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Deutschland / Welt Walter: „Ein Konjukturprogramm für Videotheken“
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Walter: „Ein Konjukturprogramm für Videotheken“
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07:58 14.09.2009
Der Göttinger Parteienforscher Franz Walter
Der Göttinger Parteienforscher Franz Walter
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Vier Kanäle, ein Duell – eint dies das sonst zerstreute TV-Publikum zu einem Ganzen?
Diese Parallelschaltung ist eher Konjunkturprogramm für Videotheken. Selbst wenn sie auch Politikabstinenzler anlockt, wird sie bei ihnen den Politikverdruss eher schüren.

Weil, wie Guido Westerwelle jetzt klagte, da nur Partner der Großen Koalition auftreten?
Union und SPD repräsentieren wegen der Erosion der Volksparteien in der Tat nicht mehr „die Großen“. Steinmeier wird nur Kanzler, wenn Westerwelle oder Lafontaine ihm den Weg bahnt. Trotzdem spielen Merkel und er die Gladiatoren – Rollen, die sie in der Regierungsrealität gar nicht haben.

Diese Erosion ereignet sich parallel zur Parzellierung des Publikums durchs Privatfernsehen. Eine zufällige Parallele?
Oft sieht man Volksparteien als historischen Normalfall an. Dabei haben sie sich erst in den fünfziger Jahren herausgebildet, parallel zur Einführung des Fernsehens. Damals gab es viel größere gesellschaftliche Kluften, zu deren Überbrückung das Fernsehen beigetragen hat. In den achtziger Jahren wuchsen wieder Unterschiede. Es ist kein Zufall, dass das Parteiensystem sich um Grüne und Republikaner ausfächerte, als RTL ansetzte, Herzen und Hirne der Unterschicht zu besiedeln. Heute gibt es ja für jedes Milieu mehrere TV-Sender.

Was heißt das für die Parteien und ihre Meinungsbildung?
Sie erreichen allenfalls Teilsegmente. Denn das Publikum ist tribalisiert. Der Studienrat guckt Arte oder 3Sat, das Prekariat RTL2 oder Kabel1. Aber zugleich sind die Parteien verwechselbarer geworden. Zwischen FDP und Grünen etwa liegt die Differenz teils nur in kultureller Distinktion, im narzistisch gepflegten „feinen Unterschied“.

Was kann da ein Duell noch bewirken?
Solange nicht einer der Kandidaten vor laufender Kamera das Ende seiner Kandidatur erklärt, nur wenig. Denn da gucken einerseits Parteigänger, die wissen wollen, wie sich „ihre“ Partei macht – und andererseits die Politikfernen, die vielleicht einen Schlagabtausch erwarten – und dann nur enttäuscht werden.

Bekommen die nicht die Chance, politische Inhalte wahrzunehmen?
Es geht nie nur um Programme, es geht immer auch um Personen. Diese Differenz haben Interpreten des Duells Merkel-Schröder verfehlt, die 2005 Merkels Duell-Sieg diagnostizierten. Dabei war Schröder mit seinem Machogehabe habituell viel dichter am Publikum, was auch das knappe Wahlergebnis gezeigt hat.

Wieso bleibt jetzt so ein Showdown aus?
Weil der nicht künstlich inszenierbar ist. Es braucht schon die Faszination von Machtspiel, Ranküne, Intrige, das große politische Welttheater – das ist das Elixier von Politik. Doch das hat ja keiner ernsthaft von Durchschnittsdarstellern wie Merkel und Steinmeier erwartet.

Warum?
Weil es dazu zu spät ist. Das Kandidatenbild wird bereits zum Anfang eines Wahljahres geformt. Die Schwäche des TV-Duells liegt darin, dass es weniger Programme als Personen präsentieren kann – deren Bild aber steht längst fest.

Interview: Daniel Alexander Schacht