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Deutschland / Welt Ekrem Imamoglu: Wer ist der Mann, den Erdogan so fürchtet?
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07:06 08.05.2019
„Erhebt eure Stimmen gegen die Ungerechtigkeit“: Zu Zehntausenden protestieren die Istanbuler noch in der Nacht gegen die Entscheidung der Wahlbehörde – und gegen Erdogan. Quelle: Joris van Gennip/imago images
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Istanbul

So also klingt die Revolution: laut, scheppernd, wütend, fröhlich. Die Bürgermeisterwahl in Istanbul ist annulliert, und Istanbul bebt. Über die Plätze hallt in der Nacht der Bekanntgabe der Protest; die Menschen haben ihre Fenster geöffnet und schlagen mit Löffeln auf Töpfe und Pfannen ein – wütend.

Unten auf der Straße ziehen die Demonstranten und winken den Menschen in den Fenstern zu. Auch sie sind wütend. Und doch liegt über dieser Nacht auch ein Hauch von Fröhlichkeit. Weil Zehntausende Istanbuler gemeinsam aufbegehren. Gegen den Beschluss der Wahlbehörde. Und gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan, den sie als Drahtzieher hinter diesem Beschluss vermuten.

Das große Topfschlagen ist ein Zitat. Es erinnert an die Gezi-Proteste von 2013 und vor allem an die Anfänge der AKP-Herrschaft: Vor ­17 Jahren trommelten die Demokraten auf ihren Töpfen und Pfannen gegen die korrupte Regierung an und verhalfen Erdogans AKP, der Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung, an die Macht.

Heute protestieren sie gegen die längst korrumpierte AKP. Weil die islamische Regierungspartei alles tut, um den frisch gewählten Bürgermeister Ekrem Imamoglu aus dem Amt zu treiben. Mit einem Verfahrenstrick ist es gelungen. Die Wahl des Sozialdemokraten ist null und nichtig.

Ein Tweet von Onursal Adigüzel, Vizechef der Oppositionspartei CHP, wird zum geflügelten Wort: „Gegen die AKP bei einer Wahl anzutreten ist erlaubt, aber gewinnen ist verboten.“ Und der entmachtete Bürgermeister selbst?

Ein Wendepunkt für die ­Türkei

Imamoglu gewinnt noch in der Nacht zusätzlich an Sympathien. Weil er, ein kleines Video davon geht um die Welt, sich beim Fastenbrechen mit einer Familie von der Nachricht nicht aus der Ruhe bringen lässt. Und weil er erst gegen 23 Uhr auf einem Platz in der Stadt spricht, mit hochgekrempelten Ärmeln, aber unaufgeregt.

Eine „hinterhältige Entscheidung“ habe die Wahlkommission getroffen, gewiss. Aber: „Alles wird gut“, sagt er, „solange wir uns nicht polarisieren lassen.“ Sein Aufruf an prominente Künstler, Schriftsteller und Journalisten: „Erhebt eure Stimme gegen diese Ungerechtigkeit!“

Sie tun es. Massenhaft. Gegen die Ungerechtigkeit. Und vor allem: gegen Erdogan.

Wer ist der Mann, vor dem der autokratische Präsident so viel Angst hat, dass er ihm nicht einmal ein Bürgermeisteramt gönnt?

„Alles wird gut, solange wir uns nicht polarisieren lassen“: Ekrem Imamoglu will Istanbul auch in der nächsten Runde gewinnen. Quelle: Erhan Demirtas/imago images

Vor einem knappen Monat hat Imamoglu in einem dramatischen Fotofinish die Wahl zum Oberbürgermeister der 16-Millionen-Metropole gegen den früheren Ministerpräsidenten Binali Yildirim gewonnen. Nach einem Vierteljahrhundert Herrschaft der Islamisten hat die säkulare Opposition die größte Stadt des Landes zurückerobert. Imamoglus Sieg ist ein historischer Wendepunkt.

