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Deutschland / Welt Taliban haben Kräfte im Raum Kundus massiv verstärkt
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Taliban haben Kräfte im Raum Kundus massiv verstärkt
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15:44 10.09.2009
Im Raum Kundus, wo die Bundeswehr stationiert ist, haben die Taliban ihre Kräfte verstärkt.
Im Raum Kundus, wo die Bundeswehr stationiert ist, haben die Taliban ihre Kräfte verstärkt. Quelle: AFP
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Das war im Zusammenhang mit dem blutigen Zwischenfall nahe Kundus in der vergangenen Woche am Donnerstag in Kabul von amerikanischen und deutschen Geheimdienststellen zu erfahren. Der Anführer der Taliban, Mullah Omar, habe den Befehl gegeben, die neue Nachschubroute für die ISAF-Truppen, die aus Tadschiskistan über Kundus führt, „mit allen Mitteln zu unterbrechen“.

Der deutsche Kommandeur von Kundus, Oberst Georg Klein, dem eine „Fehlentscheidung“ am vergangenen Freitag beim Luftangriff auf die beiden von den Taliban entführten Tanklastwagen angelastet wird, kehrt wahrscheinlich in zwei Wochen nach Deutschland zurück. Seine Einsatzzeit von einem halben Jahr sei turnusmäßig abgelaufen, heißt es bei der Bundeswehr. Klein war vor seiner Versetzung nach Kundus Chef des Stabes der 13. Panzergrenadierdivision in Leipzig. Es wurde als „noch offen“ bezeichnet, ob die sächsische Justiz wegen des umstrittenen Luftangriffs, bei dem auch Zivilisten getötet wurden, ein Ermittlungsverfahren gegen Klein einleitet.

Unterdessen hat NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen die nach dem Zwischenfall in Kundus aufgekommene öffentliche Diskussion nachhaltig bedauert. Er sei besorgt, dass sich der “öffentliche Diskurs“ unter den NATO-Verbündeten und den politischen Vertretern in die „falsche Richtung“ bewege. Aus Kreisen des NATO-Hauptquartiers in Brüssel wurde verlautbart, dass „alles unternommen werden muss, dass es den Taliban nicht gelingt, die NATO-Mitglieder auseinander zu dividieren“. Das wäre sonst für das Bündnis der „schlimmste Fall in seiner Geschichte“. Die NATO würde sich selbst „demontieren“.

In parlamentarischen Kreisen in Berlin wurde die „vorgepreschte Berichterstattung“ aus Brüssel über ein „Fehlverhalten“ von Klein als „total deplaciert“ bezeichnet. Wehrexperten der Bundestagsfraktionen erklärten übereinstimmend, es sei „gegen alle Regeln“, vor einem Untersuchungsergebnis schon Vorverurteilungen gegen Klein vorzunehmen.

In einem Schreiben an den Verteidigungsausschuss des Bundestages hebt das Verteidigungsministerium hervor, dass in einem am Dienstag zugegangenen als geheim eingestuften Bericht einer zunächst eingesetzten ISAF-Untersuchungskommission lediglich „erste vorläufige Erkenntnisse“ zum Geschehensablauf des Zwischenfalls bei Kundus aufgrund von Befragungen der beteiligten Dienststellen dargelegt werden. Gegenstand der Untersuchungen müsse jetzt sein: Eine Chronologie, ein Lagebild, die Anwendung der Einsatzregeln, die Informationsqualität und die Zahl sowie der bei dem Angriff getöteten oder verletzten Personen. Außerdem sollen „Empfehlungen für eine evt. Ergänzung der Einsatzregeln und -verfahren gegeben werden“. Die NATO hat am Donnerstag dementiert, dass es schon einen Bericht gebe, der abschließende „Schlussfolgerungen zulässt“.

Besonders aus Kreisen des US-Geheimdienstes CIA war zu erfahren, dass der örtliche Taliban-Kommandeur für den Raum Kundus, Mullah Abdur Rahman, von Mullah Omar, der seine Befehlszentrale im pakistanischen Quetta haben soll, die Anweisung zur „absoluten Unterbindung“ der neuen Nachschubroute der ISAF-Truppen aus Tadschikistan durch die Region von Kundus erhalten hat. Die ISAF musste diese Route eröffnen, weil die ursprünglichen Versorgungswege über den Khyber-Pass im Nordosten Pakistans und über das südliche pakistanische Quetta immer stärker durch die Taliban-Angriffe unterbrochen werden.

Von den Soldaten in Kundus, die nach den Berichten „fest“ zu ihrem Kommandeur stehen, wurde die Nachricht über ein mögliches Ermittlungsverfahren und ein eventuelles Vorgehen des Staatsanwalts gegen Klein geradezu mit „Zorn“ registriert. Dieses „Ansinnen“ rufe bei den Soldaten eine „enorme Verunsicherung“ hervor, weil sie bei ihren Einsätzen am Hindukusch sehr schnell in die Lage kommen könnten, vor Gericht gezogen zu werden, argumentierten die Soldaten.

Sie würden, so die Soldaten, ihr Leben im Auslandseinsatz riskieren und es würde ihnen kaum einleuchten, dass sie beim Einsatz ihrer Waffen, bei denen es „ungewollt“ zu zivilen Personenschäden kommen kann, ein juristisches Verfahren zu erwarten haben. Es sei doch „selbstverständlich, dass wir uns an die gesetzlichen Regeln halten“, betonten Soldaten.

ddp