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14:17 05.07.2019
Die Auschwitz-Überlebende Eva Kor ist im Alter von 85 Jahren in Krakau gestorben. Quelle: Julian Stratenschulte/dpa
Berlin

Als Eva Kor 2015 im Gerichtssaal dem Angeklagten die Hand gab, hielten viele Augenzeugen den Atem an. Sie, die jüdische Auschwitz-Überlebende, vergibt dem Täter, dem sogenannten Auschwitz-Buchhalter Oskar Gröning. Wie war das denn bitte zu verstehen?

Es ist schwer zu verstehen. Denn jedem von uns würde es wohl schwer fallen, denen zu vergeben, die nur eines wollten: uns töten. Und das möglichst grausam.

Eva und ihre Zwillingsschwester Miriam hießen damals noch Mozes mit Nachnamen und waren zehn Jahre alt, als in Auschwitz KZ-Arzt Josef Mengele mit ihnen zu experimentieren begann. Sie überlebten die Tortur, obwohl ihnen Mengele das Gegenteil versichert hatte. Ihre Familie wurde dagegen im Lager nahezu vollständig ausgelöscht.

Nur wenige Zwillinge überlebten

Die beiden Mädchen gehörten zu den wenigen Zwillingen, die Mengeles grausame Versuche überstanden. Eva Kor erzählte einmal darüber: „Ich krabbelte auf dem Boden, weil ich nicht mehr gehen konnte.“ Sie hat nie erfahren, was ihr der Lagerarzt injizierte.

Nach der Befreiung ging Kor zunächst nach Israel, später dann in die USA. Dort gründete und leitete sie das Candles Holocaust Museum and Education Center in Terre Haute im Bundesstaat Indiana. 2016 veröffentlichte sie ihre Autobiografie. Titel: „Die Macht des Vergebens“.

Und Kor war, so gesehen, eine mächtige Frau. „Als Opfer fühlt man sich verletzt, machtlos“, sagte sie einmal. „Ich habe begriffen, dass mir nur eine einzige Macht bleibt. Und die habe ich eingesetzt“, betonte sie in Interviews.

Kor wollte als Überlebende nicht auf die Reue der Täter warten. „das hieße ja wieder, ich gebe die Macht dem Täter. Ich will aber die Macht für mich, nicht für den Täter.“ Würde sie Mengele auf der Straße treffen, schrieb sie einmal, würde sie keinen Hass verspüren.

Heftige Kritik von Holocaust-Überlebenden

Etliche Holocaust-Überlebende kritisierten Kor teils heftig für ihre Ansichten. 1995 hatte sie persönlich am 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz den Nationalsozialisten ihre Taten vergeben. Als sie Gröning im Lüneburger Auschwitz-Prozess die Hand reichte, gaben 49 Nebenkläger in einer Erklärung ihr Unverständnis kund.

Doch die gebürtige Rumänin wich nicht von ihrem Kurs ab. „Sie haben mich nicht nur kritisiert“, erzählte sie später der BBC. „Sie nannten mich eine Verräterin.“ Sie habe jedoch vielen KZ-Überlebenden die Frage gestellt: „Wie kann meine Bereitschaft zu vergeben, dich verletzen?”

Sie werde nie vergessen, was ihr die Nazis angetan hätten. „Meine Vergebung spricht die Täter nicht frei. Und ich bin keine bemitleidenswerte Person, ich bin ein siegreicher Mensch, dem es gelungen ist, den Schmerz hinter mir zu lassen.“

Das Internationale Auschwitz Komitee (IAK) dankte trotz der Kontroversen am Freitag Kor für ihre Arbeit: „Die Auschwitz-Überlebenden verneigen sich mit Trauer und Hochachtung vor ihrer Weggefährtin Eva Mozes Kor, die die Welt immer wieder daran erinnert hat, wohin Antisemitismus und Hass führen können“, sagte IAK-Vizepräsident Christoph Heubner.

„Lasst aus Schmerz und Wut abschütteln“

Gröning, erzählte Kor später, habe sie die Hand gegeben, um ihm zu sagen, dass sie gegen ihn aussagen werde – ihm jedoch gleichzeitig dafür danken wolle, dass er mit der Übernahme von Verantwortung für seine Taten „ein bisschen menschliche Würde” gezeigt hätte.

Lesen sie bitte auch: Die letzten Angeklagten

Mit ihrer Vergebung hat Eva Kor viele Menschen gerührt, andere wütend gemacht oder beschämt. Sie selbst habe ihre Vergebung frei gemacht, sagte sie vor wenigen Jahren. „Ein Opfer hat das Recht, frei zu sein – und man kann nicht frei sein von dem, was einem angetan wurde, wenn man diese tägliche Last aus Schmerz und Wut nicht abschüttelt.”

Eva Kor starb am Donnerstag im polnischen Krakau.

Von Thoralf Cleven/RND

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