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Deutschland / Welt Vor London-Besuch: Trump will den „No-Deal“-Brexit
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14:15 02.06.2019
Sie sind sich einig: Der ehemalige Außenminister Großbritanniens, Boris Johnson (links), und US-Präsident Donald Trump. Quelle: Evan Vucci/AP/dpa
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London/Washington

Ist Königin Elizabeth II. ein solcher Gast wirklich zuzumuten? Das fragen sich viele Briten anlässlich des Besuchs von US-Präsident Donald Trump. Es ist nicht irgendeine Arbeitsvisite, sondern ein offizieller dreitägiger Staatsbesuch. Mit allem Pomp, den das britische Königshaus zu bieten hat. Die 93 Jahre alte Queen hat schon viele US-Präsidenten kommen und gehen sehen. Doch Trump sticht heraus: Das beweist er nun wieder einmal - bevor er überhaupt britischen Boden betreten hat.

Im vergangenen Juli war Trump bereits zu einem Arbeitsbesuch in England. Damals düpierte er die britische Premierministerin Theresa May mit einem Interview in der Boulevardzeitung „Sun“, das kurz nach einem festlichen Gala-Dinner mit May erschien. Darin: ungalante Kritik von Trump an Mays Brexit-Kurs und unverhohlenes Lob für deren Erzrivalen Boris Johnson. Ein Affront gegen die Gastgeberin.

Nun hat Trump genau das wieder getan. Kurz vor seinem Besuch gab er der „Sun“ erneut ein Interview. Wieder kritisierte er May, während er Johnson als möglichen May-Nachfolger in höchsten Tönen lobte: „Ich denke, Boris würde einen sehr guten Job machen. Ich glaube, er würde ausgezeichnet sein“, sagte Trump und schwärmte, Johnson sei „ein sehr guter Kerl, ein sehr begabter Mensch“. In einem Interview der „Sunday times“ legte er nach und empfahl dem Nachfolger der scheidenden Premierministerin May notfalls einen „No-Deal“-Brexit. Ausländische Staatsgäste mischen sich eigentlich nicht in Personalangelegenheiten anderer Länder ein. Nicht so in der Welt von Donald Trump.

Trump 2016: „Bald werden sie mich Mr. Brexit nennen!“

Seine Worte sind wie Öl ins Feuer in Großbritannien. Das Land steckt in allergrößten Turbulenzen. Großbritannien ringt mit sich und der EU um den Brexit. May ist am Ende und kündigte ihren Rücktritt an. Zwei Tage nach Trumps Abreise aus England wird sie die Führung der Konservativen Partei abgeben und Ende Juli auch als Regierungschefin abtreten. Für sie gehört Trumps Besuch quasi zu den letzten großen Amtshandlungen. Dem wortgewaltigen Brexit-Hardliner Johnson werden gute Chancen eingeräumt, Mays Nachfolger zu werden.

Trump dürfte seinen Großbritannien-Besuch also mit einer gewissen Genugtuung begehen. Er ist seit langem für den Brexit, am liebsten ohne jeden Deal, so wie es auch Johnson will. Ziel ist ein freies Spiel für die transatlantischen Märkte, Freihandel ohne Zölle und ohne Regulierung. Der US-Präsident ist kein großer Fan der EU, kein Freund von Multilateralismus, sondern ein Anhänger nationaler Souveränität.

Im August 2016, wenige Monate vor seiner Wahl zum US-Präsidenten, schrieb Trump auf Twitter: „Bald werden sie mich Mr. Brexit nennen!“ Nun also ist Mr. Brexit zu Besuch in Großbritannien. Viele Briten sind darüber „not amused“. Der britische Oppositionsführer Jeremy Corbyn etwa schlug eine Einladung zum Staatsbankett mit Trump aus Protest gegen dessen internationale Politik aus.

