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Politik Eine Bühne für „Hassprediger“
Nachrichten Politik Eine Bühne für „Hassprediger“
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22:30 12.10.2011
Zwei Rechtsradikale übernehmen das Budapester „Neue Theater“ – zum Entsetzen vieler Ungarn. Quelle: dpa (Archivfoto)
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Doch jetzt darf Csurka, der seine Gesinnung mit dem Begriff „völkisch“ umschreibt, als Intendant des renommierten „Neuen Theaters“ in Budapest auf einer großen Bühne Regie führen. Der rechtskonservative Bürgermeister der ungarischen Hauptstadt, István Tarlos, hat ihm als Direktor den Theatermann György Dörner zur Seite gestellt. Beide sind nach Einschätzung ungarischer Oppositioneller „rechte Hassprediger und Antisemiten“.

Das Duo verkündete umgehend eine „Kriegserklärung“ gegen die „krankhafte Hegemonie der liberalen Bande, die so niederträchtig gegen uns protestiert“. Großes nationales Theater werde man machen, dröhnte Csurka, und aufräumen „mit dem westlichen Müll“. Das „Tingli-Tangli aus New York“ soll ungarischen Dramen weichen – womit Csurka in erster Linie die eigenen Stücke meint.

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Noch zu kommunistischer Zeit galt Csurka als Dissident. Einige Bücher wurden ins Deutsche übersetzt; er selbst von der Parteiführung einmal mit einem befristeten Publikationsverbot belegt. Doch zugleich zeichnete ihn die Führung der Volksrepublik Ungarn auch zweimal mit dem Staatspreis aus. Und 1993 wurde bekannt, dass Csurka seit der Niederwerfung des Ungarnaufstands 1956 durch sowjetische Panzer Spitzel des kommunistischen Geheimdienstes war, um Künstler auszuhorchen. Er habe vieles unterschrieben, aber keinen verraten, wehrte Csurka ab. Da hatte er sich bereits faschistoiden Verschwörungstheorien zugewandt und damit begonnen, gegen Minderheiten im Land zu hetzen.

Csurka polemisierte über die Ausbeutung Ungarns durch „Juden, Bolschewisten und Freimaurer“ und geiferte gegen eine „jüdische Weltverschwörung, die aus New York und Tel Aviv gesteuert wird“ – Parolen, die aus der Ideologie der deutschen Nationalsozialisten entlehnt sind. Erste Amtshandlung Csurkas als Intendant soll die Umbenennung des Schauspielhauses in „Hinterland Theater“ sein; ein Begriff, der im Ungarischen auch Heimatfront bedeutet. Dieser symbolisiere das „unter sozialliberalem Joch ächzende Ungarntum“, sagte Dörner.

Auf dem Schreibtisch des Budapester Bürgermeisters türmen sich derweil die Protestschreiben. Von „nationaler Schande“ ist darin meist die Rede. Tarlos dürfte das egal sein; er führe die Weisung von Ministerpräsident Viktor Orban aus, mutmaßen ungarische Medien. Das Kalkül: Csurka soll für Orbans rechtskonservative Fidesz unter braunen Extremisten werben, damit sich diese von der noch radikaleren Jobbik-Partei abwenden, die immer stärker wird. Csurka äußerte denn auch umgehend servilen Dank nach oben: „Endlich gibt es mit Orban jemanden, der das Land verändert.“

Alexander Dahl