Aber Erdogan, dessen politischer Aufstieg 1994 ebenfalls in Istanbul begann, bringt nicht einmal den Takt auf, dem Gewinner zu gratulieren. Seine islamische AKP beantragt umgehend die Neuwahl. Der 65-jährige Autokrat selbst wirkt plötzlich unsicher. Mal spricht er von Wahlbetrug der Opposition, dann redet er von Verständigung. Auf einer Beerdigung begegnet er Imamoglu und geht an ihm vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Der neue Stern am politischen Himmel der Türkei ist dem alten Mann sichtlich unheimlich.

Erdogans Machtapparat – sanft ausgehebelt

Ekrem wer?“, fragten sich vor Kurzem noch die meisten Istanbuler, als die CHP den 48-Jährigen ins Rennen schickte. Der war bis dahin Bürgermeister des westlichen Istanbuler Bezirks Beylikdüzü. Jetzt ist er der heißeste Anwärter, um Erdogan irgendwann die Präsidentschaft streitig zu machen.

Imamoglu gewann die Bosporusmetropole, weil er im Wahlkampf ausgleichend auftrat und damit die gnadenlose Machtmaschine des Präsidenten sanft aushebelte. Als ihn die auf Regierungskurs gebrachte Presse ignorierte, machte Imamoglu aus der Not eine Tugend: Er nutzte die sozialen Medien, um seine Auftritte auf Märkten und Plätzen live zu übertragen. Er trat Erdogan, der die Kommunalwahlen zur Abstimmung über seine Person und das „Überleben der Türkei“ ausgerufen hatte, mit einer positiven, versöhnlichen und prodemokratischen Kampagne entgegen.

Imamoglu sprach von den Sorgen und Nöten der normalen Bürger – und die betreffen derzeit vor allem die tiefe Wirtschaftskrise des Landes. Umfragen zeigen, dass kein Thema die Menschen mehr bedrückt. Doch sie wünschen sich auch neue Ideen, einen neuen Stil, neue Gesichter in der Politik. Sie sind der hasserfüllten Tiraden Erdogans müde. „Den Menschen mit Respekt zu begegnen, zahlt sich am Schluss immer aus“, sagt Imamoglu. Dabei hilft ihm auch seine Herkunft.

Ausgleich mit den Religiösen

Wie der Präsident stammt Imamoglu aus der konservativ-religiösen Schwarzmeerregion, wie jener war er früher Amateurfußballer. Auch Imamoglu ist ein gläubiger Muslim. Er umarmt Großmütter mit Kopftuch und nennt AKP-Anhänger zärtlich „Tante“ oder „Onkel“. Das Profil als religiöser Anhänger des Republikgründers Atatürk unterscheidet ihn von allen anderen führenden Politikern der strikt säkularen CHP und führte ebenso zu Irritationen wie sein Name, der übersetzt „Sohn des Imams“ bedeutet. Doch die Zeiten haben sich geändert.

Im Internet gibt es ein Video mit einer Szene auf einem Istanbuler Wochenmarkt; ein AKP-Anhänger macht dem Kandidaten Vorwürfe. Die AKP habe Bahnlinien gebaut, während die CHP Moscheen niedergerissen habe, ruft er und bezieht sich auf Untaten der Partei im letzten Jahrhundert. „Großvater, ich war noch nicht mal geboren, als das passierte”, erwidert Imamoglu lachend und umarmt den Mann. Am Schluss sagt der Alte: „Ich wähle die CHP nicht, aber dir will ich meine Stimme geben.“

Millionen Menschen, die religiös sind und für gesellschaftliche Versöhnung eintreten, bot die Opposition bisher keine politische Heimat – genau das ändert Imamoglu gerade.

Sozialdemokratisch und konservativ

Von sich verbreitet der Neue das Bild eines Mannes der Mitte. Auf Twitter zeigt er Fotos mit seiner Frau und den drei Kindern beim Spazierengehen. Er nennt sich selbst einen „Sozialdemokraten mit konservativen Wurzeln“, aber er kommt aus einer nationalistisch eingestellten Familie.

