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Deutschland / Welt Schüler gegen Rechtsradikale: “Dass ich angespuckt werde, spornt mich an”
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07:15 10.10.2019
An der Stelle eines von Unbekannten abgesägten Gedenkbaums für die NSU-Opfer ist ein Schild mit der Aufschrift „Jetzt hackt's wohl? Was hat euch der Baum getan?“ zu lesen. Ein neuer Baum soll nun gepflanzt werden. Quelle: Claudia Drescher/dpa-Zentralbild
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Berlin/Zwickau

Dort, wo das Trio des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) um Beate Zschäpe zuletzt lebte, gab es lange Zeit kein Mahnmal für ihre Mordopfer. 2016 spendete eine Künstlergruppe zehn weiße Bänke. Kaum hatte man sie aufgestellt, wurden sie bereits beschädigt. Vor wenigen Wochen wurde in einem Zwickauer Park eine Eiche gepflanzt, in Gedenken an den 2000 vom NSU ermordeten Blumenhändler Enver Şimşek. Doch auch sie blieb nicht lange unversehrt. Unbekannte sägten den Baum in der vergangenen Woche ab. Und auch eine Bank mit einer Inschrift in Gedenken an die Opfer wurde kurze Zeit später zerstört.

Die Schüler des Peter-Breuer-Gymnasiums in Zwickau wollen sich mit diesem zerstörerischen Kreislauf nicht abfinden. Sie setzen ein Zeichen für das Gedenken. In ihrer Mittagspause legten sie Blumen an jenem Ort nieder, an dem die Eiche stehen sollte. Jakob Springfeld (17) hat die Aktion ins Leben gerufen.

Herr Springfeld, vergangene Woche zersägten Unbekannte den Baum in Gedenken an den 2000 vom NSU in Nürnberg ermordeten Blumenhändler Enver Şimşek. Später wurde auch eine Gedenkbank mit einer Inschrift zum Gedenken an die Opfer zerstört. Haben Sie damit gerechnet?

Es war nicht wirklich überraschend. Schon während der Fridays-For-Future-Demonstrationen haben wir des öfteren Probleme mit Rechtsradikalen gehabt. Doch es ist schon sehr dreist, dass sie einfach das Mahnmal zerstören.

Warum glauben Sie, dass es die Rechten waren?

Zum einen, weil rechte Medien direkt nach der Tat Stellung bezogen haben und sie verharmlosten. Im Netz schrieben sie: „Den NSU gab es nicht. #FakeTerror“. Und zum anderem, weil sie mit der zerstörten Bank die Tat wiederholten. Da liegt das Motiv schon nahe.

Nachdem Mahnmale eines NSU-Opfers zum wiederholten Mal zerstört wurden, gründete der 17-Jährige Jakob Springfeld eine Initiative, in Gedenken an Enver Şimşek. Quelle: Privat

Sie sind Mitglied bei den Jungen Grünen und aktiv bei Fridays For Future. Sie positionieren sich klar. Stoßen Sie auf Widerstand?

Natürlich teilen nicht alle meine Meinung. In der Schule läuft die Diskussion darüber sehr sachlich ab. Anders ist es bei den Demonstrationen: Im Voraus zur letzten Demo hat die rechte Szene Zwickau ein Bild von mir im Internet hochgeladen. So kannte mich jeder von ihnen – auch der „Dritte Weg“. (Anm. der Redaktion: Der „Dritte Weg“ ist eine rechtsextremistische Partei, die vor allem im Osten Deutschlands aktiv ist). Seither kam es schon öfter vor, dass ich auf der Straße beleidigt und angespuckt wurde. Das ist schon krass.

Haben Sie Angst?

Nein. Es spornt mich eher an weiterzumachen. Ich gehe zwar abends ungern allein nach Hause, aber die Unterstützung, die ich von den Zwickauern erfahre, gibt mir Kraft. Schließlich gibt es auch viele Bündnisse in der Stadt, die für ein buntes Zwickau einstehen. Und das sind weit mehr als der aggressive Teil.

Lesen Sie hier: Gedenkbaum für NSU-Mordopfer Enver Simsek abgesägt

Eine Bank, die an das NSU-Opfer Enver Simsek erinnert. Unbekannte hatten in der Nacht zum Sonntag eine erst am Freitag aufgestellte Holzbank mit einer Inschrift zum Gedenken an die NSU-Opfer zerstört. Quelle: Privat/dpa-Zentralbild/dpa

Wie geht Ihrer Meinung nach die Stadt mit der NSU-Vergangenheit um?

Teilweise nicht offen genug – vor allem wegen der AfD, die im Stadtrat sitzt. Die interessiert das nicht. Aber es gibt soziale und zivile Angebote, wie etwa das Bündnis für Demokratie und Toleranz, die sich für Menschen ohne Perspektiven und Zugehörigkeit einsetzen. Dadurch werden diejenigen angesprochen, die auch der „Dritte Weg“ versucht, für sich zu gewinnen.

Trotzdem haben Sie kurzerhand eine eigene Gedenkaktion ins Leben gerufen.

Als der Baum sowie die Bank zerstört wurden, habe ich ein Bild bei Instagram hochgeladen. In den Reaktionen ärgerten sich Freunde, dass Zwickau nun wieder schlecht dasteht. Weil die Schule direkt neben dem Ort liegt, kam mir die Idee, die Aktion zu machen und an dem Ort Blumen niederzulegen. Das hat sich dann ziemlich schnell verbreitet. Wir wollten zeigen, dass das nicht unser Zwickau ist.

Warum sollten Schüler das Gedenken wachhalten?

Es betrifft unsere Zukunft und auch die Zukunft in der Stadt. Gerade unter Jugendlichen gibt es hier Probleme. Vor allem weil der „Dritte Weg“ immer mehr Jugendliche zu sich zieht. Im Gegenzug ermutigt das Schüler, sich politisch zu engagieren. So wie bei der Aktion am Mahnmal: Wir hatten das Bedürfnis, ein Zeichen zu setzen.

Macht es Ihre Generation politischer?

Ja. Wir werden durch die Vorfälle gezwungen, uns mehr mit dem NSU auseinanderzusetzen.

Privatpersonen, die Stadt und das Auschwitz Komitee sammeln nun Geld, um neue Bäume zu pflanzen. Haben Sie Sorge, dass sie erneut abgesägt werden?

So, wie es vergangene Woche nicht überraschend kam, würde es mich nicht wundern, wenn es erneut geschehen würde.

Wie ließe sich das Gedenken bewahren?

Das Wichtigste ist, über das Problem zu reden statt irgendwelche Sachen zu bauen. Wir müssen mehr über das Thema Rechtsextremismus diskutieren und überlegen, wie wir jene, die so denken, zurückgewinnen können. Ich denke, das wäre der richtige Weg.

Von Fabian Boerger/RND

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