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Deutschland / Welt Wie gefährlich ist Geburtstagskuchen? Von Verboten, Ängsten und Helikoptereltern
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15:49 12.09.2019
Geburtstag bald ohne Kuchen: In Bissingen sollen nichts Selbstgebackenes mehr mit in den Kindergarten gebracht werden. Quelle: picture alliance / Andreas Frank
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Früher sagte man: Kinder, die ihren Vater zu selten sehen, bekommen einen Knacks weg. Das ist zweifellos richtig. Inzwischen gilt aber auch: Daueranwesende Mütter sind für Kinder schädlicher als dauerabwesende Väter.

Zeitgenössische Elternschaft bringt zwei Grundemotionen mit sich: Liebe und Angst. Es ist die Angst, das eigene Kind könnte verletzt werden. Oder gekränkt, missachtet, politisch inkorrekt behandelt, von anderen Kindern stigmatisiert, mit bösen Adjektiven überzogen, von Dampfwalzen überrollt, von wilden Löwen zerfleischt oder von grünen Aliens entführt. Das Problem: Ängstliche Eltern haben ängstliche Kinder. Kinder, deren Eltern alle Risiken auszuschalten versuchen, werden nicht lernen, mit den unkalkulierbaren Risiken des Lebens zurechtzukommen.

Kein Kuchen mehr in Bissingen

In der bayerischen Stadt Bissingen etwa vereinigen sich die Angst von Eltern und die Angst von Behörden derzeit auf das Seltsamste: In einem Kindergarten der Stadt Bissingen wird es ab sofort nicht mehr gern gesehen, wenn Kinder zum Geburtstag selbst gebackenen Kuchen von zu Hause mitbringen. Bunte Cupcakes mit Smarties zum Leonies fünftem Geburtstag für alle Kinder der Mäusegruppe? Nicht in Bissingen.

"Es sind Eltern auf uns zugekommen, dass sie Bedenken aufgrund von Hygienevorschriften haben", sagte die Kindergartenleiterin der "Augsburger Allgemeinen Zeitung". "Wenn es Sorgen gibt, dann gehen wir darauf natürlich ein." Konrad schrieb also einen Brief an die Elternschaft mit der Bitte: Verzichten Sie zu den Geburtstagen ihrer Kinder auf das Mitbringen von Selbstgebackenem. Hintergrund sei eine "Empfehlung des Gesundheitsamtes". Dies wiederum beruft sich laut Zeitung auf das Infektionsschutzgesetz. Das mache klare Vorgaben bezüglich der Hygienevorschriften für die gewerbliche Verpflegung in Einrichtungen wie Kindergärten.

Kein Kuchen mehr in Bissingen. Wegen Infektionsgefahr. Anderswo ist Eierauspusten zu Ostern untersagt. Entschuldigung: Geht's noch?

Angst macht unselbständig

Angst um die eigenen Kinder ist normal. Angst schützt davor, unkalkulierbare Risiken einzugehen. Kaum jemand ist so leicht zu verunsichern wie junge Eltern. Dabei gelten erfahrungsgemäß zwei Gesetzmäßigkeiten: Niemand ist so gnadenlos im Umgang mit Eltern wie andere Eltern. Und niemand kennt sich so gut mit Kindererziehung aus wie Menschen, die gar keine Kinder haben.

Aber es geht nicht nur um das Misstrauen der Eltern in die eigene Intiution. Es geht auch um die Angst der Gesellschaft vor Verantwortung. Um die Angst von Politikern, auf konkrete Aussagen festgenagelt werden zu können. Um die verbreitete Angst von Behörden, für irgendwelche Fehler zur Rechenschaft gezogen werden zu können. In allen Fällen hat diese Angst dieselben Folgen: Unselbständigkeit. Die Unfähigkeit, für das eigene Handeln Verantwortung zu übernehmen.

Sitzen wir bald im Raumanzug auf dem Sofa? Vor lauter Risikominimierung geht uns der Sinn für Verhältnismäßigkeit verloren.

