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Deutschland / Welt Verteidiger Busch stellt Demjanjuk als Opfer dar
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16:09 30.11.2009
Demjanjuks Verteidiger Ulrich Busch. Quelle: ddp
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Der 89-Jährige sei „ein Überlebender des Holocaust, nicht aber Täter“, sagte Busch am Montag vor dem Landgericht München. Demjanjuk stehe als „Trawniki“, als Aufseher im Auftrag der SS-Lagerleitung, „auf gleicher Stufe“ wie damalige jüdische Häftlinge mit Hilfsaufgaben.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten Beihilfe zum Mord in 27.900 Fällen vor. Vor 66 Jahren, im Sommer 1943, soll Demjanjuk im deutschen Vernichtungslager Sobibor in Polen Tausende Juden aus Deportationszügen in die Gaskammern getrieben haben.

Verteidiger Busch stellte einen Befangenheitsantrag gegen das Landgericht. Er begründete dies damit, dass in früheren Verfahren Vorgesetzte und Ausbilder Demjanjuks freigesprochen worden seien. „Man fragt sich, wie es sein kann, dass der Befehlsgeber unschuldig, der Befehlsempfänger aber schuldig ist“, sagte Busch. 1976 wurde zum Beispiel in Hamburg ein Ausbilder der „Trawniki“ freigesprochen. Und 1966 gab es ein vergleichbares Urteil in Hagen in Nordrhein-Westfalen.

Staatsanwalt Hans-Joachim Lutz verwies darauf, dass es heute ganz andere Richter seien, die über Demjanjuk zu urteilen hätten: „Ich sehe keinen Grund, Ihre Besorgnis der Befangenheit anzunehmen.“

Nebenklage-Vertreter Cornelius Nestler wies vor allem die Unterstellung Buschs zurück, dass „Trawniki“ mit jüdischen Funktionshäftlingen in den Lagern gleichzusetzen seien. „Die ’Trawniki’ in Sobibor waren gut ernährt, sie tranken, sie hatten Ausgang und Urlaub. Juden nicht. Die ’Trawniki’ mordeten, Juden nicht“, sagte Nestler. Über den Befangenheitsantrag wird frühestens am Dienstag entschieden. Auch die Verlesung der Anklageschrift ist erst dann zu erwarten.

Wegen des schlechten Gesundheitszustands des 89-jährigen Angeklagten zieht sich der Prozess langsam dahin. Demjanjuk wurde im Rollstuhl in den Gerichtssaal geschoben. Er machte dabei einen apathischen Eindruck. Wegen diverser Krankheiten muss das Verfahren jeweils nach eineinhalb Stunden unterbrochen werden. Insgesamt darf pro Tag maximal drei Stunden gegen Demjanjuk verhandelt werden. Ein medizinischer Gutachter bestätigte jedoch zum Prozessbeginn die grundsätzliche Verhandlungsfähigkeit des Angeklagten.

Nach Ansicht des Rechtsausschussvorsitzenden im Bundestag, Siegfried Kauder (CDU), ist das Verfahren ein Prüfstein für das weltweite Ansehen Deutschlands. „Die ganze Welt wird auf diesen Prozess ein Augenmerk richten und wird genau kontrollieren, wie Deutschland mit solchen Thematiken umgeht. Und ich finde es gut, dass Deutschland sich entschieden hat, diesen Mann vor einem deutschen Gericht zur Verantwortung zu ziehen“, sagte Kauder.

Auch der frühere Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Michel Friedman, sagte in München: „Es ist richtig und wichtig, dass dieser Prozess stattfindet. Aber es ist nicht richtig, dass deutsche Schreibtischtäter nicht verurteilt oder freigesprochen wurden.“ Friedman verwies auf die Vorbildfunktion des Prozesses: „Man muss den Anfängen wehren. In Deutschland gibt es viele Zeichen, dass diese Anfänge wieder überschritten sind. Dieser Prozess soll zeigen, wohin das führt.“

Der Prozess begann am Montagvormittag unter chaotischen Begleitumständen mit über einer Stunde Verspätung. Es gab einen Ansturm von Hunderten Journalisten und Zuhörern mit Drängeleien und Schubsereien. Sie kämpften um einen der lediglich 147 Plätze im Gerichtssaal. Für die über 200 angemeldeten Medienvertreter standen nur 68 Sitze zu Verfügung. Die Justizbehörden zeigten sich völlig überfordert mit der Situation.

ddp

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