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Deutschland / Welt Zehntausende Studenten und Schüler demonstrieren bundesweit
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21:28 17.11.2009
Quelle: ddp
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Vor dem Roten Rathaus wehen die Transparente. „Gemeinsam kämpfen für freie Bildung“ steht auf einem, „Ich studiere Afrika und Asien in drei Jahren“ auf einem anderen. Aus Lautsprechern mitten in der Hauptstadt tönt laute Punkmusik, Tausende Studenten und Schüler skandieren Parolen wie: „Da sitz ich nun mit Bachelor und bin so klug als wie zuvor.“

Deutschlands Studenten sind unzufrieden. Am Dienstag haben sie das in Berlin und in Dutzenden anderen Städten lautstark deutlich gemacht. In Berlin sollen es laut Veranstaltern 15.000 Teilnehmer gewesen sein, in München 7000 Demonstranten, in Wiesbaden 6000, die Bannmeile wurde verletzt. In Essen kam es laut Polizei zu Straßenblockaden.

Es ist der zweite große „Bildungsstreik“ in diesem Jahr. Vor fünf Monaten demonstrierten rund 200.000 junge Menschen gegen Studiengebühren und für bessere Bildung. 85.000 sollen es den Organisatoren zufolge am Dienstag gewesen sein, die auf den Straßen ihrem Ärger über die „Bildungsmisere“ meist friedlich Luft gemacht haben. Auch in Österreich, Frankreich, Polen und anderswo gab es Aktionen. Die Organisatoren sprechen bereits von einer „internationalen Bewegung“. Liedermacher Konstantin Wecker fühlt sich gar an die 68er-Proteste erinnert und sieht einen „umfassenden gesellschaftlichen Charakter“ der Aktionen.

Wie viel Revolutionsromantik bei den Studenten heute auch immer noch vorhanden sein mag, die Klagen auf den Transparenten deuten eher auf Handfestes: Die Studiengebühren machen den Studierenden zu schaffen, das Geld für Bildung reicht nicht, die Qualität der Lehre ist gesunken – und gleichzeitig steigt der Leistungsdruck ins Unermessliche.

An der Uni Heidelberg berichtet am Dienstag die Psychologische Beratungsstelle von einem Zuwachs der Betreuungen um mehr als 20 Prozent allein im vergangenen Jahr. Die häufigste Diagnose: sogenannte Managersymptome – Stress, hohe Erwartungen, Multitasking. Am Ende steht bei einigen sogar der Burn-out – schon bevor der Schritt ins Berufsleben überhaupt ansteht. In Oldenburg antwortete am Dienstag eine demonstrierende Kunststudentin aus Oldenburg auf die Frage, wie viele Bilder sie denn malen müsste: „Seit ich Kunst studiere, komme ich gar nicht mehr dazu, Bilder zu produzieren.“ In Dresden stellten sich bei einem übers Internet organisierten „Flashmob“ Dutzende Studenten gar plötzlich tot, indem sie sich vor einem Kaufhaus minutenlang stumm auf den Boden fallen ließen. Das Transparent-Motto zu der ungewöhnlichen Aktion: „Tatort Bologna: Opferzahl steigend“.

In studentischen Kreisen ist das Wort Bologna-Reform längst ein Reizwort. Was vor zehn Jahren als großes, europaweites Versprechen von mehr internationalem Austausch der Studenten, von einem international anerkannten Abschluss und einer besseren Organisation der Lehre begann, hat sich für viele Studierende als Mogelpackung entlarvt. „Uns fehlt der Freiraum, auch mal etwas zu vertiefen und abseits der vorgegebenen Materialien zu lesen“, sagt die 23-jährige Franka Oswald von der Humboldt-Universität Berlin im Protestzug. Sie studiert Skandinavistik. Nach ihrem dreijährigen Bachelorstudium strebt sie einen Master in Sozialwissenschaften an, „weil sie mit einem Bachelorabschluss in Skandinavistik keinen Job finden würde“. Oswald und ihre Mitstudenten stöhnen über die zu sammelnden „Credit Points“ bei den neuen Abschlüssen. Außerdem beklagen sie sich darüber, dass die erklärten Ziele der Reform nicht erreicht wurden. Im Gegenteil: Die Mobilität der Studierenden in der Europäischen Union hat ab- statt zugenommen, und auch die Abbrecherquote hat sich erhöht. Und ob Arbeitgeber einen sechssemestrigen Bachelorabschluss wirklich ernst nehmen, steht für die Absolventen auch noch in den Sternen. Für einen Protest reicht das allemal.

