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Deutschland / Welt Wortloser Protest: Dieses Buch hält Julian Assange in Richtung Kameras
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16:54 11.04.2019
Julian Assange hält während seiner Festnahme in London das Buch: „History of the National Security State“ in den Händen. Quelle: imago images / Italy Photo Press
London

Nach sechs Jahren in der ecuadorianischen Botschaft in London ist der Wikileaks-Gründer Julian Assange festgenommen worden. Auf Videomaterial ist zu sehen, wie der 47-jährige gebürtige Australier während seiner Festnahme, umringt von zahlreichen Sicherheitsmännern, zu einem bereitstehenden Einsatzfahrzeug gebracht wird. Dabei hält er demonstrativ ein Buch in Richtung Kameras.

Dabei handelt es sich um die Geschichte des Sicherheitstaates von dem Journalisten Paul Jay, der Interviews mit dem Autoren Gore Vidal geführt hat. Auf Englisch heißt das Buch: „History of the National Security State“. Als Themen werden unter anderem der Kalte Krieg, die Regierung des Präsidenten Dwight D. Eisenhauer (1953-1961) sowie die Kennedy-Familie behandelt. Zudem die Atombombe, Franklin Delano Roosenvelts Vision eines Amerikanischen Reiches, sowie die Bush–Regierung und Wahlbetrug in Ohio bei den Wahlen 2004.

In dem Buch skizziert der Autor in Interviews die historischen Ereignisse, die zum Aufbau des Sicherheitsstaates in den USA geführt haben. Auf der Rückseite des Buches ist die Rede vom Aufbau eines „massiven Militär-Industrie-Sicherheitsapparates“ sowie der politischen Kultur, die zu einer „Imperial Presidency“, einer „kaiserlichen Präsidentschaft“ geführt hätten.

„Lasst uns hoffen, dass es nicht das Ende ist“

Zitiert wird Vidal mit folgenden Sätzen: „Ich glaube, jeder sollte einen genauen Blick auf die Welt um sich herum werfen und sich erinnern, dass praktisch alles, was er über andere Länder erzählt bekommt, unwahr ist.“ Auch was uns darüber erzählt worden ist, wer wir sind, was unsere größten Stärken sind und wie sehr wir geliebt werden – das alles sollten wir vergessen, schreibt er.

Assange auf dem Weg in den Gerichtssaal. Er muss die Auslieferung in die USA fürchten – wegen der er sich jahrelang in der Botschaft versteckt hielt. Quelle: imago images / ZUMA Pressimago images / ZUMA Press

Wir hätten eine Stärke, schreibt er. Aber es sei die Art von Stärke, „die einem die Hand abreißt, während man eine Granate hält“. Diese Stärke könne einen selbst umbringen und auch morden. Weiter schreibt er: „Hier sind wir. Und lasst uns hoffen, dass es nicht das Ende ist, auch wenn alle Zeichen anzeigen, dass nicht der gelbe Ziegelsteinweg vor uns liegt.“

Lesen Sie auch: Julian Assange – vom Wikileaks-Gründer zum Staatsfeind

Das Bild des gelben Ziegelsteinwegs, im Englischen „The yellow brick road“, entstammt dem Kinderbuch „The Wonderful Wizard of Oz“ von L. Frank Baum, auf Deutsch: „Der Zauberer von Oz“. Die Straße führt in dem Kinderbuch zum Zauberer von Oz, der die Fähigkeit hat, aus einer ausweglosen Situation zu helfen.

Der Vorwurf aus den USA: Verschwörung mit Chelsea Manning

Assange setzt mit dem Zeigen des Buches ein Zeichen. Die US-Justiz wirft ihm Verschwörung mit der Whistleblowerin Chelsea Manning vor. Assange werde beschuldigt, Manning dabei geholfen zu haben, ein Passwort eines Computernetzwerks der Regierung zu knacken, hieß in einer Mitteilung des Justizministeriums zum US-Auslieferungsantrag an Großbritannien.

Manning ist IT-Spezialistin und wurde im Mai 2010 verhaftet, da sie Videos und Dokumente der US-Streitkräfte kopiert und Wikileaks zugespielt haben soll. Sie wurde zu einer Freiheitsstrafe von 35 Jahren verurteilt, 2017 erließ der damalige US-Präsident Barack Obama den Rest der Strafe.

Demonstranten stehen in London vor dem Gerichtsgebäude. Quelle: Dan Kitwood/Getty Images

Julian Assange gilt als maßgeblicher Mitgründer der Enthüllungsplattform Wikileaks, die Einblick in unethisches Verhalten von Regierungen und Unternehmen verspricht. Seinen Kritikern gilt er jedoch vielfach auch als selbstgefälliger Akteur, der mit der Veröffentlichung heikler Informationen sogar das Leben anderer Menschen aufs Spiel setze.

Veröffentlichung brisanter US-Dokumente aus den Kriegen in Afghanistan und im Irak

Bekannt wurde die Enthüllungsplattform unter anderem durch die Veröffentlichung von brisanten US-Dokumenten aus den Kriegen in Afghanistan und im Irak. Zuletzt war Assange in die Kritik geraten, nachdem während der heißen Wahlkampfphase in den USA vertrauliche E-Mails von Servern der Demokraten gestohlen und teils auf Wikileaks veröffentlicht wurden.

Das wurde als gezieltes Störfeuer gegen die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton gewertet. Die Server der Demokraten waren nach Erkenntnissen von IT-Sicherheitsexperten von russischen Hackern geknackt worden.

Leben in der Botschaft aus Furcht vor der Auslieferung

Bei der Gründung von Wikileaks 2006 war Assange eine zentrale Figur. Er ist auch innerhalb der Hackerszene umstritten. So gab es etwa Kritik an seinem autoritären Umgangsstil und auch wegen der Vorwürfe sexueller Vergehen, die in Schweden gegen ihn erhoben worden waren. Die Anklage in Schweden war dann allerdings fallengelassen worden, während Assange in der Londoner Botschaft Ecuadors lebte, um einer Auslieferung zu entgehen.

Andere verehren Assange wie einen Helden und nennen ihn charismatisch. Während seines mehrjährigen Asyls in der Botschaft hatte er auch Besuch von Prominenten wie Popsängerin Lady Gaga und Schauspielerin Pamela Anderson bekommen.

Fast sieben Jahre lebte Julian Assange in der ecuadorianischen Botschaft in London, um seiner Festnahme zu entgehen. Nun hat das Land ihn vor die Tür gesetzt - und die britische Polizei schlug umgehend zu. Die USA wollen eine Auslieferung.

Von Naemi Goldapp/RND/dpa

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