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Niedersachsen Beurlaubter Stadtwerke-Chef gerät ins Zwielicht
Nachrichten Politik Niedersachsen Beurlaubter Stadtwerke-Chef gerät ins Zwielicht
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16:03 01.10.2010
Von Klaus Wallbaum
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Wie eine Spinne im Netz, eine giftige obendrein, wird der beurlaubte Wolfsburger Stadtwerke-Chef Markus Karp in diesen Tagen beschrieben: Überall habe er seine Fäden gesponnen und führe dabei Böses im Schilde – die Stadtwerke, so lautet der Vorwurf eines Mitarbeiters, sollten von Karp rechtswidrig zu einer CDU-Parteizentrale ausgebaut werden. Sozusagen als ein Gegengewicht zum Bündnis zwischen SPD, IG Metall und Volkswagen-Betriebsrat.

Diese Behauptungen sind bisher nicht belegt und werden scharf zurückgewiesen. Es steht Aussage gegen Aussage, die Justiz ermittelt. Bewiesen und unbestritten sind aber die besonderen Fähigkeiten des 44-jährigen Politikwissenschaftlers, der es schon früh zu großen Ehren brachte. „Ein begnadetes Kommunikationstalent“ sei Karp, heißt es von Freunden und Gegnern gleichermaßen. Einer, der begeistern und die Leute mitziehen könne. Und einer, der Wolfsburg immer als seine Heimat, als sein Zentrum begriffen hat. Allerdings zeigt sich heute, bei den Stadtwerken, dass er kaum noch zusammenführen kann – er hat das Hauen und Stechen im Unternehmen nicht verhindert, sondern eher befördert, heißt es.

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Nach dem Abitur begann Karp eine Banklehre, dann ein Wirtschaftsstudium mit pädagogischem Einschlag in Nürnberg. Die klassische Betriebswirtschaft ist ihm zu trocken, sagt er später, ihn hätten immer schon die Menschen und ihre Motivationen interessiert – also studierte er auch Philosophie in Straßburg. Mit 30 wurde er Doktor, danach ging er kurz in eine städtische Gesellschaft, wechselte dann aber mit 33 als Professor an die Fachhochschule im Brandenburgischen Wildau – für Betriebswirtschaft und Kommunikation.

Diese Hochschule ist ein bisschen so wie Karp selbst: rührig und gut vernetzt, ständig auf der Suche nach guten Namen, mit denen man sich schmücken kann. Karps langjähriger Förderer, der Wolfsburger Speditionsunternehmer und Oberbürgermeister Rolf Schnellecke, wurde vor zwei Jahren zum Honorarprofessor an diese FH berufen. Das geschah lange nach Karps Ausscheiden dort, aber in dem Bewusstsein, sich als Hochschule im Bereich der Logistik zu profilieren. Im Vergleich aller Brandenburger Fachhochschulen hat Wildau mittlerweile einen Spitzenrang.

Karp entdeckte in Wildau sein Talent als Marketing-Mann, als exzellenter Verkäufer von Politik. Als Schnellecke 2001 erstmals direkt gewählter Oberbürgermeister werden wollte, entwarf Karp seinen Wahlkampf – gradlinig, mit klaren und einprägsamen Botschaften. Die Sache ging gut, und Niedersachsens Oppositionsführer Christian Wulff engagierte Karp für seinen Landtagswahlkampf. Der Wolfsburger brachte ein Team von jungen Leuten mit, die in die CDU-Landesgeschäftsstelle einzogen – und dort, im alten Apparat, skeptisch beäugt wurden. Maik Nahrstedt, der jetzt die Vorwürfe gegen Karp geäußert hat, gehörte nach Darstellung der CDU nicht zum engeren, sondern nur zum erweiterten Kreis. „Der ist dauernd um Karp herumscharwenzelt, hat aber nie etwas gesagt“, sagt einer aus der Wahlkampftruppe.

Offenbar schaffte es Karp aber, die Vorbehalte gegen ihn abzubauen, denn am Wahlabend lagen sich er und Landesgeschäftsführer Thomas Etzmuß in den Armen. „Es ist seine Art, immer locker, großzügig und zuversichtlich zu erscheinen“, sagt ein Weggefährte von Karp. Der jugendliche wirkende Mann sei „absolut uneitel, ein Kumpeltyp“, aber gleichzeitig jemand, der andere mitreißen kann. Dies war wohl auch der Grund, weshalb Wulff ihn Anfang 2002 engagierte: Er sollte die nach vielen Niederlagen ermattete Partei aufmuntern, ihr die Aussicht auf einen Sieg geben.

Früh gab Karp den Landtagskandidaten Aufgaben, um sie zu beschäftigen – etwa Rosen-Verteilen am Muttertag, ein halbes Jahr vor dem Wahltermin. Sprache und Bilder passten bei Karps Kampagnen-Konzept zusammen. Wenn er auch selbst den Slogan nicht erfunden hatte, konnte er ihn doch gekonnt verbreiten. Dass wenige Monate vor dem Wahltermin eine neue Werbeagentur engagiert werden musste, weil die alte der CDU-Spitze überfordert schien, ging zwar auf Karps Konto, wurde ihm aber nicht angelastet. Er war der Mann für die Initialzündung, nicht der Mann für die perfekte Umsetzung.

Nach dem Wulff-Erfolg ließ Karp sich feiern, sogar noch ein Jahr später bei einem Kongress, zu dem er hochrangige Wahlkampf-Strategen aus allen Teilen der Republik in Wolfsburg auffahren ließ. Karps Rat wurde immer gefragter, er managte den Wahlkampf für die CDU-Oberbürgermeisterkandidatin Dietlind Tiemann im roten Brandenburg an der Havel – wieder mit Erfolg. Dann holte ihn die Potsdamer Wissenschaftsministerin Johanna Wanka als Staatssekretär nach Potsdam, doch dort blieb er nur für ein Jahr, nach einem Radunfall bat er um den Abschied – und übernahm die Führungsposition bei den Stadtwerken. Ein Versorgungsposten? Es wird ein Stressposten.

Karp, der so gut vermitteln konnte, geriet hier offensichtlich an seine Grenzen, denn dem Kommunikationstalent will in diesem Unternehmen nicht gelingen, was vorher bei ihm immer geklappt hat: die Leute zusammenzuführen, sie für ein gemeinsames Ziel zu begeistern. Lange Zeit galt Karp als jemand, der Schnellecke irgendwann als Oberbürgermeister beerben könnte. Doch das ist wohl mittlerweile Vergangenheit.