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Deutschland / Welt Wikileaks enthüllt Kriegsverbrechen im Irak
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15:30 24.10.2010
Quelle: afp
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Folter, Hinrichtungen, sinnloses Blutvergießen: Die Internetplattform Wikileaks enthüllt Hunderttausende Akten der US-Armee zum Irakkrieg und spricht von massenhaft Kriegsverbrechen und Gräueltaten. Die Täter waren wie ihre Opfer zumeist Irakern. Aber die Dokumente zeigen auch schwere Verfehlungen der US-Soldaten und deren Söldnern. Zum Ärger der US- Regierung ist es das größte Leck in der Geschichte des Verteidigungsministeriums.

Allein für die Zeit von 2004 bis 2009 zeugen die Unterlagen von 109.000 Toten, davon weit mehr als 60.000 Zivilisten. 15.000 Opfer waren bisher unbekannt. Wikileaks überließ die Papiere ausgewählten Medien rund um den Globus, darunter auch dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“, der „New York Times“ und der britischen Zeitung „Guardian“.

Wikileaks-Gründer Julian Assange stellte sich am Samstag in London der Presse und rechtfertigte die beispiellose Bloßstellung der amerikanischen Streitkräfte. Die Dokumente seien klare Beweise für Kriegsverbrechen, sagte er. Mit Blick auf die empörten Regierungen in Washington, London und Bagdad sagte Assange, die Akten seien redaktionell so bearbeitet worden, dass niemand gefährdet werde.

Er kündigte weitere Enthüllungen an, obwohl die US-Regierung von Präsident Barack Obama aus seiner Sicht daran arbeite, den Handlungsspielraum mit neuen Gesetzen weiter einzuengen. „Wir machen weiter“, sagte Assange.

Wikileaks hatte bereits im Juli 90.000 geheime Dokumente zum Afghanistan-Krieg öffentlich gemacht. „Wir haben keine Berichte darüber, dass irgendjemand aufgrund der Veröffentlichungen geschädigt wurde“, sagte Assange.

Wie in dem Fall vom Juli war vermutlich auch bei den Irak- Dokumenten der 22 Jahre alte US-Gefreite Bradley Manning, der in Haft sitzt, die undichte Stelle.

Der Irak-Krieg hatte im März 2003 mit der Invasion der USA, Großbritanniens und verbündeter Staaten begonnen. Deutschland, Frankreich und Russland stellten sich gegen die sogenannte Koalition der Willigen. Der Feldzug war nicht durch den UN-Sicherheitsrat abgesegnet. US-Präsident Barack Obama erklärte den Krieg am 31. August 2010 für offiziell beendet.

US-Außenministerin Hillary Clinton reagierte wütend auf die Enthüllungen. Die nationale Sicherheit der USA und die ihrer Verbündeten sei bedroht. Auch das britische Verteidigungsministerium, US-Generalstabschefs Mike Mullen und die irakische Regierung verurteilten die Veröffentlichungen.
Das Verteidigungsministerium in Washington war außer sich: „Indem solch sensible Dokumente zugänglich gemacht werden, setzt Wikileaks weiter das Leben unserer Soldaten, unserer Verbündeten und von Irakern und Afghanen aufs Spiel, die für uns arbeiten“.

Wikileaks stellte nach eigenen Angaben 391 832 geheime Berichte der US-Streitkräfte ins Netz. Anhand tausender Bedrohungsanalysen, Angriffsberichte und Verhaftungsprotokolle lasse sich sehr genau rekonstruieren, „wie sich der islamische Bruderkampf zwischen Schiiten und Sunniten entfaltet hat“, schrieb der „Spiegel“. Die irakische Gesellschaft sei durch den Krieg brutalisiert worden.

Der Mitbegründer der Menschenrechtsorganisation Iraq Body Count, John Sloboda, der gemeinsam mit Assange in London auftrat, sagte, ein großer Teil der Daten stamme aus Berichten von US-Soldaten: „Es ist gut, dass es die Daten gibt, aber es ist schlecht, dass sie geheim gehalten wurden.“ Er schilderte den Fall eines kleinen Mädchens, das von britischen Soldaten brutal niedergeschossen worden sei.
Allein an US-Kontrollposten seien 861 Zivilisten von US-Soldaten getötet worden, schrieb die „Sunday Times“, sechs Mal soviel wie Aufständische.

Und von Pannen berichtete der „Guardian“. So sei auf der Jagd nach dem jordanischen Top-Terroristen Abu Mussab al-Sarkawi im März 2005 einem britischen Hubschrauber kurz vor dem Zugriff der Treibstoff ausgegangen, schrieb Sarkawi, auf dessen Kopf damals eine Belohnung von 25 Millionen US-Dollar ausgesetzt war, wurde ein Jahr später von US-Truppen getötet.

Die beschriebenen Folterungen und Hinrichtungen seien von den Alliierten nicht verfolgt worden, sagte Sloboda. Er gab die Gesamtzahl der Toten im Irak - anders als Wikileaks selbst - mit 150.000 an - davon vier Fünftel Zivilisten.

Die Dokumente enthüllen, dass im Irak mindestens 15.000 Zivilisten mehr getötet wurden als bisher bekannt - oft durch Folter. Wikileaks zitierte Augenzeugen mit den Worten: „Die einzigen Grenzen, die es gab, waren die Grenzen der Vorstellungskraft.“ In der Mehrzahl der Fälle gehe es um Taten von Irakern an Irakern.

Die „New York Times“ schrieb, dass Häftlinge geschlagen, versengt und ausgepeitscht wurden, sei nicht die Ausnahme gewesen. Einige der Folterungen seien von Amerikanern untersucht, die meisten aber ignoriert worden - „mit einem institutionellen Schulterzucken: Soldaten erstatteten Bericht und baten die Iraker, eine Untersuchung einzuleiten“.

Dem widersprach ein Pentagon-Sprecher. US-Soldaten seien stets im Einklang mit dem Gesetz und der internationalen Praxis gewesen: Begingen Iraker die Tat, seien die irakischen Behörden für die Ermittlungen zuständig. Die „New York Times“ spricht von einem „beängstigenden Porträt der Gewalt“. In einem Fall verdächtigten US-Soldaten irakische Offiziere, einem Gefangenen die Finger abgeschnitten und ihn anschließend mit Säure verätzt zu haben.

Im Irak wie auch in Afghanistan handele es sich um „moderne, westliche Kriege“, sagte Assange, gegen den in Schweden wegen sexueller Nötigung ermittelt wird. Die Wahrheit bleibe auf der Strecke, „lange bevor der Krieg beginnt und lange nach seinem Ende“.

Die irakische Regierung tat die Veröffentlichung als PR-Kampagne politischer Gegner ab. Die Dokumente enthielten „keinen einzigen Beweis dafür, dass sich die irakische Regierung oder Ministerpräsident Nuri Al-Maliki persönlich unpatriotisch verhalten haben“, ließ die Regierung in Bagdad erklären. Die Dokumente der US-Armee belegen, dass auch Al-Maliki unterstellte Einheiten an Misshandlungen beteiligt waren.

dpa

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