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Deutschland / Welt Wenn der Terror im Kopf beginnt
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11:00 07.01.2019
Stätten von Verbrechen, bei denen die Täter unter massiven psychischen Problemen litten: Ansbach nach dem Bombenanschlag 2016, das Olympia-Einkaufszentrum in München nach dem Amoklauf 2016, Haltestelle in Essen nach der Silvesternacht. Quelle: RND
Essen

Andreas N. redet viel. Und er hält seine Aussagen gegenüber der Polizei für so überzeugend, dass er auf einen Rechtsanwalt erst mal verzichtet hat.

Es seien „Schwarzfüße“ und „Kanaken“ gewesen, die er mit seinem Auto in der Silvesternacht in Bottrop und Essen überfahren wollte, erklärte er den Beamten bei der Vernehmung. Man solle doch aufhören, ihm einen Anschlag vorzuwerfen, sagte er weiter. Denn es sei ihm doch gerade im Gegenteil darum gegangen, Anschläge zu verhindern.

Möglicherweise, so soll er in den Vernehmungen ebenfalls angedeutet haben, sei sein Auto ja auch ferngelenkt gewesen. Von einer höheren Macht.

Hass auf Ausländer – in reinster Form

Es ist einerseits bemerkenswert offen, was Andreas N. seit seiner Tat gegenüber den Ermittlern zu Protokoll gibt: Hass auf Ausländer, in einer puren, völlig unverhohlenen Variante.

Es ist aber andererseits auch reichlich wirr, was der 50-Jährige über seine Tat sagt. In gewissem Sinne ist es auch: verrückt.

Aber was sagt das dann über diese Tat?

Das Verbrechen, das Andreas N. in der Silvesternacht in Bottrop und Essen begangen hat, lässt sich äußerlich sehr eindeutig beschreiben. Insgesamt fünfmal steuerte der arbeitslose Gebäudereiniger seinen silbergrauen Mercedes-Kombi in Gruppen von feiernden Migranten hinein. Neun Menschen hat er damit verletzt, zum Teil schwer, auch Kinder. Das Motiv: Rassismus. Ein Terrorakt also, Terror von rechts.

Diagnose: Schizophrenie

Doch zugleich ist der 50-Jährige wohl auch psychisch krank. Nach Angaben aus Justizkreisen leidet er seit Jahrzehnten unter Schizophrenie, war vor 13 Jahren in der geschlossenen Psychiatrie und bis zuletzt in Behandlung. Seine Angaben gegenüber den Ermittlern klingen zumindest teilweise wahnhaft.

Ist sein Verbrechen also doch kein Terroranschlag? Sondern die Tat eines Kranken? Lässt sich beides überhaupt so klar voneinander trennen? Immer neue Beispiele zeigen, wie mittlerweile die Grenzen mehr denn je verschwimmen.

Der Mann, der Mitte Oktober im Kölner Hauptbahnhof einen Molotowcocktail zündete und in einer Apotheke eine Frau als Geisel nahm, hatte offenbar schwere psychische Probleme. Er soll Psychopharmaka wegen einer Depression genommen haben und tabletten- sowie spielsüchtig gewesen sein. Ein islamistisches Motiv, das die Ermittler zunächst vermutet hatten, gilt inzwischen als ausgeschlossen.

Der 27-jährige Syrer, der 2016 in Ansbach auf einem Konzertgelände eine Rucksackbombe zündete, soll zwei Suizidversuche und Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken hinter sich gehabt haben. Zur Tat kam es im Juli 2016, im Februar des gleichen Jahres war wegen Unklarheiten über die Kostenübernahme eine Therapie abgebrochen worden.

Der Amokläufer von München, der 18-jährige David S., der 2016 im Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen tötete, litt seit seiner Kindheit unter schweren psychischen Problemen und stand auch zur Tatzeit unter dem Einfluss von Psychopharmaka.