Die Helikoptermetapher wird 50 Jahre alt

Das Phänomen der Helikoptereltern ist umfassend beschrieben. Es sind jene Väter und Mütter, die wie Beobachtungshubschrauber ständig um ihre Kinder kreisen, um sich - metaphorisch gesprochen - sofort schützend vor sie zu werfen zu können, wenn sich glühende Lavaströme, wütende Raubtieren oder feindliche Armeen nähern. Oder wenn Torben wieder "du alte Scheiße" zu Taliah gesagt hat. Die Hubschrauber-Metapher für überbehütende Eltern feiert in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag. Es war 1969, als der israelische Psychologe Haim G. Ginott in seinem Buch "Between Parent & Teenager" einen Jugendlichen mit den Worten zitierte: „Mother hovers over me like a helicopter“ (Meine Mütter wacht über mich wie ein Hubschrauber). In den Nullerjahren wurde es zum Massenphänomen - als Folge sich auflösender Gewissheiten.

Die richtige Balance zwischen Sicherheit und Freiheit ist nicht nur in der Erziehung akut. Es ist die Grundfrage der modernen Gesellschaft überhaupt. Im Kleinen spiegelt sich hier die Debatte im Großen: So viel Sicherheit wie möglich, so viel Freiheit wie nötig - was heißt das genau?

Kindheit in den Siebzigern - ein Spiel mit dem Feuer!

Eine Kindheit in den Siebzigern – das war im Vergleich zu heute ein Spiel mit dem Feuer! Ein Tanz auf dem Vulkan! Am Ende ist es ein Wunder, dass wir überlebt haben. Dass wir nicht allesamt gestorben sind angesichts der tödlichen Gefahren ringsherum. Unvorstellbare Szenen spielten sich ab: Da saßen unschuldige kleine Kinder im Kindergarten und haben mit echten Klopapierrollen gebastelt! Man wusste es ja nicht besser. Noch schlimmer: Viele haben zu Ostern sogar Eier ausgepustet! Echte Hühnereier, die mal im Hintern von Hühnern gesteckt haben! Wir haben aus Eierkartons ganze Häuser gebaut!

Das geht heute natürlich nicht mehr. In immer mehr Kitas ist das Eierauspusten verboten. Wegen der Hygiene. In Eiern ist Ei, und in Ei sind Salmonellen. Und Klopapierrollen hingen mal auf Toiletten, und auf Toiletten lauern derart viele Killerkeime, dass es ein Wunder ist, dass Kinder noch nicht routinemäßig per Kranvorrichtung über die Schüssel gehalten werden.

Die Keimparanioa greift um sich

Die Keimparanoia greift um sich: In vielen Krippen dürfen Kleinkinder nur noch mit Gummihandschuhen gewickelt werden. Und lernen gleich mal: Du bist schmutzig, ich will dich nicht anfassen. Topfblumen sind auch verboten – denn die Sporen in der Blumenerde können zur tödlichen Gefahr werden. Tod durch Usambaraveilchen! Selbst gebackener Kuchen in Bissingen? Um Himmels willen! Lieber die Zucker- und Fettbombe aus dem Supermarkt, die ist hygienisch einwandfrei produziert. Und Bilder im Flur bitte nur hinter Glas – Brandgefahr!

Wir sind ohne Helm BMX-Rad gefahren. Wir haben unverpackte Kaugummis aus dem Automaten gefischt und direkt in den Mund gesteckt. Wir sind in überhitzten Autos stundenlang nach Süden gerollt.

Erst wenn Erzieher und Eltern Haarnetz, Mundschutz, Gummischürze und in jeder Hand eine Flasche Sagrotan tragen, erst wenn Kitas und Kinderzimmer aseptische Reinräume mit dem Charme von Großschlachtereien sind, erst wenn sich Kinder nicht mehr trauen, Kastanien aufzusammeln, weil diese auf dem Boden liegen, werden wir feststellen, dass etwas verloren gegangen ist. Es ist das Vertrauen darauf, dass alles gut wird.

Von Imre Grimm/RND

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