Trump ist in Großbritannien denkbar unpopulär. Der Staatsbesuch hätte längst stattfinden sollen - doch London ließ sich mit einem Termin lange Zeit. In einer Petition sprachen sich Millionen Briten gegen den Staatsbesuch aus. Abwenden konnten sie ihn nicht.

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Trump hofft von den Briten gemocht zu werden

„Eine Menge Leute wollen ihn hier nicht sehen“, sagte Clodagh Harrington, Expertin für US-Politik an der De Montfort Universität im englischen Leicester, zu Trump. Die Demonstrationen werden ihrer Ansicht nach noch deutlich größer ausfallen als im Sommer 2018, als Trump während seines Besuches nur Termine außerhalb der Hauptstadt machte. Sinnbild für die Proteste war damals ein riesiger Ballon, der über den Demonstranten in London schwebte - in Form von Trump als mürrisches Baby in Windeln. Das unschmeichelhafte Trump-Baby soll auch jetzt wieder fliegen.

Trump selbst will von der Ablehnung gegen ihn nichts wissen. Der „Sun“ sagte er: „Ich denke - ich hoffe -, dass man mich im Vereinigten Königreich wirklich mag.“ Er liebe das Land.

Diesmal kann der Präsident wegen des offiziellen Programms keinen Bogen um das Zentrum Londons machen. Ein Staatsbesuch wird anders als ein Arbeitsbesuch mit dem ganzen Pomp des Königshauses zelebriert. Feierlicher Empfang im Buckingham-Palast, Mittagessen mit der Queen, Besuch der Westminster Abbey, Tee mit Prinz Charles, Staatsbankett im Palast: Trump und First Lady Melania - möglicherweise begleitet von weiteren Familienmitgliedern - bekommen das volle Programm. Mit einer Ausnahme: Die traditionelle Fahrt in goldverzierter Kutsche auf der Londoner Prachtstraße „The Mall“ gibt es dem Buckingham-Palast zufolge für Trump nicht. Vermutlich wegen der erwarteten Proteste.

Das royale Programm bietet viele protokollarische Fallstricke. In London können sich etliche Kritiker nicht vorstellen, dass sich der US-Präsident an die strengen Benimmregeln halten wird. Sie fürchten, die Queen könne wüsten Fauxpas ausgesetzt werden. Und überhaupt stehe Trump diese hohe Ehre nicht zu, beklagen sie.

Trump will bei seinem Besuch auch den D-Day feiern

Vor Trump bekamen nur zwei US-Präsidenten eine Staatsvisite in Großbritannien: George W. Bush und Barack Obama. Auch bei den Obamas sorgte bei einem Besuch ein Fauxpas für viel Aufregung: 2009 umarmte Michelle Obama die Queen freundschaftlich. Das Protokoll untersagt das Berühren der Monarchin. Die nahm das aber gelassen hin.

Bei seiner Visite in Großbritannien will Trump auch die Feierlichkeiten zum Jahrestag des D-Days besuchen - jenem Tag vor 75 Jahren, als alliierte Truppen im Zweiten Weltkrieg im von Deutschland besetzten Frankreich landeten. Gedenkveranstaltungen gibt es dazu auf beiden Seiten des Ärmelkanals: erst in Portsmouth an der britischen Küste, dann in der Normandie an der französischen Küste. Trump plant außerdem zwischendurch einen Abstecher nach Irland.

Und politisch? Die Briten erhoffen sich ein lukratives Handelsabkommen mit den USA. Experten warnen vor zu hohen Erwartungen. Solange das Land im Chaos steckt, dürfte aber ohnehin nicht viel passieren. Aus der US-Regierung kamen vor Trumps Besuch bereits bremsende Signale: Große Durchbrüche seien dazu bei dieser Visite nicht zu erwarten. Überhaupt dürfte bei Trumps Treffen mit einer Premierministerin in der Schlussrunde substanziell nicht viel herumkommen. Für Überraschungen ist Trump aber immer gut - egal ob beim politischen oder beim royalen Part des Besuches.

Von Christiane Jacke und Silvia Kusidlo/dpa/RND