Ahmad A., der in einem Supermarkt in Hamburg einen Mann erstach, erschien im Prozess schuldfähig, war aber im Zeitraum vor der Tat so auffällig, dass der Verfassungsschutz eine psychiatrische Begutachtung empfohlen hatte.

Der Axt-Attentäter, der in einer Regionalbahn bei Würzburg fünf Menschen verletzte und von der Polizei erschossen wurde, entpuppte sich einerseits als Anhänger des „Islamischen Staats“ – aber auch als einsam und psychisch labil: Zwei Tage vor der Tat hatte er, wie sich später herausstellte, die Nachricht vom Tod eines Freundes im heimischen Afghanistan erhalten.

Anders Breivik erhielt seine erste Diagnose mit vier Jahren

Immer häufiger stoßen Polizei und Psychologen auf „einsame Wölfe“. Bei ihnen wirken zwei destabilisierende Faktoren zusammen: soziale und menschliche Isolation plus Radikalisierung. Psychische Krankheiten, ob Wahnvorstellungen, Depressionen oder Narzissmus, lassen oft beide Faktoren gleichzeitig unheilvoll wachsen – wie etwa im Fall des Norwegers Anders Breivik, der 2011 auf der Insel Utoya 77 Menschen tötete, die aus seiner Sicht eine zu weiche Linie gegenüber dem Islam verfolgten. Dass bei Breivik die Gefahr einer psychischen Störung besteht, schrieb ein Psychiater erstmals in einem Gutachten im Jahr 1983. Damals war Anders vier Jahre alt, das wohlhabende Elternhaus war zerrüttet.

Jahrzehntelang glaubten Psychiatrie und Psychologie, dass psychisch Kranke genauso gewalttätig oder friedlich sind wie Nicht-Gestörte, dass es in dieser Hinsicht also keinen Unterschied gibt. Doch die Wahrheit ist komplizierter. „Generell sind psychisch Kranke nicht gewalttätiger als andere Menschen“, betont Professor Andreas Heinz, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. Auch würden psychisch Kranke deutlich häufiger Opfer von Gewalt, als dass sie selbst Menschen angreifen.

„Auffallend viele sind krisenhaft psychotisch oder depressiv“

Doch für eine bestimmte Diagnose gilt dies nur zum Teil. „Es gibt psychische Erkrankungen, bei denen aggressives Verhalten häufiger auftritt“, sagt Andreas Heinz. Dies seien vor allem Sucht- und bestimmte psychotische Erkrankungen. Jens Hoffmann, Leiter des Instituts für Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt, hat für eine Untersuchung mit Kollegen die Fallakten von Anschlägen auf öffentliche Personen in Deutschland untersucht. Der Befund ist aus seiner Sicht klar: „Wenn man sich anschaut, wer schwere zielgerichtete Gewalttaten begeht, dann sind darunter auffallend viele, die krisenhaft psychotisch, depressiv oder auf andere Weise instabil sind.“

Zu den psychotischen Erkrankungen gehört die Schizophrenie, unter der der Bottroper Andreas N. offenbar leidet. Zu ihr können Phasen gehören, in denen die Betroffenen wie im Wahn leben, Stimmen hören, zwischen Fantasie und Realität nicht mehr unterscheiden können. Die Fantasie zum Beispiel, ihr Auto würde ferngesteuert in eine Gruppe von Zuwanderern rasen.

Die NSU-Attentäter: extrem, aber psychisch wohl gesund

Doch so deutlich die Hinweise sind: Die Debatte über den Zusammenhang von psychischer Krankheit und Gewalt ist eine schwierige. Erstens, weil sie in oberflächlicher Lesart Vorurteilen gegenüber psychisch Kranken neue Nahrung zu geben droht – obwohl doch gerade deren soziale Integration nötig wäre. Zweitens, weil sie den Blick auf ein paar einfache Wahrheiten verstellen könnte: Jene Gewalttäter, die in Gruppen organisiert sind und ihre Morde gemeinsam mit langem Vorlauf planen, sind fast immer psychisch gesund. Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, die NSU-Attentäter, waren extreme Charaktere mit menschenverachtenden Ansichten – psychisch krank waren sie, nach allem, was man weiß, nicht. Drittens schließlich wirkt es fälschlich beruhigend, wenn die psychische Krankheit von Tätern betont wird, ganz so, als hätten ihre Verbrechen nichts mit politischen Debatten, mit Hass und Hetze zu tun, nach dem Motto: Seht her, alles nur die Taten von Verrückten. Doch auch das wäre zu einfach.

