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Deutschland / Welt Vor den Wahlen: Junge Südafrikaner hoffen auf Veränderung
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14:00 06.05.2019
Freiwillige für die südafrikanische Oppositionspartei, die Economic Freedom Fighters, arbeiten in ihrem Büro in Alexandra vor den Wahlen am 8. Mai. Quelle: Kate Bartlett/dpa
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Johannesburg

Als Abetse Mashigo geboren wurde, war Südafrikas brutales Apartheidsystem gerade ein Jahr Geschichte. Heute ist sie 24 und frustriert über das, was in dem Vierteljahrhundert aus ihrer Heimat geworden ist: „Südafrika ist ein großartiges Land, aber es hat viele Defizite“, sagt sie, während sie schwungvoll ihre Dreadlocks zurückwirft. „Wenn man die Bandbreite von sowohl Reich und Arm sieht, ist es ein ständiger, täglicher Kampf.“ Es ist vor allem diese wirtschaftliche Ungleichheit, die viele Schwarze im Vorfeld der Parlamentswahlen am Mittwoch empört.

Viele junge Südafrikaner haben die Unterdrückung und Trennung von Personen mit dunkler und heller Hautfarbe nie direkt erlebt, die 1994 unter dem ersten schwarzen südafrikanischen Präsidenten Nelson Mandela und seinem Afrikanischen Nationalkongress ANC beendet wurde. Doch sie warten heute, 25 Jahre später, noch immer darauf, dass sich ihre Lebensverhältnisse verbessern - und die Oppositionsführer hoffen auf ihre Stimmen.

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Mashigo ist wütend über das Erbe der Apartheid, das viele Schwarze in Armut hält. Daher unterstützt sie die Wirtschaftlichen Freiheitskämpfer EFF, eine der drei großen Parteien unter Dutzenden, die bei der Wahl gegeneinander antreten. „Ich bin Teil des Roten Meeres“, sagt sie unter Anspielung auf die leuchtend rote Kleidung, die die Anhänger der Oppositionspartei tragen. „Ich mag die EFF, weil sie radikal und anders ist. Sie ist rebellisch, und das gefällt mir.“ Die Partei kündigte an, Land weißer Grundbesitzer ohne Entschädigung zu beschlagnahmen und Minen und Banken zu verstaatlichen.

Das Erbe der Apartheid

Mashigos 59-jähriger Vater Thamsanqa teilt viele Ansichten seiner Tochter, ist jedoch ein bisschen vorsichtiger und noch unentschlossen, wen er am 8. Mai wählen soll. Viele ältere Südafrikaner unter den 26 Millionen Wahlberechtigten unterstützen noch immer den ANC, der seit einem Vierteljahrhundert regiert. Doch gleichzeitig sind sie empört über die verbreitete Korruption der Parteimitglieder.

Zwar versprach Präsident Cyril Ramaphosa, diese Korruption zu beseitigen. Der ehemalige Gewerkschaftler kam im Februar 2018 an die Macht, nachdem Jacob Zuma wegen einiger Skandale zurückgetreten war. Doch der Pessimismus im Land nimmt zu: Rund 64 Prozent der Südafrikaner sind nach einer aktuellen Meinungsumfrage mit der Demokratie von Südafrika unzufrieden, 2013 waren es 34 Prozent.

„Ich habe bei jeder Wahl (seit Schwarze wählen dürfen) abgestimmt, und diese werde ich nicht verpassen“, betont Thamsanqa Mashigo. „Ich habe nie gezweifelt, wen ich wählen soll, aber diesmal...ich entscheide noch. (...) Ich habe Zweifel.“ Das Leben unter der Apartheid sei schrecklich gewesen: „Leute verschwanden, ich glaube, manche Familien wissen heute noch nicht, was mit ihren Liebsten passiert ist.“ Als die Apartheid endete, „waren wir sehr begeistert darüber. ...Wir hatten eine schwarze Regierung, und Mandela war Präsident. Das war Fortschritt!...Wir sagten, dass die Freiheit endlich in unserem Leben ankam!“

Kluft zwischen Schwarz und Weiß

Doch heute ist der Informatiker enttäuscht vom ANC: „Die Kluft zwischen Schwarz und Weiß ist einfach immer größer geworden.“ Der ANC hätte sich auf Bildung und Gesundheitswesen konzentrieren sollen, sagt Mashigo. Wie seine Tochter klagt er über grassierende Korruption und die hohe Arbeitslosenrate von 27 Prozent, die bei Jüngeren unter 34 Jahren nach offiziellen Zahlen sogar fast 40 Prozent erreicht. Obwohl er vom ANC enttäuscht ist, hegt er auch Misstrauen gegenüber der EFF, die seine Tochter unterstützt. Seit der hitzköpfige Anführer Julius Malema wegen Korruptionsvorwürfen aus dem ANC geworfen wurde, traue er ihm nicht mehr: „Diese Jungs sind verärgert, das ist alles.“

Auch die andere große Oppositionspartei, die Demokratische Allianz, überzeugt den 59-Jährigen nicht. Gegründet von weißen Liberalen fand sie viele schwarze Anhänger und übernahm in Stadträten in Kapstadt und Johannesburg die Macht. Inzwischen hat sie einen schwarzen Vorsitzenden, Mmusi Maimane. „Ich glaube, er kontrolliert die Partei nicht so, wie ein Vorsitzender seine Partei kontrollieren sollte“, sagt Mashigo.

5,6 Millionen und damit fast ein Fünftel der Wahlberechtigten sind zwischen 18 und 29 Jahren. Sie könnten der EFF Aufwind verschaffen, die bei den Wahlen 2014 auf rund sechs Prozent kam und nun mit mehr rechnen kann. „Diese Wahlen sind aufregend für junge Wähler“, findet die 22-jährige Lwazi Khoza, Studentin und Projektmanagerin bei der Jugendlobbygruppe YouthLab. „Die EFF sprechen viele junge Wähler an. Die EFF-Anführer präsentieren sich als rebellisch und nonkonformistisch.“

Zu wenig Jobs

Viele junge Wähler wollten Veränderungen: „Als junge schwarze Frau im Post-Apartheid-Südafrika bin ich frustriert über das Schneckentempo des Wandels. Ja, es gab Verbesserungen seit den Apartheid-Tagen, aber nicht genug. Die Dinge stagnieren. Sind wir frei? Wirklich? Oder werden wir immer noch wegen der Vergangenheit klein gehalten?“, fragt sie. „Wir können nicht sagen, dass wir uns auf Augenhöhe befinden, bildungstechnisch oder wirtschaftlich. Deshalb wollen viele junge Wähler einen Wandel sehen.“

Makhumo Kwathi lebt bei ihren Eltern in Johannesburgs größter schwarzer Gemeinde Soweto und freut sich auf die Wahl: „Ich möchte, dass meine Stimme gehört wird“, sagt die 25-Jährige, die eine Stelle bei einer Bank sucht, aber bisher nach dem Abitur keine Arbeit fand. „Ehrlich gesagt, werde ich nicht den ANC wählen, denn der ANC hat uns bis jetzt diese ganzen falschen Hoffnungen gemacht.“

Sie wünscht sich eine Regierung, die Arbeitsplätze schafft. „Ich möchte Veränderungen sehen. Es müssen mehr Jugendliche eingestellt werden“, fordert sie. „Wie können wir, die Jugendlichen, die Zukunft des Landes sein, wenn wir arbeitslos sind? Wie können wir als Land vorankommen?“

Von RND/AP