empfehle, dass mindestens eine Fachkraft für drei unter dreijährige Kinder da sein sollte, erläuterte der Bildungsgewerkschafter. Bei über Dreijährigen liege der statistische Betreuungsschlüssel bei 1:7,5. Dies sei in der Praxis aber die absolute Ausnahme.

Kaum Verbesserung in Kita seit 5 Jahren

90 Prozent der befragten Kitaleiter gaben an, dass sie im vergangenen Jahr zeitweise mit erheblicher Personalunterdeckung gearbeitet hätten. Fast alle betroffenen Einrichtungen mussten infolgedessen Angebote für die Kinder vorübergehend reduzieren.

Die Ergebnisse der zum fünften Mal infolge erhobenen Umfrage zeigten bislang „keine spürbaren Verbesserungen in der täglichen Arbeitssituation“, heißt es im Fazit der Studie. „Wie dramatisch die Situation ist, wird auch daran deutlich, dass viele Kitas regelmäßig mit so wenig Personal auskommen müssen, dass eine ordnungsgemäße Aufsichtsführung überhaupt nicht mehr möglich ist.“

Nötig seien Sofortmaßnahmen, um die Sicherheit der Kinder zu gewährleisten und das Haftungsrisiko für Kitaleitungen und Träger zu minimieren, forderte Beckmann.

Etwa 70 Prozent der Kitaleitungen brauchen angesichts der Personalknappheit mindestens drei Monate zur Nachbesetzung offener Stellen. In Großstädten benötigen 40 Prozent der Befragten im Schnitt sogar länger als fünf Monate.

Je nach Studie werde der Mangel an Erziehern in Deutschland – über 90 Prozent sind Frauen – auf bis zu 300.000 Fachkräfte bis 2025 beziffert, berichtete Studienleiter Ralf Haderlein von der Hochschule Koblenz. Der Sozialwissenschaftler empfiehlt, die Gehälter der Erzieher an die der Grundschullehrer anzugleichen.

Bislang liege die Differenz bei bis zu 1000 Euro brutto im Monat. Nach Angaben des VBE liegt das Einstiegsgehalt einer Erzieherin bei rund 2800 Euro brutto, das einer Leiterin, je nach Größe der Einrichtung, zwischen 2900 und 3450 Euro.

Kitaleiter klagen über mangelnde Wertschätzung

Die meisten Kitaleiter leiden unter mangelnder Wertschätzung und schlechter Bezahlung ihrer Arbeit sowie zunehmender Bürokratie. Fast 77 Prozent der Befragten sehen sich noch mit dem Vorurteil konfrontiert: „Wir spielen, basteln und betreuen die Kinder nur.“ Das sind sogar etwas mehr als ein Jahr zuvor.

Genervt äußern sich darüber vor allem Jüngere. Zwei Drittel aller Befragten bemängeln darüber hinaus Unterbezahlung pädagogischer Fachkräfte. In privaten Einrichtungen und in kleineren Gemeinden fällt die Bewertung besser aus.

Bislang blieben die meisten politischen Maßnahmen gegen die strukturelle Unterfinanzierung des gesamten Kita-Bereichs mit seinen mehr als 600.000 Beschäftigten nur „Tropfen auf dem heißen Stein“, bilanzieren die Autoren der Studie. Erstellt wurde sie vom VBE und einem Informationsdienstleister unter wissenschaftlicher Begleitung der Hochschule Koblenz.

VBE erwartet nicht viel vom Kita-Gesetz

Vom neuen Kita-Gesetz, das die Große Koalition jüngst für eine Verbesserung der Situation auf den Weg gebracht hat, erwartet der VBE kaum Impulse. Das Gesetz sieht zusätzliche Ausgaben für die Kitas von bundesweit 5,5 Milliarden Euro bis 2022 vor, davon etwa ein Fünftel allein für NRW.

Beckmann befürchtet aber, dass die Länder das Geld vor allem für eine Senkung oder komplette Freistellung der Kita-Beiträge nutzen. Dann aber lasse sich die Qualität der Betreuung kaum verbessern: „Keine Erzieherin wird dadurch auch nur ein Kleinkind weniger betreuen.“

Der VBE fordert vor diesem Hintergrund eine Gesamtstrategie für mehr Kita-Qualität durch grundlegende Verbesserungen mit „substanziellen Lohnsteigerungen" für die Beschäftigten, mehr Investitionen und Maßnahmen zur Gewinnung von Nachwuchsfachkräften.

Giffey will Fachkräfteoffensive

Bundesfamilienministern Franziska Giffey (SPD) will eine Fachkräfteoffensive für Erzieher. Bis 2022 sollen zusätzlich zu dem Geld aus dem Kita-Gesetz weitere rund 300 Millionen Euro über ein Bundesprogramm an die Länder fließen.

Der VBE sieht darin einen ersten Schritt, der aber das „zu geringe Lohnniveau" nicht berücksichtige: „Derzeit ist der Beruf für Jugendliche, die eine Ausbildung machen wollen, viel zu unattraktiv“, so Beckmann.

Lesen Sie hier: Die VBE-Studie als PDF

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