Denn tatsächlich kommen auch die Wahnideen von Psychotikern nicht aus dem luftleeren Raum. „Menschen, die psychisch krank oder labil sind, greifen schneller Dinge auf, die in der Gesellschaft diskutiert werden“, sagt Jens Hoffmann. Ganz so, als hätten Kranke ein besonders feines Sensorium für die Stimmungen und Schwingungen in einer Gesellschaft – und besonders wenig Kraft, sich ihnen zu widersetzen.

„Hass zu ignorieren fällt schwer“

Die psychiatrische Fachliteratur, erläutert Charité-Psychiater Andreas Heinz, sei noch immer dominiert von Beispielen religiösen Wahns. In der Praxis jedoch kommen religiöse Motive kaum mehr vor. Stattdessen behandelte Heinz vor Kurzem einen Patienten, der davon besessen war, dass Angela Merkel in unterirdischen Moscheen deutsche Frauen von ausländischen Männern misshandeln lasse – ein Beispiel dafür, wie sich Hass und Hetze heute ihren Weg in die Köpfe bahnen. „Wenn es in der Gesellschaft eine so tiefgreifende Entwertung von bestimmten Menschengruppen gibt, dann fühlen sich manche Menschen davon angesprochen“, sagt Heinz. „Hass und Menschenverachtung auf Dauer zu ignorieren fällt schwer. Das färbt irgendwann durch.“ Jens Hoffmann, der mit seinem Institut Behörden und Firmen im Umgang mit Bedrohungen schult, hält viele Taten tatsächlich für vermeidbar. „In den allermeisten Fällen gibt es vorher Auffälligkeiten“, erklärt er. Alarmsignal sei zum Beispiel die Kombination aus fanatischer Überzeugung und psychotischer Erkrankung. Das Problem sei jedoch, dass die Informationen nicht weitergegeben würden und zum Beispiel in Fallkonferenzen von Polizei und anderen Behörden mündeten. „Bei der professionellen Risikoeinschätzung sind wir in Deutschland deutlich hinterher, etwa im Vergleich mit der Schweiz. Das ist hochproblematisch.“ Hoffmann plädiert dafür, auch die in Deutschland besonders hohen Hürden für Zwangseinweisungen in bestimmten Fällen zumindest etwas zu lockern. „Da gibt es einen rechtlichen Fortentwicklungsbedarf.“

Mehr Therapieangebote – und eine neue Sensibilität

Nur birgt auch das neue Probleme. Sollen Therapeuten ihre Schweigepflicht im Verdachtsfall schon früher brechen dürfen als bisher?

Vieles deutet jedenfalls darauf hin, dass die Deutschen nicht mehr nur über Schleierfahndung und Vorratsdatenspeicherung diskutieren sollten, sondern auch über mehr Therapieangebote und über eine neue Sensibilität gegenüber moderner Vereinsamung. Nicht nur manches, was als Terror daherkommt, ließe sich damit bremsen. Auch die Zahl der weder politisch noch religiös bewimpelten sogenannten erweiterten Suizide ließe sich auf diese Art vielleicht senken. Allein im Fall des Piloten Andreas Lubitz, der den Germanwings-Flug 9525 am 24. März 2015 laut Untersuchungsbericht „kontrolliert und bewusst“ gegen einen Berg steuerte, hätte eine rechtzeitige und wirksame Therapie 150 Menschen das Leben gerettet.

Von Thorsten Fuchs

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