Und doch scheint die Rhetorik vom „heißen Herbst“ bisher nicht ganz stimmig. Der Grund: Den Studenten sind auf dem Weg von Hörsäle-Besetzungen in den vergangenen Wochen bis zu den Auftaktdemonstrationen am Dienstag scheinbar die Gegner abhanden gekommen. Ausgerechnet bei der Kernforderung nach einer Reform der Bologna-Reform fand sich kaum jemand, der sich den Protesten noch in den Weg stellt. Nicht die EU, die den Prozess der Angleichung der Hochschulausbildung initiiert hat, nicht die Bundesregierung, nicht die Länder, nicht die Universitäten. Ein Student der Ludwig-Maximilians-Universität in München sagte am Dienstag in eine Fernsehkamera, er fühle sich „überverstanden“.

Die politische Umarmung ist fast schon unheimlich. Die SPD hatte schon am Vortag der Proteste mit markigen Worten die Forderungen der Studenten unterstützt. Und der bildungspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Albert Rupprecht, MdB, erklärte per Pressemitteilung am Dienstag: „Die aktuellen Bildungsproteste an deutschen Hochschulen bestätigen den Reformkurs der Union.“

Auch Parteikollegin und Bundesbildungsministerin Annette Schavan äußerte schon „Verständnis“ für die Studenten, bevor sich der erste Protestzug in Bewegung gesetzt hatte. Sie sprach von „handwerklichen Fehlern“ bei der Einführung der neuen Studiengänge und kündigte gleich noch eine Bafög-Erhöhung ein. „Es gibt Anliegen, die kann ich gut verstehen“, sagte sie. „Dazu gehört die Frage, wie schaffen wir, dass die Umsetzung des Bologna-Prozesses und die neuen Studienstrukturen wirklich gut gelingen.“ Das Signal aus Berlin: Die Ministerin hat verstanden. Nur: In der Verantwortung seien nun die Länder, fügte sie noch hinzu. Bildung ist schließlich Ländersache.

So geht das Schwarzer-Peter-Spiel weiter. Der Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), Henry Tesch, spielt den Ball vom Bund weiter. Die Landesminister stimmten in Teilen mit der Kritik der Studenten überein, sagte der CDU-Politiker am Dienstag, schließlich hätte die KMK bereits im Oktober gemeinsam Veränderungen beschlossen, die nun aber von den Hochschulen umgesetzt werden müssten. „Die Studienordnung wird ja nicht in den Kultusministerien gemacht“, sagt er.

Aber auch in den Hochschulen finden sich in der Bologna-Frage kaum noch Gegner der Studenten. Die Hochschulrektorenkonferenz begrüßte die Forderungen genauso wie der Deutsche Hochschulverband, in dem viele Professoren organisiert sind. Die Klage über die Stofffülle und Prüfungsdichte sei berechtigt, erklärte DHV-Präsident Bernhard Kempen. Und auch der Präsident des Deutschen Studentenwerks, Rolf Dobischat, sagt: „Studierende pochen zu Recht auf bessere Studienbedingungen und bessere Bachelorstudiengänge.“

So viel Zustimmung ruft Skepsis hervor. So bleibt bei den Organisatoren der „Bildungsstreiks“ auch nach dem großen Aktionstag ein ungutes Gefühl. Streik-aktivist Michael Kolain forderte am Dienstag Bund, Länder und Hochschulen vorsichtshalber alle zusammen zum Handeln auf. „Statt sich gegenseitig die Verantwortung für die Bildungsmisere zuzuschieben, sollten alle gemeinsam die längst offenbaren Probleme umfassend anpacken und beheben statt die anhaltenden Proteste auszusitzen“, sagte er.

Die nächsten Wochen werden zeigen, ob auch diese Forderung auf offene Ohren stößt.

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