Nach seinem Wahlsieg erinnerte er öffentlich an den Todestag von Alparslan Türkes, Gründer der faschistischen Grauen Wölfe, was viele linke Wähler irritierte. Tatsächlich habe Imamoglu als junger Mann mit den Grauen Wölfen sympathisiert, erzählt Celal Isik von der kleinen grün-linken Partei aus dem Stadtteil Beylikdüzü, der ihn persönlich kennt. „Aber er ist definitiv kein Rechter mehr, sondern ein Zentrist – deshalb kann er so viele Menschen erreichen.“

Es sind vor allem die Unterschiede zu Erdogan, die ihm die Wähler zutreiben – nicht General wie der Staatschef, sondern Teamspieler. „Lasst die Vergangenheit hinter euch, lasst uns positiv denken!“, rief Imamoglu Zehntausenden bei seiner Amtseinführung zu.

Istanbul – in den Augen von Präsident Recep Tayyip Erdogan ist ds die Stadt, die ihm persönlich gehört. Quelle: imago images

Erdogan will seine Stadt zurück

„Wer Istanbul gewinnt, gewinnt die Türkei“ – das erklärt Recep Tayyip Erdogan immer wieder. Die Metropole ist seine Stadt. Hier, im ärmlichen Hafenviertel Kasimpasa, wuchs er auf. Hier begann mit der Wahl zum Oberbürgermeister 1994 sein politischer Aufstieg. Das erklärt, warum er mit aller Macht gegen die Wahlentscheidung der Istanbuler vorging.

Nach Darstellung der Wahlbehörde allerdings ist der Grund für die Annullierung ein Verfahrensfehler: Einige der Wahlvorsitzenden seien Beamte gewesen. Allerdings: Die Wahlvorsitzenden sind von der Wahlbehörde selbst ernannt worden und waren auch bei früheren Wahlen nicht alle Staatsangestellte. Vielen Türken verdächtig ist zudem die Tatsache, dass bei den Wahlen am 31. März im selben Kuvert und an derselben Wahlurne vier Stimmen abgegeben wurden (für Großstadt, Bezirk, Stadtparlament und Nachbarschaftsvorstand), aber nur die Großstadt annulliert wurde. Also nur die Wahl, die der oppositionelle CHP-Kandidat Ekrem Imamoglu gewonnen hat. Bis zu den Neuwahlen am 23. Juni wurde der linientreue Gouverneur von Istanbul, Ali Yerlikaya, vom Innenministerium als Oberbürgermeister eingesetzt.

Nach dem Betriebswirtschaftsstudium stieg er zunächst in das Bauunternehmen der Familie ein. „Sein Vater ist ein reicher Mann“, sagt Celal Isik, „die Familie ist finanziell unabhängig.“ Als Bürgermeister im konservativen Beylikdüzü ließ er Grünanlagen einrichten und eröffnete Bibliotheken und ein Kulturzentrum. „Er hat er sich einen Namen als ehrlicher, nicht korrupter Verwalter gemacht, der für Interessenausgleich sorgte“, sagt Isik. Aber: „In seinem sanften Äußeren steckt ein stahlharter Kern“, sagt der Chef der Internetplattform Ahvalnews, Yavuz Baydar.

Diese Kombination kann Istanbul gut gebrauchen. Hier geht es nicht nur um die Macht, es geht auch um sehr viel Geld. Die Stadtverwaltung beschäftigt mehr als 100.000 Menschen, ihr Etat beläuft sich auf über sechs Milliarden Euro. Damit lassen sich viele Verwandte, Freunde und Anhänger versorgen. Gleich nach seiner Wahl hat der neue Bürgermeister verkündet: „Die Zeit der Zuwendungen für ‚den Mann‘, für Verbände, Personen, Stiftungen und religiöse Gruppen ist zu Ende. Wir werden eine transparente Administration starten.“ Das kam einer Kampfansage an den Präsidenten gleich.

Man scheint ihm seine Ernsthaftigkeit abzunehmen. Umfragen zufolge könnte Imamoglu bei einer Neuwahl noch deutlich mehr Stimmen gewinnen als vor vier Wochen. Er will wieder antreten.

Von Frank Nordhausen und Gerd Höhler/RND

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