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Niedersachsen So schaden Schottergärten dem Artenschutz vor der Haustür
Nachrichten Politik Niedersachsen So schaden Schottergärten dem Artenschutz vor der Haustür
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17:29 13.05.2019
Kein Lebensraum für Insekten: Schottergärten wie dieser in Bremen sind umstritten. Quelle: Carmen Jaspersen/dpa
Hannover

Die große Koalition in Niedersachsen will verstärkt gegen den Trend zu Steingärten vorgehen. In einem gemeinsamen Entschließungsantrag fordern die Landtagsfraktionen von SPD und CDU die Landesregierung auf, „in Zusammenarbeit mit den Kommunen den bestehenden Rechtsrahmen auszuschöpfen, um die Entstehung sogenannter Schottergärten in Neubaugebieten einzudämmen“.

Laut niedersächsischer Bauordnung müssen nicht überbaute Flächen eines Baugrundstücks Grünflächen sein – ausgenommen sind beispielsweise Zufahrten oder Terrassen. Für die Umsetzung vor Ort sind die Städte und Gemeinden verantwortlich. Nach dem Willen von SPD und CDU sollen die Kommunen genauer darauf achten, dass die Vorschriften umgesetzt werden. Verpflichten wollen die Koalitionspartner die Städte und Gemeinden zunächst aber nicht. „Wir wollen erst einmal einen stärkeren Fokus auf das Thema legen“, sagt Marcus Bosse, umweltpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion.

Schlecht für die Artenvielfalt

Schottergärten gelten als pflegeleicht und werden darum immer beliebter. Dabei schade diese Art der Gartengestaltung der Artenvielfalt und dem Stadtklima, begründet Bosse den Antrag. „Die Steine erhitzen sich in der Sonne und geben dann die Wärme wieder ab“, sagt er. Darum solle sich das Land an die Städte und Gemeinden wenden und auf die negativen Folgen hinweisen. Die Kommunen wiederum können ein Verbot solcher Gärten in Bebauungsplänen für Neubaugebiete oder auch in einer Vorgartensatzung festlegen.

Auch Umweltverbände kritisieren den Trend zum grauen Vorgarten. Matthias Freter, Gartenexperte des Naturschutzbundes (Nabu) in Niedersachsen, appelliert an die Bürger: „Heimische Pflanzen brauchen im Gegensatz zu standortfremden Pflanzen weniger Pflege. Außerdem locken sie Schmetterlinge, Hummeln und Vögel in den Garten.“ Wer seinen Garten standortgerecht plane, trage zur Artenvielfalt bei, sagt der Gartenexperte.

Vorreiter bei der Bekämpfung der Schotterbeete ist Bremen. Vergangene Woche hat die Bürgerschaft auf Initiative der Grünen ein Gesetz beschlossen, wonach Außenflächen und Flachdächer bei Neubauten künftig zu begrünen sind. Fahrradstellplätze und Terrassen dürfen weiterhin gepflastert werden, große Steinbeete sind dagegen nicht erlaubt.

Hannover wartet ab

Auch die Umweltminister der Länder haben sich mit dem Thema auf ihrer Konferenz in Hamburg in der vergangenen Woche beschäftigt. Sie fordern eine bundesweite Kampagne für insektenfreundliche Gärten – finanziert vom Bund. Wie die große Koalition in Niedersachsen haben sich aber auch die Umweltminister nicht für ein bundes- oder landesweites Verbot der Schotterwüsten ausgesprochen, das sei Sache der Kommunen. „Kontrollen von Privatgärten hält der Minister für überzogen“, teilte Justina Lethen mit, Sprecherin des niedersächsischen Umweltministeriums.

Auch die Stadt Hannover reagiert bisher verhalten auf die Idee, Schottergärten ganz zu verbieten. Bebauungspläne entsprechend anzupassen, wie das bereits einige Städte in Hessen tun, ziehe die hannoversche Stadtplanung derzeit nicht in Betracht, teilte Sprecherin Michaela Steigerwald mit.

Spott bei Facebook und Instagram

Den Schottergärten den Kampf angesagt hat auch der Biologe Ulf Soltau aus Berlin – mit seiner Satireseite „Gärten des Grauens“, die er bei Facebook und Instagram präsentiert. Dort teilt er täglich Fotos von kargen Vorgärten mit gut 50.000 Fans, immer begleitet von einem satirischen Text. Zusätzlich verleiht Soltau eine zweifelhafte Auszeichnung. Das emsländische Papenburg etwa erhielt im vergangenen August den „Terror Gardening Award“.

19.1267 Mittlerweile hat der Schottergarten Einzug in die wissenschaftlichen Annalen der Kulturhistorie des Gartenbaus gefunden und lässt sich unter "A", wie "Arschgeweih der Wüstenrot-Siedlung", nachschlagen.

Gepostet von Gärten des Grauens am Freitag, 10. Mai 2019

Bienenexperte: „Das ist die Steigerung der Insektenfeindlichkeit“

Jürgen Frühling ist Vorsitzender des Landesverbandes Hannoverscher Imker.

Herr Frühling, warum sind Steingärten so gefährlich für Bienen? 

Sie bringen den Bienen absolut nichts. Dort wird eine Folie einzogen und Schotter aufgebracht. Jegliches Pflanzenwachstum, Wildkräuter und Blumen, die für Insekten geeignet sind, haben da keine Chance. Das ist so ähnlich wie eine betonierte Fläche.

Wie viel Garten braucht die Biene?

Der kurzgeschnittene Rasen bringt den Bienen in der Regel auch nichts an Nahrung. Aber zumindest haben sie da noch die Chance, Wohnraum zu finden. Sandbienen nisten zum Beispiel in der Erde. Selbst das ist bei einem Schottergarten schon nicht mehr möglich. Das ist die Steigerung der Insektenfeindlichkeit schlechthin.

Wie können Menschen ihre Gärten besonders bienenfreundlich gestalten?

Indem sie erst mal ein bisschen Pflanzenkunde betreiben. Zum Beispiel gibt es gewisse insektenfreundliche Blühmischungen. Diese Pflanzen bieten den Bienen über die ganze Vegetationsperiode Nahrung – und den anderen Insekten natürlich auch. Und auch wer keinen Garten hat, kann etwas tun. Selbst Balkons lassen sich insektenfreundlich gestalten mit entsprechender Bepflanzung, die den ganzen Sommer Nahrung bietet. Das wird auch von Wildbienen sehr gut angenommen.

Mehr zum Thema:

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Von Johanna Stein

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